Putzpersonal rettet internationale Tagung

In Wien fand vom 6. bis 9. Dezember 2007 der KCTOS-Kongress: "Wissen, Kreativität und Transformationen von Gesellschaften" statt. Univ.-Prof. Dr. Elisabeth List protestiert schriftlich.

Elisabeth List
Ladstätter, Markus

„Wir sind empört und sehr betroffen“, hält Prof. Volker Schönwiese im BIZEPS-INFO Interview sichtlich verärgert fest.

Auch in einem Schreiben wurde von der vor Ort gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Disability Studies Österreich“ zu den Vorfällen beim Kongress KCTOS Wien 2007 Stellung genommen.

Was war passiert?

Der internationale KCTOS-Kongress: „Wissen, Kreativität und Transformationen von Gesellschaften“ der unter dem Ehrenschutz des Bundespräsidenten Dr. Heinz Fischer stand, und mit einer Eröffnungsrede von Bundeskanzler Dr. Alfred Gusenbauer (SPÖ) begonnen hat, fand vom 6. bis 9. Dezember 2007 in Wien statt. (Die Liste der Förderer bringt auch eine Reihe von öffentlichen Stellen zum Vorschein.)

Eine Vielzahl von Arbeitskreisen wurde den teilweise von weit her angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmern angeboten. Darunter auch der Arbeitskreis „Location and Politics of Disability“ am 8. Dezember.

Als Tagungsort war von der Kongressleitung die VHS-Brigittenau ausgewählt worden. Was den Teilnehmerinnen und Teilnehmern – darunter auch einigen Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrern – widerfuhr, empört Univ.-Prof. Dr. Elisabeth List und macht sie sehr betroffen. „Wir sind empört und sehr betroffen, gerade auf einem kulturwissenschaftlichen Kongress die Form von Ignoranz und Diskriminierung zu erfahren“, hält die Rollstuhlfahrerin aus Graz fest.

„Die VHS-Brigittenau ist denkbar ungeeignet“, berichtet Schönwiese und erzählt von den teilweise unglaublichen Vorfällen beim Kongress.

Durch Zufall zum Tagungsraum gekommen

Der Tagungsraum war nur über ein Restaurant barrierefrei erreichbar, das aber am Samstag, den 8. Dezember 2007, geschlossen hatte. „Nur ein zufällig anwesender Putzdienst“ ermöglichte den Zutritt. Doch auch dies brachte nicht den gewünschten Erfolg, weil der Raum besetzt war.

Diese „unmöglichen Zustände“ – so Schönwiese – stellten eine „ganz typisch schlechte Behandlung“ von behinderten Menschen dar. Man habe aus Protest die „Arbeitsgemeinschaft Disability Studies Österreich“ gegründet.

„Bei einem Kongress, der mit Bundesgeld finanziert ist, darf man mit behinderten Personen nicht so umgehen“, hält der Rollstuhlfahrer aus Tirol fest. Die Kongressleitung habe „nichts vom Thema Behinderung verstanden“, meint er und hebt die „in jeder Hinsicht diskriminierende Umgangsweise“ hervor.

Mag. Petra Flieger – eine aus Wien stammende und nun in Tirol lebende Teilnehmerin – unterstreicht einen anderen Aspekt. Was sich bei diesem Kongress in der VHS-Brigittenau abgespielt hat, ist „eine Schande für Wien“. Und damit ist nicht nur die Organisation gemeint sondern besonders auch die VHS-Brigittenau als Tagungsort.

Folgender Protestbrief wurde an die Kongressleitung gesandt:

Protestbrief an Kongressleitung:

Dir. Dr .Herbert Arlt
Direktor des Kongresses KCTOS

Sehr geehrter Herr Arlt!

Der Kongress hat der Sektion zu Disability Studies, die ich auf Ihre mehrmalige Einladung für diesen Kongress vorbereitet habe, hat uns, der Organisatorin und den ReferentInnen, einige böse Überraschungen bereitet.

  1. Die Sektion „Location and Politics of Disability„, die ich sorgfältig geplant hatte und zu der TeilnehmerInnen von weit angereist waren, fand am 8.12. um 10 h den für sie laut Programm vorgesehenen Raum 3/ 319 von einer anderen Gruppe besetzt vor und stand ohne Raum da. Ein Ersatzraum wurde nicht zur Verfügung gestellt.
  2. Entgegen ausdrücklicher Zusagen war zu Beginn der Tagung die Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer nicht gewährleistet. Nur durch die zufällige Anwesenheit des Personals des Restaurants konnten wir die Räume erreichen.
  3. Wir haben auf dem Gang getagt und damit gegen die Missstände der Tagungsorganisation demonstriert. Aber es blieb uns auch keine andere Wahl.

Wir sind empört und sehr betroffen, gerade auf einem kulturwissenschaftlichen Kongress die Form von Ignoranz und Diskriminierung zu erfahren, mit der Behinderte im gesellschaftlichen Leben immer wieder konfrontiert werden. Es ist eine bittere Ironie, dass das auf einem Kongress mit dem Thema der „Transformation der Gesellschaft“ passiert. Ist diese Erfahrung ein Vorgeschmack von der Art, wie diese Transformation aussehen wird?

Univ.-Prof. Dr. Elisabeth List

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