Schweiz: Unverschämte Kampfansage gegen integrativen Unterricht

Die Schweizerische Volkspartei fordert in einem geschmacklosen Inserat klare Grenzen beim integrativen Unterricht. Warum so etwas heutzutage absolut nicht akzeptabel ist. Ein Kommentar.

SVP-Plakat mit dem Text: Klare Grenzen beim integrativen Unterricht
SVP

Es ist kaum zu glauben, was in einem Inserat der Schweizerischen Volkspartei Nidwalden abgedruckt ist.

Während wir von anderen Parteien in anderen Ländern zumindest Lippenbekenntnisse in Richtung Integration und Inklusion gewohnt sind, fordert die Schweizerische Volkspartei klare Grenzen beim integrativen Unterricht.

Genauer gesagt heißt es im Inserat:

Eine ‚Reformitis‘ von früher muss aber noch korrigiert werden: Dass Problem-Schüler um jeden Preis in die Regelklassen gedrückt werden. Dieser sogenannte integrative Unterricht wirkt sich negativ aus: auf die Leistung, Disziplin und das Lernklima der Schülerinnen und Schüler.

Weiter heißt es im Inserat, dass der hohe personelle und finanzielle Zusatzaufwand durch den integrativen Unterricht nicht gerechtfertigt sei und man deshalb die Wiedereinführung von altersgerechten Klein- und Förderklassen fordere.

Gefährliche Rhetorik

Beim Lesen des Inserats bekommt man den Eindruck, dass die Schweizer Partei noch nie etwas von der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen gehört hat. Ein so dreistes Bekenntnis für Exklusion von Menschen mit Behinderungen liest man selten.

Die Rhetorik des Inserats, macht Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen zu Problemfällen und Störfaktoren. Auch auf der Seite der Partei ist zur Begründung der anti-inklusiven Haltung von einer permanenten hohen Belastung durch verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler die Rede und davon, dass die Qualität der Volksschule in Gefahr sei, wenn man so weiter mache.

Mit diesen Sätzen führt man ganz bewusst alte Mythen wieder ins Feld, die permanent rund um den inklusiven Unterricht benutzt werden: Die Schulqualität sei nicht dieselbe, Schülerinnen und Schüler seien eigentlich vom integrativen Unterricht überfordert, usw.

Auch dass Menschen mit Behinderungen und ihr Recht auf Inklusion als unnötiger Kostenfaktor betrachtet wird, erinnert uns an sehr dunkle Zeiten, in denen ebenfalls mit dem Kostenfaktor gegen Menschen argumentiert wurde.

Dass so etwas in den 2000er-Jahren noch möglich ist, ist unglaublich. Auch die Bildsprache des Inserats ist nicht weniger problematisch. Es werden zwei stumpf dreinblickende Kinder gezeigt, die an einem Tisch sitzen und von zwei Lehrern betreut werden.

Barbara Ming, Präsidentin des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Nidwalden übt in einem Leserbrief in der Luzerner Zeitung Kritik an dem Inserat. „Wir Schulleiterinnen und Schulleiter Nidwaldens verurteilen das SVP Wahlinserat mit dem Titel ‚klare Grenzen beim integrativen Unterricht‘ scharf.“

Im gleichen Atemzug heißt es aber, dass sie trotz allem besorgt seien und lediglich fordern, respektvoller und ehrlicher zu argumentieren. Das wiederum macht aus dieser Kritik eine sehr verhaltene.

Inklusion darf keine Grenzen haben

Inklusion von Anfang an ist unverzichtbar für eine Gesellschaft, in der jeder Menschen seinen Platz haben soll. Inklusion muss von Anfang an stattfinden, denn nur dann ist sie wirksam.

Eine so klare Absage gegenüber einem inklusiven Bildungssystem ist letztendlich immer auch eine Absage gegenüber eines inklusiven Gesellschaftsmodells. Denn wenn man schon Schulkinder mit Behinderungen als Störfaktoren abstempelt werden, wie sollen dann Menschen mit Behinderungen Chancengleichheit und Teilhabe in der Schweizer Gesellschaft finden?

Eine klare 5 für die Schweizerische Volkspartei und ihre gestrige und diskriminierende Rhetorik.

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3 Kommentare

  • Ich empfehle allen Parteien und Interessenvertretungen welcher Herkunft auch immer politisch gelassener mit der Thematik Integration, Inklusion, Sozialraumdenken, UN-Behindertencharta und vielem mehr umzugehen. Diese Themen werden seit gut 50 Jahren politisch kontrovers diskutiert. Über den Gedanken, dass Menschen mit und ohne Behinderung Personen ihres eigenen Rechts sind, besteht mittlerweile über die parteipolitischen Denkgebäude hinweg Einigkeit. Wie dies politisch ausgestaltet wird, wird weiterhin gegensätzlich gedacht werden. Es bedarf parlamentarischer wie direktdemokratischer Entscheidungsmehrheiten für die ein oder andere Richtung.
    Dr. E. Paulus
    CH-8260 Stein am Rhein

  • Da merkt man sehr stark, dass wir in einer extremen Leistungsgesellschaft leben!
    Schrecklich, was mit diesem Inserat vermittelt wird!
    Es gehört Geld an den richtigen Stellen investiert! Inklusiver Unterricht ist eine richtige Stelle!
    Möglicherweise muss eine neue Wertigkeit in dieses System gelangen, in der Menschen im Mittelpunkt stehen!

  • Ich hoffe, dass bei der Bewertung das österr. Schulnotensystem hergenommen wird und nicht das der Schweiz. Dort müssten sie nämlich einen Einser dafür bekommen ;-)
    (6 ist die Bestnote, 1 die schlechteste Note).

    Es ist sagenhaft, wie rückständig und diskriminierend die (Schweizer) Volkspartei ist!