Sexuellen Missbrauch auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe bekämpfen

Nicht nur Klöster und Internate, sondern auch die Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen sich verstärkt dem Thema “sexueller Missbrauch” stellen, verlangt die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL).

Sigrid Arnade
ISL

”Wir fordern alle Institutionen der Behindertenhilfe auf, die Tradition des Wegschauens und Vertuschens zu beenden und stattdessen sexuellen Missbrauch in ihren Einrichtungen ohne Tabus aufzudecken und zu bekämpfen”, sagte Geschäftsführerin Sigrid Arnade heute gegenüber kobinet.

Es sei hinlänglich bekannt, dass behinderte Menschen noch häufiger Opfer sexueller Übergriffe werden als nicht behinderte Frauen und Männer: In einer Entschließung des Europäischen Parlaments vom April 2007 heißt es laut Arnade, dass das Risiko von Frauen mit Behinderungen, Opfer sexueller Gewalt zu werden, dreimal so hoch ist wie von Frauen ohne Behinderungen. Strukturelle Bedingungen in Institutionen begünstigen oftmals die Gewalt.

Sexuelle Gewalt in Einrichtungen

So berichteten zwei österreichische Studien zur sexuellen Gewalt in Einrichtungen, dass 64 Prozent der befragten Frauen mit Behinderungen und 50 Prozent der befragten Männer mit Behinderungen bereits sexuelle Gewalt erlebt haben. Deshalb seien auch behinderte Menschen über ihre Organisationen in die geplanten runden Tische zu diesem Themenkomplex einzubeziehen.

Es ist nach Arnades Angaben davon auszugehen, dass sexuelle Gewalt in allen Einrichtungen der Behindertenhilfe vorkommen kann, seien es Wohnheime, Werkstätten für behinderte Menschen, Berufsbildungs- oder Berufsförderungswerke. “Allen behinderten Menschen in solchen Institutionen müssen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse angeboten werden, um sie darin zu bestärken, ´nein´ zu sagen und sich zu wehren,” fordert Arnade. Außerdem müssten sie Zugang zu externen Beratungsstellen haben. Des Weiteren sei Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen deutlich zu machen, dass sexueller Missbrauch nicht geduldet werde.

Jeder Verdacht sei zur Anzeige zu bringen. Zur Aufarbeitung der vergangenen und gegenwärtigen Missbrauchsfälle warnt Arnade: “Mit der Aufdeckung der Taten darf nicht gewartet werden, bis sie verjährt sind. Mit der Aufklärung muss jetzt begonnen werden, und zwar sofort!”

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare

  • Ein wichtiger Impuls! Ja, nicht nur die berechtigte und überfällige Diskussion über Gewalt, Missbrauch und Misshandlungen in Kirche und konfessionellen Einrichtungen ist erforderlich, auch andere „totalitäre“ Einrichtungen (im Sinne Goffmanns) müssen „geöffnet“ und das erlittene Leid besprochen werden. Auch wenn schon vieles besser wurde, ist das öffentliche Aufzeigen für die Würde der Opfer wichtig, hilft nur Transparenz und Offenheit, weiteres Leid zu verhindern. Vielleicht können z.B. auch große Träger von Einrichtungen der Behindertenhilfe aktiv eine Aufarbeitung der eigenen schwierigen Geschichte (ihrer BewohnerInnen und ihrer MitarbeiterInnen) initiieren.

  • Nicht nur sexueller Mißbrauch, sondern auch Mißhandlung in jeder Art. Dazu gehört auch Vernachlässigung „Schutzbefohlener, Hilfloser“. Und das geschieht fast überall in schlimmstem Ausmaß!

  • Literatur für den „Runden Tisch“: Sigrid Kwella erzählt im Gespräch mit Anne Voss von contergangeschädigten Frauen, deren Behinderung gezielt ausgenutzt wurde, um sie sexuell zu missbrauchen. „Ihre Behinderung wurde bewusst ausgenutzt, um sie wehrlos zu machen und festzuhalten.“ (Voss&Hallstein, 1993, S. 21) Friske (1996, S. 174) meint, Frauen mit geistiger Behinderung wären „ideale Opfer“. Softenon hiess das Contergan-Zeugs hiezulande.