Rechte, nicht Almosen!

100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich: Geschichte, Geschichten und Analysen

Werkstätte der ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft
Der Krüppel 10/1928

Vor mehr als hundert Jahren begannen Menschen mit körperlichen Behinderungen in Österreich, sich selbst zu organisieren und für ihre Rechte einzutreten. Sie forderten nicht Mitleid, sondern gesellschaftliche Teilhabe, Arbeit und soziale Absicherung.

Das Forschungsprojekt von Volker Schönwiese und Angela Wegscheider zeichnet erstmals die Geschichte dieser frühen Behindertenbewegung umfassend nach.

Die historische Aufarbeitung schließt eine Forschungslücke in Österreich. Sie zeigt, welche Organisationen Menschen mit Behinderungen gründeten, welche Ziele sie verfolgten und mit welchen politischen und gesellschaftlichen Hindernissen sie konfrontiert waren. Der Fokus liegt auf Menschen mit körperlichen Behinderungen, ihrem Handeln und ihren Erfahrungen. Biografien einzelner Akteure geben Einblick in ihre Lebenssituation und ihr Streben.

Im Rahmen des Projekts entstehen eine Wanderausstellung und ein Buch. Diese beleuchten den Hintergrund und die Anfänge, die Zwischenkriegszeit, die Zeit des Nationalsozialismus sowie die Nachkriegsjahre. Auch zur zweiten Behindertenbewegung ab den 1960er-Jahren wird es einen Ausblick geben. Aber dieses Thema ist, wenn man es gründlich aufarbeiten will, aufgrund seines Umfangs ein eigenes Forschungsprojekt.

„Arbeit, nicht Mitleid“: Das Motto der ersten Behindertenbewegung

Die erste Welle der österreichischen Behindertenbewegung entstand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre Mitglieder bezeichneten sich selbst als „Krüppelbewegung“. Ähnlich wie die Arbeiterbewegung entwickelten sie ein gemeinsames Selbstverständnis und kämpften für politische Anerkennung.

Am 19. August 1926 gründete sich in Wien die „Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft“. Ihr Ziel war die „Wahrung der geistigen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Krüppel Österreichs“. In diesem Verein schlossen sich Menschen zusammen, die seit ihrer Geburt oder infolge einer Krankheit oder eines Unfalls körperliche Beeinträchtigungen hatten und keine ausreichende staatliche Unterstützung erhielten.

Die Mottos der Bewegung lauteten: „Arbeit, nicht Mitleid“ und „Arbeit, nicht Siechenhaus“. Erwerbsarbeit sollte ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen und die Abhängigkeit von stigmatisierender Armenfürsorge überwinden.

Vereins-Abzeichen der ersten österreichischen Krüppelarbeitsgemeinschaft
WStLA / Fridolin-Schoenwiese

Zwischen Anerkennung und Ausgrenzung

Der Weg zu gleichen Rechten war jedoch schwierig. Die Bewegung war mit fehlender staatlicher Unterstützung, finanziellen Problemen und geringer politischer Aufmerksamkeit konfrontiert. Die wirtschaftlichen Krisen und die zunehmenden politischen Konflikte in der Zwischenkriegszeit erschwerten ihre Arbeit zusätzlich.

Auch innerhalb der Bewegung gab es Konflikte und begrenzte Handlungsmöglichkeiten. Das fehlende politische Gewicht und gesellschaftliche Vorurteile verhinderten die Umsetzung aller ihrer Forderungen.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938 endete die erste Behindertenbewegung in Österreich. Die Erste österreichische Krüppelarbeitsgemeinschaft wurde aufgelöst und in den NS-Reichsbund der Körperbehinderten eingegliedert. Jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen, verfolgt und ermordet. Die ursprünglichen Forderungen nach Selbstbestimmung und Rechten wurden durch eine rassistische und selektive NS-Fürsorgepolitik ersetzt.

Auch nach der Wiedergründung 1946 konnte der nunmehr als Verband der Körperbehinderten Österreichs auftretende Verein nicht mehr an den emanzipatorischen Geist der Zwischenkriegszeit anknüpfen. Zentrale progressive Aktivist:innen der Bewegung waren Opfer des Holocausts geworden. 1952 wurde der Verein behördlich aufgelöst.

Geschichte als Erinnerung und Auftrag

Die Geschichte der österreichischen Behindertenbewegung zeigt den langen Kampf um Anerkennung und Teilhabe. Sie erzählt von Ausgrenzung und politischen Niederlagen, aber auch von Solidarität, Gemeinschaft und Selbstermächtigung.

Die Aufarbeitung macht sichtbar, dass Menschen mit Behinderungen schon vor hundert Jahren eigene Forderungen entwickelten und für ihre Rechte eintraten. Ihre Geschichte wurde in der österreichischen Forschung bisher kaum beachtet.

Das Projekt „100 Jahre Behindertenbewegung in Österreich: Geschichte, Geschichten und Analysen“ will dieser Bewegung eine Stimme geben und zeigen, dass der Kampf um Gleichberechtigung eine lange und zähe Geschichte hat. Doch die Arbeit der vielen engagierten Frauen und Männer dieser Bewegung wird endlich hervorgehoben und gewürdigt.

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