Selbstbestimmt Leben Österreich: Pflegende Kinder sind Bankrotterklärung der Pflegepolitik

Selbstbestimmt Leben Österreich fordert den Ausbau mobiler Unterstützungsdienste und Persönlicher Assistenz, damit Kinder und Jugendliche nicht mehr pflegen müssen

SLIÖ Selbstbestimmt Leben Initiative Österreich
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„42.000 pflegende Kinder und Jugendliche sind die Bankrotterklärung der bisherigen österreichischen Pflegepolitik, die im großen Stil auf pflegende Angehörige gesetzt hat“, stellt Bernadette Feuerstein von Selbstbestimmt Leben Österreich (SLIÖ) fest.

Seit einigen Monaten ist nun bekannt, dass in Österreich über 42.000 Kinder und Jugendliche regelmäßig Angehörige pflegen bzw. für sie den Haushalt führen. 14% der pflegenden Kinder und Jugendlichen, so die vom Sozialministerium beauftragte Studie, wenden dafür täglich mehr als fünf Stunden auf.

Nun gibt es erste Vorschläge, wie das Sozialministerium reagieren will. Diese sind denkbar simpel: Pflegende Kinder und Jugendliche werden wie erwachsene pflegende Angehörige behandelt, d.h., sie sollen Beratung erhalten und vier Wochen Auszeit pro Jahr, um z.B. ohne schlechtes Gewissen an Schulskikursen teilnehmen zu können.

Im Sozialministerium existiert offensichtlich kein Problembewusstsein dafür, dass z.B. 8-jährige ihrem Vater bei der Körperpflege helfen oder 12-jährige für die psychische Unterstützung ihrer an Demenz erkrankten Großmutter zuständig sind. SLIÖ kritisiert diesen Zustand massiv und fordert den flächendeckenden, dem realen Bedarf entsprechenden Ausbau persönlicher Assistenz sowie mobiler Unterstützungs- und Pflegedienste.

„Pflege, Haushaltsführung und psychische Unterstützung sind keine Tätigkeiten, die von Kindern und Jugendlichen für ihre Angehörigen durchgeführt werden sollen. Es ist in der Kinderrechtskonvention verankert, dass Kinder vor dieser Art von Ausbeutung geschützt werden müssen.“ so Feuerstein.

Regelmäßige Pflege und Unterstützung im Alltag oder bei der Haushaltsführung müssen von familienentlastenden Diensten erledigt werden, die niederschwellig von außen angeboten und organisiert werden müssen.

Seit dem Bericht einer ministeriellen Arbeitsgruppe von 1990 ist bekannt, dass es österreichweit zu wenig mobile Unterstützungsdienste für pflegebedürftige Personen gibt und dass das Angebot dringend ausgebaut werden muss. Dies ist bislang nur unzureichend erfolgt, zu sehr verließen sich Bund und Länder auf pflegende Angehörige. Mit verheerenden Folgen, wie nun zu sehen ist.
„Der flächendeckende Ausbau bedarfsorientierter Unterstützungsdienste sowie der Persönlichen Assistenz darf nicht länger verzögert werden“, fordert Feuerstein.

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0 Kommentare

  • @Petra Flieger

    Die Suche nach den besagten fünf Stunden pro Woche ist wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen, es kam trotzdem irgendwo vor, vielleicht auch fälschlicherweise in einem Medienbericht.

    Jede Studie, so auch diese, ist mit Vorsicht zu betrachten, besonders wenn die befragten Kinder sind.
    Allein die Tatsache, dass sich diese Kinder subjektiv als ärmer betrachten als es dem objektiven Wohlstand entspricht, lässt die Vermutung aufkommen, dass sich eben dieser Personenkreis bei anderen Tätigkeiten auch nicht objektiv genug einschätzt.
    Müsste bei den verrichteten, in der Studie gefragten Tätigkeiten dann „Pflege“ nicht überhaupt neu definiert werden? Der größte Anteil lag bei „emotionaler Pflege“. Fällt „zuhören“, „die Person in Ruhe lassen“ usw. unter Pflege? Ebenso wie Haushaltsarbeit, wobei sich wiederum die Frage stellt, worin genau die besteht. Mir persönlich ist kein Kind zwischen zehn und vierzehn Jahren bekannt, das in der Lage wäre, den Haushalt zu bewältigen, geschweige denn kochen zu können.
    Aus meiner persönlichen Erfahrung fühlen sich Kinder in besagtem Alter bei einem kranken/behinderten Familienmitglied bereits beim kleinsten Handgriff als „helfend“ und stellen das auch nach außen so dar.
    Gilt natürlich nicht für alle Kinder, Ausnahmen bestätigen die Regel.
    Ebenso hinterfragenswert ist die Zeit, bis zu fünf Stunden täglich würden sich wohl kaum mit Schulbesuch, Hausaufgaben, Schlafenszeit, Körperpflege, Essenszeit und Freizeitaktivitäten vereinbaren lassen.

    Meine Frage: Warum fordert SLI den Ausbau der mobilen Dienste? Diese Dienste sind jetzt schon nicht ausgelastet und bringen den pflegenden Angehörigen so gut wie nichts, zumindest nicht in der Form, in der sie zur Zeit angeboten werden. Wenn es Dienste geben soll, die Pflegende entlasten sollen, gehört das ganze System überdacht und auf völlig neue Beine gestellt.

    Sehr geehrte Frau Flieger, Kinder sollen Kinder sein dürfen, ja. Aber auch helfen dürfen.

  • @Petra Flieger Da bin ich ganz bei Ihnen! Ich erachte auch das Faktum als ausserordentlich positiven diesbezüglichen Bewusstseinsbeitrag für die Öffentlichkeit, dass auf Ö3 anlässlich des diesjährigen Muttertages auch auf diese Realität hingewiesen und aufmerksam gemacht wurde. Hier erreichen wir nicht viele Menschen, für die Einleitung eines politischen sowie eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels benötigen wir flächendeckend mediale Instrumente. Daher herzlichen Dank an Ö3!!!!!!

  • @ Nina:

    wörtliches Zitat von Seite 52 der Studie: „Vor allem fällt auf, dass rund 14% der pflegenden Kinder angeben, mehr als fünf Stunden pro Tag unterstützend tätig zu sein, wenn jemand zu Hause krank ist.“

    Also, nix wöchentlich 5 Stunden, sondern täglich.

    Ich persönlich bin der Meinung, dass regelmäßige, vor allem körperliche Pflegetätigkeiten nicht von Kindern und auch nicht von Jugendlichen durchgeführt werden dürfen. Das ist meiner Meinung nach auch dem Verhältnis zu ihren Eltern, Großeltern nicht dienlich. Kinder sollen Kinder sein dürfen. Selbstverständlich sollen sie angemessen im Haushalt mithelfen, selbstverständlich können sie Handreichungen durchführen, aber bei echtem und chronischem Unterstützungsbedarf muss es im Sinne der gesamten Familie Familienentlastende Pflege- und UNterstützungsdienste dienste geben.

    P. Flieger.

  • „…wenden dafür täglich mehr als fünf Stunden auf.“
    Falsch. Es sind fünf Stunden pro Woche.

    Die gesamte Studie (168 Seiten) zum Lesen:

    http://pflegewissenschaft.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/inst_pflegewiss/Homepage_neu/Home/Institut/Projekte/Kinder_und_Jugendliche_als_pflegende_Angeh%C3%B6rige.pdf

    Haushaltstätigkeiten, Pflege, Geschwisterpflege usw. sind ja aus der Sicht eines Kindes immer relativ, nicht?

    Wird schon „Kinder“ – erst mit 18 gilt man als erwachsen – geben, die wirklich Hausarbeit und Pflege leisten, keine Frage, aber welcher 5-jährige kocht, putzt, macht die Wäsche und pflegt einen Angehörigen.
    Den zeigt mir bitte mal.
    Wenn heutzutage schon der kleinste Handgriff einem Kind nicht mehr zumutbar ist, dann Gute Nacht. So manches Kind fühlt sich schon überfordert und zur Zwangsarbeit herangezogen, nur weil es das eigene Teller vom Tisch wegtragen soll.
    Ein bisserl mithelfen hat noch keinem Kind geschadet. Soll auch gegen Übergewicht helfen.

    So, nun werde ich mir wohl verbale Prügel einhandeln.

  • … irgendwie musste ich das zweimal lesen, damit man das Unglaubliche verstehen kann. Also liebe Kinder, freut euch, ihr dürft nun endlich auf Schikurs mitfahren??? Eine „Auszeit“ für Pflegende Kinder??? BRAVO Herr Sozialminister, das ist echt ein großer Schritt in unserem reichen Staat! Und es gibt keinen Pflegenotstand … das ganze wirkt wie ein fake ….

  • Das UN-Kinderrechte-Übereinkommen enthält 54 Artikel. Aus diesen 54 Artikeln sind dazuland magere 8 Artikel geworden, von denen nur 6 Inhalte aufweisen und 2 rein formaler Natur sind. Diese Vorgangsweise wurde daher auch im Parlament – offenbar in Anlehnung an die österreichischen Lotterien – „6 aus 45“ genannt. Wenn man aber die Inhalte vergleicht, so fallen erhebliche Unterschiede zur UN-KRK auf. Die Begriffe Gesundheit und Bildung scheinen beispielsweise nicht auf.
    Auch Art 26 wird n i c h t e r w ä h n t, der das Recht auf Leistungen des Kindes der sozialen Sicherheit einschließlich der Sozialversicherung anspricht.