Schwere Vorwürfe gegen Behinderteneinrichtung „Steinergasse 3“

Ein Skandal beim Diakoniewerk wiederholt sich.

WG der Diakonie in der Steinergasse in Wien
ORF/Diakoniewerk

Der Standard berichtet von einer „mehrere A4-Seiten langen Liste mit der systematischen Dokumentation aller Missstände“, die die Magistratsabteilung 11, das Amt für Jugend und Familie, Ende letzten Jahres dazu zwang, in der betroffenen sozialpädagogischen Wohneinrichtung für behinderte junge Menschen, die vom Wiener Diakoniewerk betrieben wird, einzuschreiten.

Falsche Medikamente, Selbstverletzungen … die Liste ist lang

In der Einrichtung in Wien-Hernals leben 20 Minderjährige und junge Erwachsene mit Lernschwierigkeiten und mehrfacher Behinderung in drei Wohngemeinschaften. Die kolportierten Missstände wiegen schwer.  

So ist zum Beispiel von „falschen Medikamenten oder Sondennahrung“, „Freiheitsbeschränkungen“, „massiven Unterschreitung der täglichen Flüssigkeitszufuhr“ bei einigen Bewohnern und Bewohnerinnen die Rede. Es soll zu „Selbstverletzungen“ gekommen sein. „Dutzende Visiten“ bei Ärzten seien nicht wahrgenommen worden.

Betreuer und Betreuerinnen berichten von „strukturellen Mängel“, „Fehlern im Management“, Personalknappheit (bedingt auch durch Einsparungen) und vom oftmaligen Wechsel von Mitarbeiterninnen und Mitarbeitern.

Strukturelle Mängel, Personalknappheit, Einsparungen

Auch ein ausführlicher Artikel im Kurier hat die „Vorwürfe mehrerer Mitarbeiter und Ex-Mitarbeiter“ aufgegriffen. Es wird von „Vernachlässigungen in der Pflege und der Betreuung“ gesprochen.

Und: „Auf mehrfachen Hinweis von Seiten der Mitarbeiter habe das Diakoniewerk, allen voran Wien-Geschäftsführer Daniel Dullnig, nicht reagiert. … Daher haben sich die Mitarbeiter selbst an die Stadt Wien gewandt, weil sie sich nicht mehr anders zu helfen wussten. Es folgten Begehungen durch das Jugend- und Gesundheitsamt, die sich beide sehr schockiert und erschüttert über die Zustände“ zeigten, wie ein Mitarbeiter berichtet.

Ähnliche Schlagzeilen im Jahr 2007

Bereits 2007 haben zahlreiche Medien über Missstände in der Steinergasse 3 berichtet. Mitarbeiter hatten sich bereits damals mit einem Brief an den Kurier gewandt.

„Todkranke Kinder, allein gelassen vom überlasteten Betreuungspersonal, pflegefremde Mitarbeiter, die zu riskanten medizinischen Eingriffen gezwungen werden“, berichtete 2007 die Presse. Das Jugendamt hat damals entsprechend reagiert.

Was die Diakonie damals sagte?

In einer Aussendung vom 19. Juli 2007 informierte der damalige Rektor des Diakoniewerks Gallneukirchen, Dr. Gerhard Gäbler, „dass sofort reagiert und eine behördliche Prüfung angefordert wurde“. „Wir warten auf die Ergebnisse der Behördenprüfungen“ und er betonte: „Die Einrichtung soll ein optimales Lebensumfeld für behinderte Kinder schaffen.“

Eine Woche später versicherte dann der Diakoniedirektor Mag. Michael Chalupka, dass „kein Kind zu Schaden gekommen ist“.  Dies sei damals von „externen Experten“ bestätigt worden.

„Das Team in der WG werde personell und fachlich verstärkt“ und soll auch weiter von einer „Begleitgruppe von unabhängigen ExpertInnen“ unterstützt werden. Am Konzept der WG Steinergasse hielt Chalupka – zumindest damals – fest: „Denn es ist weiterhin das Ziel der Diakonie, Kinder und Jugendliche mit zum Teil schwersten Behinderungen in integrativen Wohnformen das Leben zu ermöglichen, statt sie in stationären Krankenhäusern nur ‚verwahren‘ zu lassen.“

2017: Diakonie beschwichtigt und zieht sich zurück

In einer Presseaussendung vom 14. Jänner 2017 informiert die Diakonie Österreich: „Transparente Aufarbeitung läuft und unmittelbare Konsequenzen wurden gezogen“. Es wird versichert: „Das Wohl der Kinder steht im Vordergrund.“

Liest man sich die erhobenen Vorwürfe nochmals durch, scheint die Erklärung des Diakoniewerkes befremdlich: „Den betreuten Kindern und Jugendlichen ist kein Schaden entstanden. Das wissen wir, weil die Kinder regelmäßig ärztlich begleitet werden, und dafür auch aktuelle Bestätigungen vorliegen“. Und: „Die Richtigkeit der einzelnen Vorwürfe können wir derzeit nicht bestätigen. Es gibt aufgrund von Konflikten unterschiedliche Positionen und Aussagen.“

Zu den Ereignissen von 2007 heißt es: „Schon vor dem Sommer 2016 gab es in der betreuten WG Steinergasse einen Konflikt in der Mitarbeiterschaft und mit der Leitung.“

Aktuell wurde nun der „Bereich Behinderung in Wien direkt dem Vorstand unterstellt“. In der Steinergasse Vorort arbeite nun ein „Krisenteam unter neuer Leitung“.

„Die Übergabe der Einrichtung wird vorbereitet. Da die kontinuierliche und qualitätsvolle weitere Betreuung der Kinder und Jugendlichen natürlich keinen aufwändigen und zeitintensiven Restrukturierungsprozess erlaubt, finden derzeit in Abstimmung mit der MA11 Gespräche mit anderen Trägern statt, die die Betreuung der Kinder und Jugendlichen übernehmen sollen.“

Der Standard formuliert schärfer „Diakonie steigt aus … Die Diakonie wird sich in Wien aus der stationären Betreuung von behinderten Kindern zurückziehen.“ (siehe auch ORF-Wien)

Aufsichtsverfahren, Umzug, und …??

Bei der Stadt Wien wurde nun bereits ein Aufsichtsverfahren eingeleitet. Der Gesundheitsdienst der Stadt Wien (MA 15) und der FSW werden ebenfalls beigezogen. Ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner der Steinergasse wird Anfang 2017 in die Seestadt im 22. Bezirk übersiedeln.

Vorläufiges Fazit: Jugendliche und junge Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen, hier eine Opfergruppe, die in Bericht und Diskussion wieder viel zu kurz gekommen sind.

Wieder ein Schauplatz von so vielen in Österreich. Aufgabe für uns: weiter und öfter hinschauen, hinweisen und auftreten. Ein Nachdenken in unserer Gesellschaft, wie sie mit behinderten, kranken, alten und anderen benachteiligten Gruppen in Zukunft umgehen möchte.

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3 Kommentare

  • Zwei Dinge sind schädlich für jeden, der die Stufen des Glücks will ersteigen: Schweigen, wenn Zeit ist zu reden, und reden, wenn Zeit ist zu schweigen.

    Friedrich von Bodenstedt

  • Am ärgerlichsten ist, dass die Diakonie wahrscheinlich ein vermögen für die Betreuung dieser armen Teufel kassiert hat!!! Aber das Geld vermutlich wo anders „dringender“ gebraucht wurde! Sämtliche Träger Organisationen gehören aufgelöst oder strengstens kontrolliert! Der Staat sollte diese Agenden (unter Kontrolle durch betroffenenvertreter) wieder selbst abwickeln und das ganze ohne Projekt Jobs und schlecht bezahlte Leute! Ohne Organisationen, deren Hauptinteresse es ist zu wachsen um größere Budgets und politisches Gewicht zu gewinnen! Mehr Leute in die Operative und Management zurückschrauben, dafür besser bezahlen!

  • „Ein Skandal bei der Diakonie wiederholt sich“.
    Im Gegensatz zu den stationären Einrichtungen der Erwachsenenhilfe, wie etwa in der Geriatrie oder der Behindertenhilfe für Erwachsene, finden in den Einrichtungen für Kinder und Jugendlich kaum Kontrollen durch externe Kontrollorgane statt. Die Träger der Kinder und Jugendwohlfahrt sind oft froh zeitnah einen Platz mit einem entsprechenden Betreuungssetting zu finden. Die Volksanwaltschaft und ihre Kommissionen überprüft die Einrichtungen für Kinder und Jugendliche – ressourcenbedingt – nur punktuell. Erschwerend für die aktuelle Situation ist außerdem der Umstand, dass das Heimaufenthaltsgesetz derzeit auf Heime und andere Einrichtungen zur Pflege und Erziehung Minderjähriger mangels gesetzlicher Grundlage nicht anzuwenden ist.

    Eine der Lehren aus den doch zahlreichen Kinderheimskandalen der letzten Jahrzehnte war: Die stationäre Betreuung von Kindern und Jugendlichen fand im Verborgenen, abseits der öffentlichen Wahrnehmung und o h n e unabhängige Kontrollorgane statt. Hier wäre dringend eine Veränderung nötig! Eine Novelle, die diese Einrichtungen für Kinder und Jugendliche mit in den Kontrollbereich der BewohnervertreterInnen nach Heimaufenthaltsgesetz einbezieht, scheint aber an der Finanzierung zu scheitern.

    Michael Hufnagl
    Vertretungsnetz
    Bereichsleiter Bewohnervertretung Wien