Spendensammeln geht auch anders

Die Lotterie der Aktion Mensch erwartet für 2008 einen Jahresumsatz von voraussichtlich 451 Millionen Euro. Man kann also auch für behinderte Menschen spenden sammeln ohne entwürdigende Berichterstattung. Wann lernt Österreich? Ein Kommentar.

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„Muss Spendensammeln entwürdigend sein?“, fragt man sich angesichts der Mitleidsshows des unbelehrbaren ORF, der sich in die Sache des ach so guten „Licht ins Dunkel“-Vereins stellt. Die beruhigende Antwort lautet schlicht: NEIN.

„Der Spendenmarathon des ORF im Rahmen von „Licht ins Dunkel“ hat heuer 5.486.080,97 Euro erbracht“, berichtet der Standard. Grund für den ORF, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und vom Staat mehr Geld zu verlangen.

Der ORF will also mehr Geld dafür, dass er u.a. jährlich eine erbärmliche Spendenshow abzieht? Oder will er vielleicht mehr Geld dafür, dass er in vielen Bereichen sich nicht einmal an das Behindertengleichstellungsgesetz hält? Wofür auch immer. Er wird das Geld wahrscheinlich bekommen. Entscheidend wird (wieder) nur sein, ob der Bundeskanzler von diesem Deal auch was hat.

Spenden ohne Mitleid?

Aber ich schweife ab. Es geht nicht um Spenden an den ORF. Dieser benötigt keine Spenden, denn er bekommt gesetzlich vorgeschriebene Beiträge. Es geht um den rührigen Verein „Licht ins Dunkel“. Manfred Srb, Vorstandsmitglied des Vereins BIZEPS, zeigte sich in der Wiener Zeitung über die Darstellung von behinderten Menschen als „arme Hascherl“ verärgert. „Das ist eine Katastrophe“, so kann man behinderte Menschen im 21. Jahrhundert nicht präsentieren, meinte er.

ÖAR: Teil des Problems oder Teil der Lösung?

Anderer Meinung ist Klaus Voget (Präsident der ÖAR), der von einer „Gratwanderung“ sprach. Einerseits hätte man gerne eine andere Darstellung von behinderten Menschen, andererseits jedoch steige mit dem gezeigten Bild natürlich die Spendenfreudigkeit, meint er und ergänzt: „Die angesprochenen Spender selbst sollten das anders sehen, das wäre schön.“

Und hier zeigt sich wieder das Problem mit der ÖAR. Das ganze Jahr versucht die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Bewusstsein für Barrierefreiheit und Gleichstellung zu vermitteln und stolpert am Jahresende regelmäßig in die Unglaubwürdigkeit, wenn sie beginnt „Licht ins Dunkel“ zu verteidigen.

Natürlich ist es verständlich, dass die ÖAR, die viel Geld im Rahmen dieser Aktion für Projekte „verteilen darf“, diese verteidigt. Aber warum Jahr für Jahr eine Mitleidsspenden-Show verteidigen, die den eigenen Grundsätzen zuwiderläuft?

Oder liegt es vielleicht wirklich daran, dass auch die ÖAR glaubt, nur mit so einer Sendung können Gelder für Behindertenprojekte aufgetrieben werden. Wenn das so ist, wäre das erschreckend und armselig. (Statt einer ehrlichen Diskussion hat die ÖAR allerdings in der Vergangenheit äußerst fragwürdige Aussendungen produziert.)

Aktion Mensch

Es stimmt eben nicht, dass eine Änderung der Erscheinungsform einer Spendenaktion zwangsläufig das Spendenvolumen verringert. Die deutsche Aktion Mensch ist ein gutes Beispiel dafür.

„Die Lotterie der Aktion Mensch erwartet für 2008 einen Jahresumsatz von voraussichtlich 451 Millionen Euro“, gab der Vorsitzende der Aktion Mensch, ZDF-Intendant Markus Schächter, auf der Mitgliederversammlung von Deutschlands größter privater Förderorganisation im sozialen Bereich bekannt, berichtet kobinet-nachrichten.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass Deutschland 10 Mal größer ist als Österreich, sind die Beträge ziemlich beeindruckend. Noch beeindruckender ist, dass in Deutschland auch die Behindertenbewegung hinter dieser Aktion steht.

Wer in Österreich wirklich effizient Spenden sammelt?

Aber auch in Österreich gibt es ähnliche Beispiele. Der ORF verzerrt die Wirklichkeit und so nimmt man an, dass Licht ins Dunkel unter den größten Spendenaktionen ist. Doch die Aktion erbringt nur einen kleinen Teil des in Österreich rund 350 Millionen Euro umfassenden „Spendenmarktes“.

Deutlich mehr Spenden sammeln beispielsweise die Caritas, das Rote Kreuz, die ein Vielfaches mehr als „Licht ins Dunkel“ sammelten. Aber auch die Sternsinger-Aktion, die kaum medialen Rückenwind hat, sammelte im Vorjahr mit 13,4 Millionen Euro deutlich mehr Spenden.

Wie soll es nun weitergehen?

So sind die Interessen verteilt:

  1. Der Verein „Licht ins Dunkel“ zeigt sich veränderungsresistent und produziert noch immer das Bild von behinderten Menschen, wie es in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts üblich war.
  2. Der ORF als (noch) größte Medienanstalt hat großes Interesses, sich selbst als mildtätiges Unternehmen zu präsentieren und wird daher – ohne Druck von außen – keinen Anlass zur Veränderung sehen.
  3. Die Politik ist so lange glücklich, wie sie sich selbst im Rampenlicht als hilfreich präsentieren kann.
  4. Die Behindertenbewegung wird so lange keinen Erfolg haben, so lange Organisationen wie die ÖAR oder die Lebenshilfe Österreich (als Teil von „Licht ins Dunkel„) nicht erkennen, welchen Schaden sie dem Image von behinderten Menschen in der Öffentlichkeit vorsätzlich Jahr für Jahr zufügen.

Ich würde mir wünschen, dass die involvierten Organisationen wie die ÖAR und die Lebenshilfe Österreich im Jahr 2009 deutlich auf eine Veränderung drängen. Wenn dies nicht geschieht, ist das ein Zeichen mangelnden Mutes und – dies sei auch mit aller Deutlichkeit gesagt – ein klares Signal, dass die von den Organisationen durchgeführte Interessensvertretung zu hinterfragen ist.

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