Sind behinderte Menschen solche mit „besonderen Bedürfnissen“?

NEIN! Natürlich nicht. Deshalb sollte der Ausdruck "Menschen mit besonderen Bedürfnissen" für behinderte Menschen nicht verwendet werden, denn er trifft einfach nicht zu. (Dieser Kommentar ist in ÖZIV-INFO 4/2013 erschienen)

Leitliniensystem auf Bahnhof
Fischer, Mag. Manfred

Die Fähigkeiten und Bedürfnisse behinderter Menschen sind nicht „besonders“, sondern genauso vielfältig wie die nichtbehinderter Menschen auch.

Es ist beispielsweise kein „besonderes Bedürfnis“ aufs Klo zu müssen, sondern eines, das jeder Mensch jeden Tag hat. Manche Menschen brauchen eben ein barrierefreies WC, um mit dem Rollstuhl genügend Platz zu haben.

Moblitätseingeschränkte Menschen brauchen etwa Rampen und Treppenlifte sowie stufenlose Eingänge, um sich problemlos selbständig fortbewegen zu können. Barrierefreies Bauen sollte demnach alltäglich sein, im Sinne des „Design for all“. Hier sind noch viele Barrieren in den Köpfen so mancher Architekten und Baumeister niederzureißen.

Rampen, Leitsysteme für blinde Menschen, induktive Höranlagen, Gebärdensprachdolmetscher, Texte im „Leichter Lesen“-Stil, sollten nicht mehr als Besonderheiten gesehen werden. Sie sind lediglich Hilfsmittel, damit Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen inklusiv in unserer Gesellschaft leben können.

Eigenschaftswort „behindert“

Das Eigenschaftswort „behindert“ beschreibt den Menschen einfach näher, wie „dunkelhaarig“ oder „glatzköpfig“. Die Behinderung sollte nur eine von vielen Eigenschaften eines Menschen sein – keine „besondere“. Denn: Etwa 15 – 20 Prozent der Menschen haben irgend eine Form von Behinderung. Das ist ein großer Teil der Bevölkerung. Es ist also nichts „Besonderes“, behindert zu sein.

Weiters sei auf die UN-Konvention betreffend behinderte Menschen verwiesen. Diese heißt im Original „Convention on the Rights of Persons with Disabilities“ und in der Übersetzung „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“. Auch in der UN-Konvention ist nichts von „besonderen Bedürfnissen“ oder „special needs“ zu lesen.

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16 Kommentare

  • Ich bin nicht mit besonderen Bedürfnissen, aber ich mag diese Klasse, und ich möchte als Freiwilliger helfen

  • Für mich war und ist der Begriff -„besondere Bedürfnisse“ eigentlich sehr positiv besetzt und nicht ausgrenzend gedacht. Logopädie für Menschen mit besonderen Bedürfnissen klingt für mich viel treffender, als Logopädie bei Menschen mit Behinderung. Jeder Mensch hat Bedürfnisse und besondere Bedürfnisse meint dann, dass die Hilfe genau auf diese Bedürfnisse abgestimmt wird. Behindert sein, wird oft sehr negativ gewertet auch im Sprachgebrauch von Jugendlichen. „Besonders“ zu sein – kann ja sehr positiv gemeint sein „Du bist etwas Besonderes“ – Solche Begriffe sind immer Ansichtssache und es ist wichtig, wie der Mensch mit seiner Beeinträchtigung, seiner Behinderung oder eben seinen individuellen, daher besonderen Bedürfnissen genannt werden möchte.

  • … bei allem berechtigten Einwänden müsste man wohl einen Schritt zurück: „besondere Bedürfnisse“ ist eine eher ungenaue Übersetzung von „special needs“. Der Punkt ist schlicht der, dass nicht alle ein barrierefreies WC, Fernsehen mit Untertitel etc. brauchen, um die gleichen Sache tun zu können wie die Mehrheit der Leute. „Behinderung“ in diesem Sinn isr relativ und relational: abhängig von dem, was als Norm gilt. „Design for all“ setzt aber auch voraus, dass man diese „special needs“ kennt und entsprechend berücksichtigen und ggf. auch gegeneinander abwägen kann (bsp. Bordsteinhöhe).

  • Nun, in den Beiträgen ist sehr viel Richtiges, und JEDE Wohnung sollte barrierefrei sein.
    Aber muss denn jede Toilette Stützgriffe haben? Muss denn JEDE Küchenarbeitsfläche 65 cm statt 85 cm hoch sein, damit ich sie verwenden kann? Muss JEDER Pkw einen Rollilift haben?
    Jeder Waggon in eime Zug sollte natürlich barrierefrei sein, so wie bei der Westbahn, und nicht nachgerüstet, wie bei den RailJets: Immerhin!

  • @Xenawien
    das haben sie sehr schön und berührend gesagt….für mich, als chron. kranke.

  • Teilweise kann ich dem Artikel zustimmen, teilweise nicht. Ich habe manchmal „besondere Bedürfnisse“ – zumindest einigen Ämtern und Institutionen gegenüber. Ich brauche spezielle Medikamente (für die WGKK ein besonders besonderes Bedüfnis, die wollens immer net bewilligen), spezielle Therapien… andererseits ist natürlich das Bedürfnis nach Schmerzreduktion und zumindest so was wie teilweiser Gesundheit kein besonderes, das ist ja auch wieder richtig. Besonderer Bedarf ist da keine schlechte Bezeichnung…

    Ich mach mir halt Sorgen, dass wenn es heißt, Menschen mit Behinderung haben keine „besonderen Bedürnisse“, es gleich heißt, na, dann brauchen sie auch keine besonderen Aufwendungen, Beihilfen usw… Und ich BIN leider behindert (und nein, ich fühl mich nicht von der Außenwelt, sondern ganz allein von meinem schwer chronisch kranken und häufig voller Schmerzen stehendem Körper behindert, denn solange div. Krankheiten nicht geheilt werden können, so lange behindern mich meine Schmerzen, und egal wie sich die Außenwelt ändert und verhält, solange die da sind, bin ich eingeschränkt).

  • da stimme ich zu, ich bin kein Mensch mit besonderen Bedürfnisse, denn auf´s Klo muss jeder Mensch, nur der eine kanns ohne Hilfe und der andere benötigt Hilfsmittel. ich bezeichne mich auch nicht als „behindert“ sondern als Mobilitätseingeschränkt.lg

  • dann aber bekommt der fragwürdige begriff „Fähigkeitsorientierte Aktivität“ auch seine berechtigung, Herr Stangl…

  • ………MIT BESONDEREN FÄHIGKEITEN !

    Die tagtägliche Beobachtung zeigt viel eher : wir sollten ausschließlich von “ MITMENSCHEN MIT BESONDEREN FÄHIGKEITEN “ reden ! Denn nur so werden wir dem gerecht, was alle Menschenrechtskonventionen verlangen : jeder Mensch soll so unterstützt werden, daß er seine besonderen Fähigkeiten vollständig zur Entfaltung bringen kann .

    Alles andere ist nur menschenrechtswidriger paternalistischer FÜRSORGERISMUS, so wie er nach wie vor dominiert hier in Salzburg in der Sozialabteilung der Landesregierung : völlig blind, taub und auch stumm und gefühlskalt gegenüber den echten Bedürfnissen von über 1.000 Oligophrenen ! Sie werden von bestens eingespielten Seilschaften nach wie vor total bevormundet, entmündigt und auch mundtot gemacht . Sie werden in “ geeigneten Einrichtungen “ eingelagert zum “ Vollzug “ bescheidförmig verfügter “ Maßnahmen „, gegen die sich gar nicht wehren können………….

    Der neue grüne Landesrat Heinrich SCHELLHORN hat da noch keineswegs hindurcherkannt, was sich da seit jeher abspielt . Nun läßt er sich bedauerlicherweise mediengeil vor den Karren einer angeblichen “ DE – INSTITUTIONALISIERUNG “ spannen : SCHERNBERG wird nun in aller Öffentlichkeit FILETIERT und mit den besten Filetstücken werden dieselben Einrichtungen wieder hochgefüttert an anderen Orten, in etwas verkleinerten sogenannten “ Wohngruppen “ .

    Bin schon sehr gespannt, ob sich bis zum 28. Februar 2014 hier in Salzburg doch noch echter Widerstand gegen die nach wie vor völlig menschenrechtswidrigen Praktiken von Landesregierung, Pflegschaftsrichtern und Rechtsanwältinnen als Sachwalterinnen organisiert, oder ob die große Fete zur angeblichen De – Inst. wieder nur ein Ablenkungsmanöver wird zur Beschwichtigung der Volxi und anderer Menschenrechtsorganisationen.
    Näheres findet sich wieder in : http://www.enthinderungsexperte !

  • Das selbe wie mit dem ausdruck „Behindert“. Ich sage immer das ich mich nicht Behindert fühle, ich habe halt einfach vollständig keine Beine und mache trotzdem alles!

  • Danke für Ihren Artikel, Herr Fischer.
    Auch ich versuche immer darauf hinzuweisen, dass der Begriff „besondere Bedürfnisse“ nicht stimmen kann, weil die Bedürfnisse nach Nahrung, …, Anerkennung, … bei allen gleich sind. Sehr wohl sehe ich aber unterschiedliche (Assistenz)Bedarfe bei Menschen, um sich diese Bedüfnisse erfüllen zu können. Und dies wäre eigentlich mit „special needs“ gemeint. Menschen mit besonderen Bedarfen klingt allerdings im Deutschen noch etwas ungewöhnlich.

  • Barbara L.: „Die „besonderen Bedürfnisse“ eignen sich nur so wunderbar dafür, Menschen mit Behinderung in die „Sonder-Ecke“ zu stellen und davon abzulenken, dass es vor allem die Umweltbedingungen und die gesellschaftliche Haltung sind, die behindern.“
    JA, genau dieser Meinung bin ich auch!

  • @Martin Wolkersdorfer: Nein, es ist gar nicht überspitzt, denn eine Wohnung zu haben, die man selbständig betreten und verlassen und in der man sich in allen Räumen uneingeschränkt bewegen kann ist ein Bedürfnis jedes Menschen. Es wird ja auch nicht als „besonderes Bedürfnis“ gesehen, dass Kinder ein bestimmtes Maß an Platz benötigen und deshalb z.B. Kinderzimmer in der Wohnbauförderung eine Mindestgröße haben müssen. Die „besonderen Bedürfnisse“ eignen sich nur so wunderbar dafür, Menschen mit Behinderung in die „Sonder-Ecke“ zu stellen und davon abzulenken, dass es vor allem die Umweltbedingungen und die gesellschaftliche Haltung sind, die behindern.

  • Ist das nicht ein ganz, ganz kleines Bisschen überspitzt?
    Ich bin sehr froh, wenn jemand meine speziellen Bedürfnisse wahrnimmt.
    Und von Design for all sind wir Jahrzehnte weit weg.
    In OÖ. nimmt man die positive Wohnraumgestaltung gar wieder zurück…