Presse soll Behinderte nicht mehr an Rollstühle fesseln

Der Deutsche Presserat soll ein Benachteiligungsverbot für Menschen mit Behinderungen in seinen Pressekodex aufnehmen und so zur Umsetzung dieses Verfassungsgebots beitragen, fordert der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland (ABiD).

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Der Deutsche Presserat soll ein Benachteiligungsverbot für Menschen mit Behinderungen in seinen Pressekodex aufnehmen und so zur Umsetzung dieses Verfassungsgebots beitragen, fordert der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland (ABiD). Der ABiD greift damit als erster Behindertenverband eine Initiative von Betroffenen auf, der sich weitere Organisationen anschließen sollen.

„Im praktischen Alltagsleben begegnen uns Menschen mit den verschiedensten Behinderungen, immer wieder Diskriminierungen. Teils offen, häufig versteckt, immer verletzend. Es wäre also durchaus wichtig, wenn sich die Journalistinnen und Journalisten freiwillig dazu bekennen würden, solche Benachteiligungen weder vorsätzlich noch fahrlässig zuzulassen und ihnen offensiv entgegen zu treten, wo sie ihrer gewärtig werden“, forderte heute der ABiD-Vorsitzende, Dr. Stefan Heinik, in einem Schreiben an den Geschäftsführer des Deutschen Presserats, Lutz Tillmanns. Heinik nannte als Beispiel die häufig verwendete journalistische Floskel „an den Rollstuhl gefesselt“. „Damit meint man, die Schwere des Schicksalsschlags treffend ausgedrückt zu haben. In Wirklichkeit reproduzieren sie damit immer wieder nur das völlig falsche Bild vom ’ständig leidenden Behinderten‘. Besonders absurd wird das, wenn noch ganz erstaunt konstatiert wird, wie fröhlich, mit welchem Lebensoptimismus und wie ungezwungen die Betreffenden ‚Ihren Alltag meistern'“, kritisierte Heinik. Der Rollstuhl sei für diejenigen, die ihn benutzen, als eines der wichtigsten Hilfsmittel eine Voraussetzung für ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Der ABiD-Vorsitzende verlangt von der Presse die Vermittlung positiver Bilder. „Sagen Sie, dass wir mit unseren Beeinträchtigungen leben, lieben, arbeiten, feiern, trauern, schimpfen und anderes, jedenfalls am Leben teilnehmen und teilhaben. Uns auch einmischen“, erklärte er gegenüber dem Presserat.

Unter einem solchen Blickwinkel seien behinderte Menschen auch wesentlich leichter kritisierbar, und es brauche dann keine falsche Rücksicht auf die „ständig Leidenden“ genommen zu werden. Heiniken fordert die Presse dazu auf, falsches Mitleid, das behinderte Menschen zu „Unberührbaren“ mache, zu überwinden. Dabei könne sich die sehr positive menschliche Eigenschaft echten Mitgefühls freier entfalten.

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0 Kommentare

  • Vor einiger zeit habe ich – wie schon öfter – nach einem ORF-Bericht, sofort an den zuständigen redakteur gemailt und folgende Antwort bekommen, die zu hoffnung anlass gibt: Danke für Ihre Zuschrift und danke auch, mich auf das von Ihnen kritisierte Sprachungetüm aufmerksam zu machen.

    Sie haben Recht, noch viel zu häufig verwenden wir unbedachterweise Redewendungen, die für die Betroffenen diskriminierend wirken können. Im konkreten Fall schien mir das „an den Rollstuhl gefesselt sein“ besonders geeignet, weil Alberto Torregiani ja nicht Opfer eines „normalen“ Unfalls (Auto, Bergsteigen etc.) ist, sondern durch den bewaffneten Überfall von Terroristen ein Leben lang behindert sein wird – und nicht zuletzt, weil Alberto selbst auf Italienisch einen vergleichbaren Ausdruck verwendet hat: es sei die Schuld Battistis, „che mi trovo in carrozzina“, daß „ich mich im Rollstuhl befinde“.

    Sie können sicher sein, daß ich mich in Zukunft um einen reflektierteren Umgang mit solchen eingeschlieffenen Redensarten bemühen werde.Herzliche Grüße Lorenz Gallmetzer

  • Mir geht das andere Extrem aber genauso auf die Nerven: Jubelberichte, wo wir dann nur noch „fröhlich, optimistisch und ungezwungen“ sind und Probleme, die es halt sehr wohl auch gibt, (dadurch) bagatellisiert werden.

  • ja ja ja – auf zur bewußtseinsarbeit!!!