Stimmen aus dem Heimalltag: Warum die Vorfälle in Potsdam auch ein Weckruf für Journalistinnen und Journalisten sein sollten

Ein Beitrag des YouTube Kanals „Inklusion Progressiv“ tut etwas, was im Zuge der Berichterstattung rund um die Gewalttaten in einer Behinderteneinrichtung in Potsdam noch gar nicht passiert ist: Er lässt ehemalige Heimbewohnerinnen und Heimbewohner zu Wort kommen und das ist mehr als notwendig. Ein Kommentar.

Clubhouse Talk: Wenn das Behindertenheim kein sicherer Ort ist
Inklusion Progressiv

Die Gewalttaten an fünf Menschen mit Behinderungen, die am 28. April 2021 in einer Behinderteneinrichtung in der deutschen Stadt Potsdam stattfanden, lösten bei vielen von uns Schock und Sprachlosigkeit aus.

Sprachlos machte aber nicht nur die schrecklichen Taten selbst, sondern auch die Art und Weise wie darüber berichtet wurde. Betroffene kamen nicht zu Wort, stattdessen wurden diskriminierende Erklärungsansätze für die Taten gesucht, die zu einer fatalen Täter-Opfer-Umkehr führten.

Ein Clubhouse Talk des YouTube Kanals „Inklusion Progressiv“ mit dem Titel „Wenn das Behindertenheim kein sicherer Ort ist“ macht etwas, was bisher meiner Beobachtung nach nicht passiert ist.

Er gibt denen eine Stimme, die bisher nicht gehört wurden, nämlich ehemaligen Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern, darunter auch Lisa. Sie hat im Oberlinhaus gelebt und spricht offen und eindringlich über ihre Erfahrungen.

Gewalt ist nicht nur körperlich

Lisa ist im Rahmen einer Ausbildungsmaßnahme ins Oberlinhaus gekommen. „Wenn über Gewalt in Heimen geredet wird, kommt es in der Gesellschaft nur an, wenn es um körperliche Gewalt geht“, berichtet Lisa.

Aber Gewalt würde schon früher anfangen, nämlich schon bei psychischer Gewalt und Machtmissbrauch. Lisa schildert, wie sie von einem Mitbewohner gestalkt wurde. Als sie das Verhalten des Mitbewohners meldete, sei das nicht ernst genommen worden. Sie könne aufgrund ihrer Behinderung gar nicht einschätzen, dass das Stalking ist.

Wenn man so hübsch sei, müsse man damit rechnen, dass sich jemand in einen verliebt. Solche Aussagen musste sich Lisa als Antwort auf ihre Beschwerden anhören. Durch ihre Schilderungen wird deutlich, dass sie als Person gar nicht wahrgenommen wurde.

Ständige strukturelle Gewalt

Neben direkter Gewalt sind Heimbewohnerinnen und Heimbewohner auch ständig strukturellen Gewaltformen ausgesetzt. So berichten Lisa und auch andere Diskussionsteilnehmerinnen von Eingriffen in die Privatsphäre, die bei nicht behinderten Menschen niemals vorkommen würden.

Alles wird kontrolliert und protokolliert, sogar die Dauer der Toilettengänge, auch Privatsphäre gibt es nicht. Die eigenen Zimmer sind nicht abschließbar. Lisa berichtet davon, wie sie gezwungen war, sich in einem offenen Raum einen Katheter einzuführen, während Mitarbeiter einfach hineinkamen.

Solche Situationen schildern auch andere Menschen mit Heimerfahrungen, wie zum Beispiel der Aktivist Raul Krauthausen, der im Zuge eines Experimentes fünf Tage in einem Heim verbrachte. (Siehe auch BIZEPS-Interview).

Man könnte die Reihe an erschütternden Schilderungen aus dem Heimalltag weiter fortsetzen. Sie alle zeigen ein schockierendes Fazit einer „totalen Institution“, in der Bewohnerinnen und Bewohner meist keine Stimme haben und ihr Alltag komplett fremdbestimmt ist.

Der blinde Fleck im Journalismus

Die Berichte aus dem Heimalltag lassen verständlicherweise Forderungen nach selbstbestimmtem Leben für Menschen mit Behinderungen laut werden. Die Vorfälle in Potsdam zeigen aber auch, dass sich in der medialen Berichterstattung noch einiges ändern muss.

Aktivist Raul Krauthausen appelliert an Journalistinnen und Journalisten: „Hört auf mit Pfarrern und Pflegepersonal zu reden, sucht euch in irgendeiner verdammten Einrichtung in Deutschland andere Bewohner*innen, die sprechfähig sind und redet mit denen über deren Wünsche, Ziele und Träume und nicht immer nur mit Pfleger*innen.“

Raul Krauthausens Aufforderung an Journalistinnen und Journalisten bringt die Sache auf den Punkt und macht noch einmal auf den blinden Fleck im Journalismus aufmerksam. Denn auch in der medialen Berichterstattung wird die Perspektive von Menschen mit Behinderungen oft übergangen und das ist ein großer Fehler.

Inklusiver und kritischer Journalismus darf keine blinden Flecken haben, muss Strukturen kritisch hinterfragen und den Perspektiven aller Menschen einen Raum geben. An keiner Stelle wäre das so notwendig gewesen, wie im Falle der Berichterstattung über das Oberlinhaus.

Hier können Sie die Diskussion hören:

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