Problemlos reisen mit der ÖBB (?)

Wir dachten: Bald ist es soweit. Im Muskel Aktiv 4/91 haben wir unter der Überschrift "ÖBB ein (bald) behindertenfreundliches Unternehmen" von den Bemühungen der ÖBB berichtet.

Hebelift der ÖBB
BIZEPS

DSA Marina Posch und ich hatten damals bei einer Pressekonferenz einen behindertengerechte Reisewagen und die neuen Hebelifte am Westbahnhof begutachtet. Voll Optimismus dachten wir: Jetzt kann es nicht mehr lange dauern, bis die ÖBB ein behindertengerechtes Service anbietet.

2 1/2 Jahre später: Leider nein !

Unsere Hoffnungen wurden aber nicht erfüllt. Weder gibt es heute ausreichend Hebelifte, noch hat die ÖBB ausreichend rollstuhlgerechte Züge angeschafft. Dieser Artikel beschreibt den aktuellen Stand der Waggons, der Hebelifte und den umgebauten Bahnhof Graz.

Hebelifte

Geplant war, daß mit dem Hebelift RollstuhlfahrerInnen leicht und schnell in den Waggon gehoben werden können.

1991: für 200 Bahnhöfe gefordert

Im Winter 1991 forderten NR Guggenberger (SPÖ), NR Feurstein (ÖVP), NR Partik-Pable (FPÖ) und NR (Srb) Grüne in einem Entschließungsantrag die Beschaffung von Hebeliften für 200 Bahnhöfe.

1992: für 150 Bahnhöfe versprochen

Im Behindertenführer der ÖBB liest man, daß mit „Jahresende 1992 auf ca. 150 Bahnhöfen“ Hebelifte geplant sind.

1993: für 103 Bahnhöfe gekauft

Laut Schreiben der ÖBB waren „mit Ende 1993 103 ÖBB-Bahnhöfe mit Hebeliften für Rollstuhlreisende ausgestattet.“

Abgesehen vom laufenden Geringerwerden der Anschaffungspläne, hat die Praxis ergeben, daß diese Hebelifte nicht optimal sind. Immer wieder hört man von Bediensteten der ÖBB, daß der Hebelift zu umständlich und unpraktisch ist. (Meist muß man den Hebelift quer durch den Bahnhof schieben.)

Das Voranmelden der Hebelifte bei Umsteigevorgängen bereitet meist größere Probleme, weil immer wieder der Hebelift nicht zum vereinbarten Zeitpunkt am Bahnsteig steht und daher der Zug am Weiterfahren gehindert wird.

Ein meist unbeachteter Umstand: Die Benutzung der Hebelifte gerät meist zu einem Auflauf von Bediensteten.

Als Alternative

schlagen fortschrittliche Behinderte folgende Lösung vor: Einstiegshilfe und behindertengerechter Waggon dürfen nicht getrennt werden.

Logische Konsequenz: Die Einstiegshilfe muß am Waggon montiert sein ( = fahrzeuggebundene Einstiegshilfe). Die vorhandenen mechanischen Hebelifte können nur eine Übergangslösung sein.

In den USA,

wo diese Lifte schon viele Jahre in Verwendung sind, überlegt man daher den Ankauf von Waggons mit fahrzeuggebundenen Einstiegshilfen.

Waggons

In einem Entschließungsantrag vom Winter 1992 forderten NR Kukacka ÖVP und NR Srb Grüne, daß in allen Intercityzügen und internationalen Zügen ein rollstuhlgerechter Wagen mitgeführt wird.

Ende 1993 gibt es erst 33 rollstuhlgerechte Waggons mit WC´s und es ist nicht geplant neue zu beschaffen. Dieses „Angebot“ ermöglicht es Behinderten mit z. B. Elektrorollstühlen nicht, die ÖBB zu benützen.

Wien – Graz: 1 Waggon/Tag

Wer z. B. von Wien nach Graz fahren will (Immerhin die größte und zweitgrößte Stadt Österreichs) hat nur einen rollstuhlgerechten Waggon zur Verfügung. Dieser fährt in der Früh von Wien weg und kommt am Abend wieder in Wien an.

Nichts neues seit 1926 ?

Schon Otto Perl sprach sich in seinem Werk „Krüppeltum und Gesellschaft im Wandel der Zeit“, (Verlag Gotha) im Jahr 1926 dagegen aus, daß Reisen im Gepäckwagen für behinderte Menschen diskriminierend sind.

RaucherIn / NichtraucherIn

Für viele behinderte RollstuhlfahrerInnen ergibt sich folgendes zusätzliches Problem. Die ÖBB nimmt leider an, daß sie alle NichtraucherInnen sind.

Bahnhöfe

Ebenfalls im Winter 1991 wurde ein Vierparteienentschließungsantrag mit folgendem Text angenommen: „… dafür zu sorgen, daß möglichst rasch insbesondere Knotenbahnhöfe und sonstige stark frequentierte Bahnhöfe so ausgerüstet werden, daß behinderten Personen die Benützung der Bahn samt ihren Einrichtungen wesentlich erleichtert wird.“

Im profil 2/94 wurde geschrieben: „Seit Dezember des Vorjahres verbindet ein Personentunnel die Gleisanlagen des Grazer Hauptbahnhofes miteinander – ein nüchterner, aber freundlich heller Bau, dessen einziger Schnickschnack sich erfreulicherweise auf behindertengerechte Details beschränkt. So finden Sehbehinderte über ein Blindenleitsystem ihren Weg allein, und Gehbehinderte oder Kinderwagenschieber gelangen über Rolltreppen und Liftanlagen ohne Hindernisse an ihr Ziel.“

Recht guter Umbau

Josef Mikl hat für uns den Umbau begutachtet. Hier seine Beobachtungen:

  • Behindertenparkplatz 3,5 m breit, aber Zugang kann verparkt sein. (Ladezone)
  • Haupteingang (Stufen). Nebeneingang mit automatischer Türe und Hinweisschild
  • Halle mit stufenlosem Zugang, automatischer Türe, Verkaufsschalter für RollstuhlfahrerInnen nicht zugänglich
  • behindertengerechtes WC im Tunnel für alle zum Preis von S 5,– zugänglich
  • Beschilderung unzureichend (z. B. WC)

Was bringt die Zukunft ?

Die Knotenbahnhöfe werden in einem Milliardenprogramm neu gestaltet. Hier wird die ÖBB behindertengerecht (zumindest im Sinn der ÖNORM B 1600) bauen.

Warten auf die Studie des ISD

Nach einigen Jahren halbherziger Schritten steht die ÖBB vor folgendem Problem: Eine vom Institut für Soziales Design-ISD zu erstellende Studie wird in einigen Monaten wahrscheinlich kurz und knapp darlegen, daß der bisher eingeschlagene Weg unzureichend bzw. falsch war. (Hebellifte)

Hr. Falkensteiner (ÖBB) kann daher nur folgende Zeilen zu zukünftigen Maßnahmen der ÖBB für Behinderte schreiben: „Im Wagenbeschaffungsprogramm ist ein Ankauf weiterer rollstuhlgängiger Reisezugwagen derzeit nicht vorgesehen.“ Nur „Bahnhöfe die einen Bedarf für Hebelifte für 1994 anmelden, werden auch hiermit ausgestattet werden.“

Unkompliziert

könnte man bei der ÖBB zusammenfassen: Wir kaufen keine behindertengerechten Waggons mehr und liefern nur noch Hebelifte aus, wenn die Bahnhöfe dies fordern. Einige Bahnhöfe bauen wir um.

Trotzdem werden weiter Behindertenführer ausgeteilt, in denen es schon im Vorwort heißt: „Die Integration behinderter Menschen in das öffentliche Leben ist eine berechtigte Forderung. Die ÖBB tragen diesem Umstand seit Jahren Rechnung und richten ihre Fahrzeuge, Anlagen und Angebote auf die Erfordernisse dieser Kundengruppe aus.“

Diese Aussage stimmt zwar nicht, klingt aber gut.

Unsere Forderungen:

  1. Nur noch den Ankauf von fahrzeuggebundenen Einstiegshilfen.
  2. Nur mehr den Ankauf von behindertengerechten Waggons, bis jeder Zug zumindest zwei behindertengerechte Waggons (Raucher und Nichtraucher) hat.
  3. Die rasche Adaptierung aller Bahnhöfe. Verkürzung der Gehwege. Einbau von Aufzügen und Leitlinien.

Deutschland: Behinderte rügen „ICE light“

Die Bestellung der Deutschen Bundesbahn von 60 neuen Zügen der zweiten ICE-Generation ist auf scharfe Kritik der Interessensvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) gestoßen. Mit dem neuen „ICE light“ gäbe die Bundesbahn einen Zug in Auftrag, der wieder keine fahrzeuggebundene Einstiegshilfe habe, sagte Verbandsspecher Miles-Paul.

Behinderte würden so „weiterhin abhängig gehalten und zu entwürdigenden Voranmeldungen und Hilfestellungen gezwungen“, hält er gegenüber Leben und Weg 5/93 fest.

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