Stimmen zum Tod der US-Behindertenrechtlerin Judith Heumann

Der Tod der US-amerikanischen Behindertenrechtlerin Judith Heumann, die immer wieder auch Deutschland besucht hat, berührt viele Menschen weltweit.

Judith Heumann
Judith Heumann

Mittlerweile steht fest, dass die Trauerfeier am 8. März 2023 um 16 Uhr deutsche Zeit stattfindet, an der auch eine Online-Teilnahme möglich ist.

Neben vielen großen Medien in den USA und in anderen Ländern, haben sich auch der US-Präsident Joe Biden und die Vize-Präsidentin Kamala Harris zum Tod von Judith Heumann zu Wort gemeldet.

kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul hat einige Stimmen aus Europa zum Tod der Behindertenrechtlerin von Menschen eingefangen, die den Weg von Judith Heumann, wie er selbst, kreuzen durften.

Der Erinnerungsgottesdienst für Judith Heumann findet am 8. März in Washington, D.C. um 16:00 Uhr (deutsche Zeit) und die Beerdingung anschließend um 18:00 Uhr statt. Unter folgendem Link ist es möglich, im Livestream daran teilzunehmen:

Für den Präsidenten der Vereinigten Staaten von America Joe Biden war Judy Heumann eine Wegbereiterin, eine Kämpferin für die Rechte behinderter Menschen in den USA. Joe Biden kannte Judith Heumann bereits seit längerer Zeit und führte mit ihr schon in seiner Zeit als Vize-Präsident eine Veranstaltung im Weißen Haus durch, schrieb Joe Biden in seinem Statement zum Tod von Judy Heumann.

Die Vize-Präsidentin der USA, Kamala Harris, die lange Zeit in der Nähe von Judith Heumann in der San Francisco Bay Area wohnte, teilte per Twitter kurz nach dem Tod von Judith Heumann mit: „Judy Heumann kämpfte unermüdlich für die Würde und Selbstbestimmung aller Menschen. Als lebenslange Behindertenrechtsaktivistin pflasterte sie den Weg für so viele – und die Welt ist ein besserer Ort wegen ihr.“

Prof. Dr. Theresia Degener erklärte zum Tod von Judith Heumann: „Judy Heumann, die Gigantin der internationalen Behindertenbewegung werde ich schmerzlich vermissen! Ich hatte das große Glück, sie im Juni letzten Jahres noch besuchen zu dürfen. Wir hatten uns zum Lunch in der Nähe ihres Apartments in Washington, D.C. verabredet. Wie immer, fragte Judy mich und meine Partnerin, welche Projekte wir gerade hätten und noch bevor wir unsere Antworten beendeten, hatte sie schon diverse Menschen angerufen, die wir unbedingt treffen müssten, weil sie wichtige Informationen für uns hätten. Als nächstes suchte sie für uns die passende Busverbindung zu dem Museum heraus, das sie uns empfahl, direkt im Anschluss an unseren Lunch zu besuchen. So war Judy! Ungemein hilfreich, energiegeladen, voller Ideen, immer interessiert an allem, bestens vernetzt und informiert! Sie lebte viele Leben gleichzeitig und wenn man nicht aufpasste, übernahm sie gleich das Drehbuch des eigenen Lebens mit. Judy Heumann, die Ikone der US-amerikanischen Behindertenbewegung, die furchtlose Feministin, die jüdische Tochter von Überlebenden des Naziregimes, die uns deutschen Nachgeborenen die Hand entgegenstreckte, ohne uns aus unserer 2. Schuld zu entlassen. Mit ihren dünnen Polioarmen konnte sie Berge versetzen, wenn es um soziale Gerechtigkeit ging. Mit ihrem großen warmen Herz und ihrem herzlichen Lachen uns alle im Sturm erobern. Wir haben ihr alle so viel zu verdanken! Ich bin mir nicht sicher, ob sie je in Frieden ruhen wird, denn vermutlich wird sie dort, wo sie jetzt ist, den Laden aufmischen.“

Martin Ladstätter aus Wien sandte folgendes Statement: „Für uns war wichtig, mit Judith Heumann eine Pionierin der Selbstbestimmt Leben Bewegung zu kennen. Als Mitbegründerin des ersten Independent Living Center in Berkeley/Kalifornien war sie – und andere wie Edward Roberts – Teil unserer gemeinsamen Geschichte und natürlich Vorbild. Als erstes österreichisches Zentrum für Selbstbestimmtes Leben war und ist es wichtig, solche internationalen Vorbilder zu haben. Wir waren erfreut, dass wir mit ihr in Kontakt stehen konnten und sie im Jahr 2016 bei uns im BIZEPS in Wien war. In der Geschichte der Behindertenbewegung – insbesondere im Kampf um Menschenrechte – gebührt ihr höchste Anerkennung. Schön, dass ihr mit dem Film „Crip Camp: A Disability Revolution“ noch zu Lebzeiten ein filmisches Denkmal gesetzt wurde“, schreibt Martin Ladstätten von BIZEPS in Wien.

Seit Anfang der neunziger Jahre ist Dinah Radtke Judith Heumann regelmäßig alle paar Jahre in Brüssel, Maastricht, New York City, Washington oder auf Kongressen und Tagungen begegnet. „Ich war immer irgendwie für Disabled Peoples‘ International tätig und Judy in einem ihrer diversen Jobs. Aber immer berichtete sie über die Erfahrungen und Kämpfe der Independent Living Movement in den USA und die Erfolge der Bewegung. Das war Empowerment pur. Sie war eine sehr beeindruckende Persönlichkeit mit einem großen Wissensschatz, scharfem Verstand, viel Energie und Humor. Aber sie konnte auch die einfachen Dinge des Lebens genießen. Unser letzter großer gemeinsamer Auftritt war anlässlich einer internationalen Tagung im Entwicklungsministerium in Berlin 2015 oder 2016. Der damalige Entwicklungsminister Müller war sehr bemüht um uns, wir durften kurze Ansprachen halten und an Diskussionsrunden teilnehmen. Es ging, wie immer im BMZ, um inklusive Entwicklungszusammenarbeit. Kalle Könkkölä aus Finnland war auch bei diesem Event dabei. Jetzt sind sie uns beide vorausgegangen, haben aber große Fußstapfen zurück gelassen“, berichtet Dinah Radtke aus Erlangen und führt weiter aus: „Unsere Aufgabe ist es nun, mit darum zu kämpfen, dass die Behindertenrechtskonvention und die Ziele für nachhaltige Entwicklung umgesetzt werden, kurzum an der Verwirklichung einer inklusiven Gesellschaft mit gleichen Rechten weiter zu arbeiten. Ich bin traurig und doch froh, dass ich so außergewöhnliche Persönlichkeiten gekannt habe und werde Judith Heumann und Kalle Könkkölä nie vergessen.“

Zum ersten Mal begegnete Uwe Frevert Judy Heumann 1982 in München an der Ludwig Maximilian Universität, als sie über das Persönliche Budget referierte, um die Abhängigkeit von unseren selbst gegründeten Pflegediensten reduzieren zu können, schreibt das Vorstandsmitglied der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) und betont: „Judy Heumann war unsere Lehrerin, Mentorin, Begleiterin, beste Freundin und eine unglaubliche Wegbereiterin für die Bürgerrechte der behinderten Menschen in Deutschland. Durch Ihre intensive Begleitung und dem Coaching von uns, in unserer Zeit des Erwachsenwerdens, haben wir behinderte Menschen in Deutschland zu verstehen gelernt, dass die systematische Aussonderung in Sonderschulen, ‚Heimen‘ für behinderte Menschen und den ‚Werkstätten für Behinderte‘ eine Verletzung der Menschenrechte ist. Für dieses Verständnis und den damit einhergehenden Bewusstseinswandel bei uns selbst, sind wir Judy Heumann zu tiefst dankbar und trauern um einen der wichtigsten Menschen in unserem Leben.“

„Judith Heumann ist tot, welch ein Verlust! Was hätten wir noch alles von ihr lernen können und wollen“, sagte die ehemalige ISL-Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), Dr. Sigrid Arnade und betont: „Das Vermächtnis von Judith Heumann verstehe ich als Auftrag an uns alle, im Kampf um Gleichstellung und gegen Diskriminierungen nicht müde zu werden.“

„Judy Heumann war eine inspirierende Persönlichkeit, sich für Inklusion und gegen Aussonderung einzusetzen. Eine echte Mutmacherin für mich und viele weitere Menschen mit Behinderungen, sich gesellschaftlich und politisch zu engagieren. Sie wird uns fehlen“, schrieb der Landesbehindertenbeauftragte von Rheinland-Pfalz, Matthias Rösch, an die kobinet-nachrichten.

Martina Puschke berichtet: „Ich habe Judith Heumann 1999 in Washington als wahnsinnig aktive, politische, freundliche, viel lachende und unglaublich herzliche Frau kennengelernt. Sie begegnete allen Menschen, die sich in der Behindertenpolitik engagierten, mit einer großen Wärme und persönlicher Wertschätzung, unabhängig davon, wie lange sie bereits aktiv waren und für welchen Bereich sie streiten. In den folgenden Jahren begegneten wir uns einige Male in Deutschland. Sie verfügte über eine Gabe, Menschen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung zu vermitteln, dass sie ein immens wichtiger Teil einer großen Bewegung sind, dass ihr Engagement wichtig ist und dass wir gemeinsam viel bewegen können. Judith lebte Empowerment mit großem Herz. Liebe Judith, herzlichen Dank dafür!“

Für Raul Krauthausen wiegt der Verlust von Judith Heumann ebenfalls schwer: „In ewiger Erinnerung an Judy Heumann, eine DER Aktivistinnen für Inklusion und soziale Gerechtigkeit. Ich trauere um den Verlust einer wahren Heldin und Visionärin, die ihr Leben der Arbeit für die Rechte von Menschen mit Behinderungen auf der ganzen Welt gewidmet hat. Judys unermüdliche Fürsprache, Führung und Entschlossenheit haben den Weg für unzählige Menschen mit Behinderungen geebnet, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Durch ihre Arbeit mit Organisationen wie ADAPT und dem World Institute on Disability war Judy maßgeblich an der Gestaltung der Behindertenpolitik beteiligt und verbesserte die Barrierefreiheit für alle. Ihr Kampf für den Americans with Disabilities Act, hat das Leben von Millionen von Amerikanern mit Behinderungen transformiert. Judys Einfluss wird noch Generationen spürbar sein. Ihr Vermächtnis wird weiterhin viele inspirieren und stärken, um den Respekt, die Gleichheit und die Inklusion zu fordern, die sie verdienen. Ruhe in Frieden, Judy Heumann. Dein Licht wird weiterhin leuchten. Ich denke oft und gerne an unsere Begegnung in der @usambgermany zurück“, schrieb Raul Krauthausen auf Instagram.

Was wir von Judith Heumann lernen können, damit hat sich Dr. Adolf Ratzka aus Schweden in seinem Beitrag zum Tod der Behindertenrechtlerin beschäftigt. Er schreibt: „Nicht jeder kann so scharf und wortgewandt wie Judy sein. Aber wir alle können versuchen, eine nette zugewandte Art und Verständnis für andere Menschen zu entwickeln – behindert oder nichtbehindert, Verbündete oder Gegener. Selbst die Person, die uns diskriminiert, kann in der Lage sein, eine neue Perspektive zu entwickeln, wenn wir ihr eine Chance geben. Konfrontation muss nicht immer die beste Strategie sein. Judy’s andere Lektion ist, Freundschaft macht einen Unterschied. Mit Freunden zusammenzuarbeiten, ist für sich schon befriedigend. Wir werden effektiver sein, wenn wir mögen, was wir tun. Freundschaft ist eine potente Gegenmaßnahme, um sich in die Opferrolle drängen zu lassen, woraus leicht burn-out entstehen kann. Lasst uns die Erinnerung dadurch am Leben erhalten, in dem wir versuchen, Judy’s Lektionen zu folgen.“

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