Schweiz: Heimlobby veranstaltete am 26. Juni 2003 ein großes „Tamtam“

"Ein 'Tamtam' ist die traditionelle afrikanische Art, durch Trommelklänge Informationen weiterzugeben und zu warnen", war auf dem Flugblatt zu lesen, das an Passanten verteilt wurde.

Die „Invalidenversicherung“ in der Schweiz muss sparen. Bekanntlich werden in der Schweiz viele Milliarden für Heime ausgegeben und es lag daher nahe über eine Verwendung der Mittel in diesem Bereich nachzudenken. In der Schweiz sollen keine Heimplätze abgeschafft werden. Es geht bei der jetzigen Diskussion darum die Heimplatzwachstumsrate von über 3.000 zusätzlichen Plätzen jährlich auf „nur“ 900 jährlich zu reduzieren.

Kaum waren die Pläne auf dem Tisch, hat die INSOS – der gesamtschweizerisch tätige Branchenverband von Institutionen für Menschen mit Behinderung – zum Widerstand durch Demonstrationen aufgerufen. Die Heimbetrieber – die sich in der INSOS zusammengeschlossen haben – fürchten um die Versorgung behinderter Menschen.

Doch der Widerstand der INSOS dürfte nicht ganz uneigennützig sein und vielleicht nicht „nur“ im Interesse behinderter Menschen liegen. Zwar verlautet von der INSOS das „Menschen mit Behinderung – gleich wie Nichtbehinderte – einen Anspruch darauf haben, sich in die Gesellschaft integrieren zu können“, doch die Realität dürfte eine andere sein, wie man den Schweizer Zeitungen entnehmen kann. Auf einem Transparent wurde die Frage gestellt: „Wo sollen wir denn hin?“, die Antwort fand sich auf dem nächsten: „Das Heim ist unser Daheim“. Soll man das unter Integration verstehen?

Noch deutlicher wird die Haltung der INSOS zu behinderten Menschen in der Zeitung „Der Bund“, wenn einer der führenden Vertreter, Herr Kurt Meier, sagt: „Eine große Anzahl von ihnen hat keine eigene Stimme“. Stimmt – wahrscheinlich wurde sie ihnen in den Heimen abgewöhnt.

Verärgert zeigt sich Geschäftsleiter des Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Zürich, Peter Wehrli. Er verweist auf internationale Erfahrungen, die zeigen, „dass es bedeutend weniger Heime braucht, als wir sie in der Schweiz schon haben“.

„Gestern ist es der Dienstleistungslobby einmal mehr gelungen, sich als die ’Stimme der Behinderten’ aufzuspielen“, so Wehrli empört. Er verweist auch darauf, dass es dieser Lobby gelungen ist „mehr als doppelt so viele Menschen als am 26. April für die Gleichstellung demonstriert haben zu mobilisieren.“ Anscheinend ist es der INSOS wichtiger, dass laufend neue Heime gebaut werden, als dass behinderte Menschen Gleichstellung erfahren.

Gegen die Einsparungen spricht sich in einem offenen Brief auch die „AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz“ aus. Die Präsidentin der AGILE, Therese Stutz Steiger, kann ihren Unmut über das Tamtam der INSOS nur schwer unterdrücken: „Wir erwarten, dass INSOS sich mit dem gleichen Engagement und mit der gleichen Vehemenz auch für die Forderungen nach selbstbestimmtem Leben breit macht.“

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0 Kommentare

  • Ich bin der Meinung von Christoph Eggli! Ich habe eine Freundin die im Rollstuhl ist und ich kann wirklich nicht verstehen, wieso man so ein grosses Theater machen kann, wenn es um Geld verteilen geht! Denn wenn es um profitable Geschäfte geht werden Millionen investiert, doch wenn es um Menschen mit einer Behinderung geht wird überall gespart!!?? Wo ist hier der Sinn?

  • Ja, ich teile voll und ganz den Ärger von Peter Wehrli. Als ich noch im Schweizer „Invalidenheim“ war, hat die Heimlobby an mir Fr. 15’000.- im Monat verdient, nun zahlt die Schweiz in Bali (Indonesien) Rp. 9’600.- (ca. Fr. 1’600.-) im Monat. Doch ich sage euch etwas: Ich bin trotzdem glücklicher, ich habe Würde im fernen Asien …

  • Die Heimlobby in Oberösterreich greift jetzt, im Zuge des Landtagswahlkampfes, massiv in die Verteilung des Behindertenbudgets ein. Das schmale Pflänzchen der persönlichen Assistenz, soll 2004 ausgehungert werden. Die Nachfrage behinderter AuftraggeberInnen ist denen wurscht, trotz gegenteiliger Grundsätze der Landes-Behindertenpolitik (Selbstbestimmmung, Paradigmenwechsel, bla, bla).
    Wer traut sich aufzumucken? Ein bisschen viel verlangt von den am stärksten Betroffenen, hospitalisiert und mit Haut und Haar vom Gutdünken der Heimlobby abhängig. Ich fürchte, wir brauchen auch unbehinderte MitstreiterInnen.

  • Der Versuch, nahezu das gesamte zur Verfügung stehende Geld für die Behindertenbetreuung in ‚lupenreine Dienstverhältnisse‘ umzuleiten (egal ob Heime oder mobile Betreuung)nimmt erschreckende Dimensionen an. 500.000 Kriegsopfer nach Ende des 2. Weltkrieges haben dies zu verhindern gewußt und sich ausschließlich Geldleistungen zur eignen Verwendung gesichert. Wann endich erkennen die Zivilbehinderten diese Fehlentwicklung und gehen auf die Barrikaden?