Reiss: „Wir sind als jüdisches Museum ständig mit ‚Barrieren‘ konfrontiert“

Das Österreichische Jüdische Museum errang beim BIENE-Award, dem bedeutendsten Preis für barrierefreies Internet im deutschsprachigem Raum, eine Auszeichnung. Im Interview erzählt Mag. Johannes Reiss über die Hintergründe zur Seitenumstellung.

Petra Groß überreicht Elke Mayer, Johannes Reiss BIENE-Preis
BIZEPS

Für die heurige Preisverleihung des BIENE-Awards gab es mit 320 Einreichungen mehr als jemals zuvor. Aus diesen Einreichern schafften nur 110 Internetangebote den Ausschlusstest und waren damit eine Runde weiter.

Der fachliche Beirat hat danach Mitte Oktober 2005 eine reduzierte Vorschlagsliste mit nur mehr 26 Webseiten erarbeitet. Unter diesen besten 26 Angeboten war ein Vertreter aus Österreich: Das Österreichische Jüdische Museum (ÖJM) in Eisenstadt.

In einer ersten Reaktion auf die Chancen zur Erringung eines BIENE-Award angesprochen, zeigte sich Mag. Johannes Reiss, Geschäftsführer und Direktor des ÖJM, am 28. November 2005 realistisch und über das schon Erreichte erfreut: „Ich denk doch gar nicht weiter! Allein uns auf der Liste zu sehen, war einfach irre schön!“

BIENE-Award 2005: Große und prunkvolle Preisverleihung

Am 9. Dezember 2005 wurde nun in Potsdam bei Berlin die große und prunkvolle Preisverleihung der BIENE-Awards durchgeführt. Das ÖJM war im Bereich Kultur und Gesellschaft – gemeinsam mit sechs anderen Angeboten – nominiert. (In diesem Bereich haben sich 129 Angebote beworben!)

Die Aufregung war Mag. Johannes Reiss und seiner Mitarbeiterin cand.phil. Elke Mayer wahrlich anzusehen. So weit hatten sie es geschafft. Was jetzt noch kommt wäre einfach nur mehr Draufgabe, meinten sie. Dies war so herzhaft ehrlich gesagt, dass dies niemand anzweifelte.

Jubel beim „Österreicher-Tisch“

Doch dann ging alles sehr schnell. Kaum wurde die Preisvergabe im Bereich Kultur und Gesellschaft eröffnet, wurde auch schon der erste Preisträger bekannt gegeben: „Ein BIENE-Award in Bronze für das Österreichische Jüdische Museum“ wurde vom Podium verkündet.

Beim „Österreicher Tisch“ – Vertreterinnen und Vertreter von österreichischen Angeboten wie wien.at, Schneeball Media, BIZEPS-INFO und dem Österreichischen Jüdischen Museum verbrachten den Abend gemeinsam – brach spontan Jubel aus.

Reiss bedankte sich ausführlich bei all seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern „für das ungeheure und wirklich leidenschaftliche Engagement für unser barrierearmes ojm.at“. Petra Groß von „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland“ würdigte bei der Preisübergabe besonders, dass beim Österreichischen Jüdischen Museum konsequent an leichte Sprache gedacht wurde.

Wir führten mit Johannes Reiss und Elke Mayer vom ÖJM folgendes Interview, um mehr zu diesem bemerkenswerten Projekt zu erfahren:

BIZEPS-INFO: Vorab nochmals Gratulation zum BIENE-Award in Bronze! Welche Motivation hatten Sie bzw. das ÖJM Ihren Internetauftritt barrierefrei zu gestalten?

Mag. Johannes Reiss (ÖJM): Eigentlich war ein Relaunch unserer Website seit langem fällig. Dass dieser möglichst barrierearm ausfallen sollte, war für uns, als es zur konkreten Planung des Projekts kam, keine Frage. Wir sind als jüdisches Museum ständig mit „Barrieren“ im weitesten Sinn konfrontiert und so war es für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur logisch und selbstverständlich, auch bei der Erstellung unseres Internetauftritts vor allem darauf zu achten, dass Barrieren abgebaut und die Menschen wirklich erreicht werden können.

BIZEPS-INFO: Wer hat den Internetauftritt barrierefrei gestaltet?

Johannes Reiss: Den gesamten Internetauftritt hat das Team des Österreichischen Jüdischen Museums in hervorragender und bester Teamarbeit erstellt, vom Text über das Design bis hin zur Technik. Ich selbst konnte Wissen und Erfahrung aus meiner kleinen Agentur, die seit Jahren auf barrierearmes Webdesign spezialisiert ist, einbringen. Für die leichte Sprache zeichnen meine junge Kollegin Elke Mayer und mein junger Kollege Christopher Meiller verantwortlich. Beide haben alle Texte in leichter Sprache vollkommen alleine konzipiert und verfasst.

Die Entscheidung, die Seite „selbst“ zu erstellen hat vor allem damit zu tun, dass wir unsere eigenen teils langjährigen Erfahrungen im Museum so am besten und am effizientesten einbringen konnten sowie, dass uns von Anfang an die Nachhaltigkeit der Qualität wichtig war. Wir sind bei jeder Aktualisierung sehr unabhängig und schnell und können für die Qualität garantieren, weil Text, Technik, Design und leichte Sprache „im Haus“ und „vor Ort“ von einem eingespielten Team erstellt werden.

BIZEPS-INFO: Wie sind Sie konkret vorgegangen?

Johannes Reiss: Wir haben von langer Hand dieses Projekt „barrierearmes ojm.at“ sehr präzise geplant. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden von mir speziell in die jeweiligen Aufgabengebiete (Usability, Tests, leichte Sprache etc.) eingeschult. Ich selbst hatte mir in einigen Fragen konkrete Anforderungen als unbedingtes Muss gesteckt: Neben sauberer technischer Arbeit (standardkonformer, in Handarbeit erstellter Code), sollte die Seite extrem benutzerfreundlich gestaltet werden. Eine sehr schwierige Frage war das Design: Hier entschieden wir uns für ein sehr klares, sauberes, übersichtliches und nie überladenes Design, damit dem Informationsgehalt von ojm.at entsprechend Rechnung getragen wird. Der Schwerpunkt schlechthin war jedoch die Textgestaltung. Alle Texte wurden von mir auf möglichst gute Lesbarkeit hin vollkommen neu erstellt und dass jede Seite auch optimal ausdruckbar ist, war eine der Grundanforderungen.

BIZEPS-INFO: Was waren in diesem Umstellungsprozess die größten Herausforderungen?

Johannes Reiss: Wohl das, was man in der Branche „Projektmanagement“ bezeichnet. Wir sind als Team in der Museumsarbeit erfahren, außer meiner Person hatte aber ursprünglich niemand Erfahrungen mit der Erstellung von barrierearmen Webpräsenzen. Außerdem musste die gesamte Arbeit an ojm.at neben dem „normalen“ Museumsalltag bewältigt werden.

Dass die gesetzliche 40-Stunden-Woche für viele Monate für uns alle kein Thema war, war aber für alle selbstverständlich. Technisch waren die Umstellungen zwar enorm, aber eingeplant. Die Seite wurde vollkommen neu programmiert.

BIZEPS-INFO: Hat sich die Umstellung für das ÖJM gelohnt?

Johannes Reiss: Mit jedem Benutzer / jeder Benutzerin, der/die das barrierearme ojm.at jetzt besser nutzen kann, hat sich die Umstellung fraglos gelohnt. Absolute Priorität bei dem gesamten Projekt hatte für uns die Erreichung möglichst vieler Zielgruppen.

BIZEPS-INFO: Petra Groß (Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland) hat bei der Überreichung des BIENE-Award besonders die leichte Sprache in Ihrem Angebot gelobt. Wer hat diese Texte erstellt?

cand.phil. Elke Mayer (ÖJM): Die Texte in leichter Sprache habe ich zusammen mit meinem Kollegen Christopher Meiller erstellt. Wir haben diese Aufgabe auch wirklich sehr gerne übernommen und uns intensiv mit den Anforderungen der leichten Sprache auseinandergesetzt.

BIZEPS-INFO: Wie schwierig war für Sie diese Aufgabe?

Elke Mayer: Schwierig für uns war vor allem, den verschiedenen Zielgruppen gerecht zu werden: So sollte die leichte Sprache für Kinder, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Großeltern und Lehrerinnen und Lehrer, die mit Kindern arbeiten, Menschen mit nicht deutscher Muttersprache sowie Menschen mit Lernschwierigkeiten hilfreich sein. Generell ist es nicht ganz einfach, Texte, die zeithistorische und sensibel-politische Relevanzen haben, in leichte Sprache zu transponieren.

BIZEPS-INFO: Von 2003 bis inklusive 2005 wurden 46 BIENE-Awards vergeben. Beiträge außerhalb von Deutschland fanden dabei fast keine Berücksichtigung und so gingen 43 BIENE-Awards nach Deutschland, aber nur zwei nach Österreich und gar nur einer in die Schweiz. Umso erstaunlicher war es, dass Sie sich durchsetzen konnten. Wie überrascht waren Sie und mit welchen Erwartungen fuhren Sie nach Potsdam?

Johannes Reiss: Als wir die Nachricht bekamen, dass wir ins Finale Einzug gehalten haben, war die Freude bei uns schon fast grenzenlos. Erwartungen für Potsdam gab es daher nicht mehr wirklich, dafür sind wir zu sehr Pragmatiker.

BIZEPS-INFO: Welchen Stellenwert hat Ihrer Meinung nach in Österreich das Thema barrierefreies Internet?

Johannes Reiss: Ich bitte um Verständnis, wenn ich die Antwort vor allem auf unsere Region beschränke, weil ich hier die Situation am Besten beurteilen kann. Barrierefreies Internet hat hierzulande nicht nur einen schlechten, sondern leider so gut wie gar keinen Stellenwert. Und das trotz Behindertengleichstellungsgesetz. Es ist dieser Umstand extrem traurig, ich hoffe aber gleichzeitig, dass wir vielleicht jetzt – vor allem mit der Hilfe von BIZEPS und „accessible media – Zugang für alle“ einige Impulse setzen können.

BIZEPS-INFO: Vielen Dank für das Interview.

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