Ruhe bitte. Bitte!

Ich schätze die Stille. Man muss sie nicht mit Worten füllen, nicht mit Musik.

Cartoon mit einer Frau die mit Lärm umgeben ist und mitteilt: Ruhe bitte!
BIZEPS / ChatGPT

Der Großteil der Menschheit scheint anders zu denken, hat offensichtlich ein Problem mit dem Schweigen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass man überall mit Musik berieselt wird.

Beim Einkaufen. Beim Essen im Lokal. Im Wartezimmer. Und an dem Ort, der seinem Namen „stilles Örtchen“ nicht mehr gerecht wird.

Das musikalische Dauerfeuer ist Kalkül. In Supermärkten soll mich langsame Musik einlullen, damit ich länger bleibe und mehr kaufe.

In Restaurants soll schnelle Musik dafür sorgen, dass ich schneller kaue und den Platz für den nächsten Gast freimache. Ich kann bestätigen, dass dieser Trick bei mir wunderbar funktioniert. In solchen Lokalitäten verzichte ich auf meinen Kaffee, den trinke ich dann lieber zuhause in ruhiger Umgebung.

Und die Toilette? Funktioniert die Ausscheidung besser, wenn „Let it go“ erklingt? Nein – hier geht’s darum, dass Musik etwaige Körpergeräusche übertönt. Muss es Musik sein?

Ich erinnere mich an meinen Japan-Urlaub, wo man auf Knopfdruck künstliches Wasserrauschen aktivieren konnte. Keine Musik. Ich habe die Kontrolle. Vielleicht eine bessere Lösung – aber nicht rentabel.

Was soll das ganze Drama?

Als neurodivergente Person kann ich Geräusche nicht einfach „ausblenden“. Für mich gibt es keinen Hintergrund, alles ist Vordergrund. Obwohl ich wie ein Luchs höre, habe ich oft Probleme Menschen zu verstehen. Ich kann ihre Stimmen nicht mehr aus dem Klangmatsch filtern.

Das betrifft nicht nur neurodivergente Personen. Mein Vater trägt zwei Hörgeräte. Bei zu lautem Hintergrund sitzt er da, nach vorne gelehnt und muss konzentriert lauschen, um an der Konversation teilnehmen zu können.

„Na dann setz dir doch Kopfhörer auf!“

Danke für den Tipp. Wenn ich mit den Öffis fahre, tue ich das auch. Aber draußen? Ich bin eine Frau. Ich will und muss hören, was um mich herum passiert.

Das herannahende Auto, das Klingeln eines Fahrrads, die Schritte hinter mir. Ich weigere mich, meine Sicherheit zu opfern, nur weil der öffentliche Raum meint, mich zwangsbeschallen zu müssen.

Urlaub in der akustischen Hölle

Ein gutes Gehör zu haben und reizempfindlich zu sein, macht auch Urlaubsreisen zu einer sensorischen Herausforderung. Ich höre jede Lüftung. Während ein neurotypisches Gehirn das monotone Brummen einfach wegfiltert, passiert bei mir das Gegenteil: Das Geräusch bohrt sich in mein Hirn, beißt sich fest und lässt mich nicht mehr los.

In Neapel habe ich versucht, bei offenem Fenster zu schlafen – in der Hoffnung, dass der lebendige Straßenlärm das mechanische Brummen der Lüftung übertönt. Keine Chance. Das Ergebnis war kein Schlaf, sondern ein Meltdown.

Wer solche vermeintlich „harmlosen“ Geräusche im Hotel reklamiert, gilt schnell als Querulant. Dabei ist es eine Frage der Barrierefreiheit: Ich bitte bei Buchungen immer um ein ruhiges Zimmer.

In Neapel war es jedoch die zentrale Hotellüftung, die in jedem Zimmer brüllte und sich nicht abschalten ließ. Meiner Ansicht nach wurde hier ein Raum geschaffen, der für Menschen mit sensorischen Verarbeitungsstörungen schlicht unbewohnbar ist.

Ein Anfang

„Sensory Friendly“ Kinos oder die „Stille Stunde“ im Supermarkt sind tolle erste Schritte. Aber sie zeigen auch, wie exkludierend unser „normaler“ Alltag eigentlich ist. Wir müssen aufhören, Stille als Luxus oder „Sonderwunsch“ zu betrachten. Stille ist eine Form der Barrierefreiheit.

Habt keine Angst vor der Stille. Genießt sie, um euren Gedanken zu lauschen, um wieder bei euch anzukommen. In diesem Sinne wünsche ich allen einen ruhigen Tag.

Weitere Informationen:

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  • Sandra , Antworten

    22.04.2026, 16:39

    Danke für diesen wichtigen Artikel! Man wird mittlerweile nahezu überall dauerbeschallt: Beim Billa, Spar, Lidl, Penny, Obi, Dehner, Ikea, Humanic und sämtlichen Bekleidungsgeschäften. Auch beim Bäcker, Frisör, Wartezimmer Zahnarzt, Fitnessstudio. Man kann sich nicht mehr in Ruhe mit Freunden in einem Cafehaus oder Gasthaus unterhalten. Immer und überall dieses lästige Gedudel im Hintergrund. Es ist unerträglich geworden.

  • Marc , Antworten

    13.04.2026, 09:19

    Schade, dass man ein Bild hierfür generieren hat lassen. Das löst bei mir einen direkten Fluchtreflex aus. Damit zeigt man, dass man die Arbeit von Illustratorinnen nicht wertschätzt.

    • Markus Ladstätter BIZEPS

      13.04.2026, 09:34

      Wenn das für sie einen Fluchtreflex auslöst, finden wir das schade, wir haben allerdings keinerlei Budget für Illustrationsaufträge.

  • Robert Lender , Antworten

    12.04.2026, 11:13

    Danke für diesen Artikel.
    Obwohl nicht neurodivergent empfinde ich lautstarke Musik in Geschäften und Lokalen oft störend, manchmal sogar unerträglich.
    Insbesondere starker Bass tut mir fast körperlich weh und lässt mich Geschäfte rasch wieder verlassen.
    Und auch wenn ich die Musik (als Geräusch) halbwegs vertrage. Warum muss ich mich auf den Musikgeschmack des Lokalbetreibers, des Geschäftspersonals einlassen.
    Wenn ich mit gutem Essen und netten Menschen einen feinen Abend verbringen möchte, dann gehört auch die richtige Musik dazu (sofern ich überhaupt Musik dazu hören möchte) – und nicht die, die jemand Fremder für mich auswählt.
    Ich sollte wohl öfters Lokalinhaber darauf hinweisen, dass ich „ihre“ Musik nicht brauche. Lokale könnten sich als „Musikfrei“ auszeichnen.
    PS: Die Idee U-Bahn-Stationen zu beschallen wurden ja glücklicherweise schnell wieder aufgegeben.

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