Stadtrat Oxonitsch: In Wien werden keine neuen Sonderschulen errichtet

Auf BIZEPS-INFO Nachfrage nahm der Wiener Bildungsstadtrat ausführlich zur aktuellen Diskussion Stellung. Teile der Antwort bedürfen aber noch erklärender Ergänzungen.

Christian Oxonitsch
SPÖ

In der Presseaussendung „Elf neue Campus-Standorte für Wien! vom 16. März 2012 überraschte der Wiener Bildungsstadtrat, Christian Oxonitsch (SPÖ), mit der Ankündigung, „vier Sonderpädagogische Zentren“ (Sonderschulen) neu errichten zu wollen.

Wir berichteten damals unter dem Titel „Will Wien wirklich 4 neue Sonderschulen bauen?“ ausführlich.

BIZEPS fragte nach

BIZEPS wollte wissen, weshalb Wien neue Sonderschulen errichten will und fragte am 18. März 2012 schriftlich beim Stadtrat nach:

  1. Wieso investiert das Land Wien – 5 Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention – einen erheblichen Millionenbetrag in Sonderschulen statt in die Inklusion?
  2. Auf Basis welcher Informationen kommen Sie zu dem Schluss, dass Kinder mit Behinderungen in Sonderschulen am besten gefördert werden können?
  3. Alle Studien zeigen, dass Kinder mit Behinderung integriert bessere schulische Leistungen erbringen. Wieso wollen Sie dann wieder Sonderschulen bauen?
  4. Mit den Ressourcen, die in die Sonderschulen gesteckt werden, könnte die gesamte Ausstattung des Schulcampus qualitativ verbessert werden. Davon würden alle SchülerInnen und LehrerInnen profitieren. Warum entscheiden Sie sich nicht für diesen Weg?
  5. Ist Ihnen bekannt, dass gerade von der Stadt Wien ein Prozess – genannt Wiener Charta – gestartet wird, wo es gleich zu Anfang heißt: „Wien ist eine internationale Großstadt, die von unterschiedlichen Lebensstilen, Weltanschauungen und Auffassungen geprägt ist. Junge und Alte, Frauen und Männer, Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung, hier Geborene und Zugewanderte, Menschen mit und ohne Behinderungen leben in Wien zusammen. Sie wohnen in demselben Wohnhaus oder arbeiten in derselben Firma, besuchen dieselbe Schulklasse oder engagieren sich in denselben Vereinen.“

Die Antwort des Bildungsstadtrates Oxonitsch an BIZEPS (Volltext):

Zu Ihrem Schreiben betreffend „Neue Campus Standorte für Wien und die Umsetzung der UN Konvention zu den Rechten behinderter Menschen“ kann ich Ihnen Folgendes mitteilen:

Grundsätzlich muss festgestellt werden, dass in Wien keine neuen Sonderschulen errichtet werden.

An den neuen Campusstandorten werden neben den üblichen Maßnahmen zum gemeinsamen Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder zusätzliche sonderpädagogische Einrichtungen und Vorkehrungen eingeplant. Diese besonderen Maßnahmen werden den gemeinsamen Unterricht auch für jene SchülerInnen ermöglichen, deren Behinderungsform ganz spezielle Ausstattungen notwendig machen (z. B.: Lesegeräte für sehbehinderte Kinder, Raumausstattung für basale Kinder, technische Vorkehrungen für schwerhörige Kinder,..), die über die behindertengerechte bauliche Ausstattung hinausgehen und nicht an jedem Standort einer Pflichtschule angeboten werden können.

Durch die Einrichtung von solchen speziell ausgestatteten Integrationsklassen wird eine bessere Verteilung von barrierefrei adaptierten Schulen über das Wiener Stadtgebiet erreicht, dadurch längere Fahrzeiten für die betroffenen Kinder vermieden und dem Prinzip der Wohnortnähe eher entsprochen.

Aktuell nehmen diese Aufgaben Schwerpunktsonderschulen in der Form der „umgekehrten Integration“ wahr.

Als ein konkretes Beispiel zur Verdeutlichung sei erwähnt, dass es in Wien derzeit nur eine Pflichtschule für schwerhörige Kinder gibt, die auch über die sehr aufwändige technische Ausstattung zur optimalen Betreuung dieser Kinder verfügt. Diese Schule wird, wie viele andere Sonderschulen in Wien auch, für die „umgekehrte Integration“ genutzt. Dadurch werden am entsprechend ausgestatteten Schulstandort Begegnungsmöglichkeiten für behinderte und nicht behinderte Kinder geschaffen.

Durch die Einrichtung von Integrationsklassen mit dem Schwerpunkt zur Betreuung schwerhöriger Kinder an Campusstandorten könnte eine deutlichere Wohnortnähe für behinderte SchülerInnen erzielt werden.

Analoge Beispiele für andere Arten von Behinderungen sind aus den bestehenden Sonderschulstrukturen abzuleiten.

Ich hoffe Ihnen, sehr geehrter Herr Ladstätter, mit diesen Mitteilungen gedient zu haben. Die Beantwortung Ihrer einzelnen Fragen erscheint nicht sinnvoll, da, wie oben dargestellt, kein Geld in Sonderschulen, sondern in Maßnahmen zur Integration investiert wird und auch keine neuen Sonderschulen gebaut werden.

Zwei Punkte möchte ich noch anmerken:

  1. Es besteht derzeit noch immer das gesetzlich verbriefte Recht für Erziehungsberechtigte behinderter Kinder (mit sonderpädagogischem Förderbedarf) zwischen einer integrativen Beschulung und einer Beschulung in einer Sonderschule frei zu wählen.
  2. Es steht auch fest, dass qualitätsvolle Maßnahmen im sonderpädagogischen Bereich einer sachkundigen Unterstützung bedürfen. Diese Maßnahmen werden derzeit in Wien sehr erfolgreich über Sonderpädagogische Zentren sachkundig verteilt und inhaltlich begleitet.

Ich kann Ihnen abschließend noch mitteilen, dass ich den Stadtschulrat für Wien ersucht habe, für diese zukünftigen Schulstandorte gemeinsam mit ExpertInnen ein Modell der inklusiven Bildung zu erarbeiten.

Mit freundlichen Grüßen
Christian Oxonitsch
Amtsführender Stadtrat für Bildung, Jugend, Information und Sport

Bewertung der Antwort

Wie ist die Antwort von Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch nun zu bewerten? Wir werden in den nächsten Tagen Expertinnen und Experten bitten, diese Antwort zu analysieren und weiter darüber berichten.

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0 Kommentare

  • Wer Strassen sät, wird Verkehr ernten. Wer Mauerdekrete sekretiert, wird Segregation ernten.

  • Ich finde, man sollte zuerst das Konzept entwickeln und dann die Baupläne erstellen …

  • Wenn das Bällchenbad für die Beschulung von „basalen“ Kindern wirklich pädagogisch begründbar sein sollte,dann wünsche ich mir ein Bällchenbad für jede Wiener Schule! Das mit den Lese- und Schwerhörigenvorrichtungen verstehe ich nicht ganz – deshalb sollen neue Zentren gebaut werden? Kann man diese nicht zu den jeweiligen Kindern in die normale Schule bringen und umsiedeln, wenn sie dort nicht mehr gebraucht werden? Im Grunde läuft es hier ja wohl wieder um „Spezialbeschulung“, „Absonderung der Kinder mit den besonderen Bedürfnissen“ heraus, welche über die „Normale“ Barrierefreiheit hinausgehen. Nicht (nur) die Apparate, sondern vor allem auch die Menschen machen es. Den Arbeits- und Personalaufwand, den die Arbeit in integrativen Projekten mit allen Kindern gemeinsam bedeutet, kann sich die Stadt Wien wohl nicht leisten. Vielleicht kommen die Gehälter der Lehrer aus einem anderen Topf als die Bauaufwände..?

  • Wenn es keine Sonderschulen sind, warum spricht der SPÖ-Klub in seiner Aussendung von ELF Volksschulen, DREI Hauptschulen und VIER Sonderpädagogischen Zentren. Was hindert Herrn Oxonitsch daran ACHZEHN „inklusiven Schulen“ zu planen? Ich denke, hier will uns jemand für blöd verkaufen!

  • Inklusion im Sinne der UN-Konvention stelle ich mir anders vor und ist sicherlich auch anders definiert als in der schriftlichen Antwort von Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Und: Integration ist was anderes als Inklusion…

  • Dass es an einem Schulstandort unter mehreren Parallelklassen verschiedene Spezialisierungen bei Adaptierungen und Barrierefreiheit geben könnte, wäre ressourcenbedingt vielleicht begründbar. Ich stelle mir das aber im laufenden Betrieb wegen der Leistungsgruppen praktisch schwierig vor. „Begegnungsmöglichkeiten für behinderte und nicht behinderte Kinder“ klingt kaum nach gemeinsamen inklusiven Unterricht. Auch die Betonung der Gesetzmäßigkeit des Status Quo lässt vermuten, dass an den Konventionszielen weiterhin herumzudeuteln versucht werden wird.