Studie „Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen am Salzburger Arbeitsmarkt“

Frauen mit Beeinträchtigungen oder Behinderungen sind in vielen Bereichen des Lebens nicht nur einfach, sondern oft doppelt benachteiligt. Das ist das Ergebnis der Studie "Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen am Salzburger Arbeitsmarkt".

Deckblatt Studie Arbeitslosigkeit
Lugstein, Teresa

Die 200 Seiten umfassende Studie wurde unter der wissenschaftlichen Leitung der Sozialwissenschafterinnen Dr.in Birgit Buchinger und Mag.a Ulrike Gschwandtner (die leider im vergangenen Jahr verstorben ist) im Auftrag von Landesrätin Erika Scharer durchgeführt.

Insgesamt wurden 37 qualitative Interviews mit Frauen mit verschiedenen Behinderungen aus Stadt und Land Salzburg durchgeführt. „Viele der Frauen haben zum ersten Mal ihre Lebensgeschichte zusammenhängend erzählt“, betont die Forscherin Birgit Buchinger. Die Studie zeigt die strukturellen Hindernisse auf, mit denen Frauen mit Behinderungen, unabhängig von ihrer Beeinträchtigung, Biografie und Begabung und im Rahmen ihrer Erwerbstätigkeit konfrontiert sind. Ergänzt wurde die Studie durch die Stellungnahmen von 33 interviewten Expertinnen und Experten.

Einzigartige Ergebnisse

„Die Studie ist österreichweit einzigartig und wir hoffen, dass die Wirkung über die Landesgrenzen hinausgeht und auch andere Bundesländer dieses Thema aufgreifen“, meint Martina Berthold, Mitarbeiterin des Büros für Frauenfragen und Chancengleichheit des Landes Salzburg. „Bereits 2003 gestalteten die beiden Frauenbüros von Stadt und Land Salzburg einen Frauentag zum Thema „Frauen mit Behinderungen“, hierbei und in weiteren Projekten wurde ersichtlich, dass eine grundlegende Untersuchung zu diesem Schwerpunkt fehlte. Geschlechtsspezifische Existenzabsicherung, Eigenständigkeit sowie Erwerbsarbeit wurden bislang nicht erforscht und bearbeitet, dies war Motivation für uns, die Studie anzuregen“, ergänzt Berthold.

Nicht über uns – sondern mit uns

Das Besondere an der Studie ist, dass zusätzlich zu den Wissenschafterinnen eine Reflexionsgruppe von 12 Frauen mit verschiedenen Behinderungen diese begleitet und die Ergebnisse der Forscherinnen kritisch reflektiert hat.

Kaum Chancen auf Ausbildung

Die Frauenbeauftragte der Stadt Salzburg, Dagmar Stranzinger, weist auf die aktuelle Situation von jungen Frauen mit Behinderungen hin. Diese erhalten oft nur eingeschränkte Schul- und Berufsausbildungen, eigene Berufswünsche werden kaum berücksichtigt. „Während Burschen da noch eher eingestellt werden, bilden Mädchen und Frauen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt das Schlusslicht. Tagtäglich erlebte Diskriminierung, Mobbing, sowie das Gefühl, nicht dazu zu gehören, sind Erfahrungen, mit denen Frauen mit Behinderungen am Arbeitsplatz oftmals konfrontiert sind“, berichtet sie. Rückzug in die Isolation oder Resignation seien oft die Konsequenz der betroffenen Frauen.

Eine weitere Erkenntnis aus der Studie ist, dass Behinderungen – in Kombination mit Frau-Sein – das Armutsrisiko erhöhen oder bereits in die Armut geführt haben.

Forschungsprozess

„Im Rahmen dieser Studie hat uns unheimlich Vieles bewegt. Die Begegnungen mit den Frauen mit Behinderungen waren sehr beeindruckend für uns. Wir trafen dabei, quer durch alle Behinderungs- und Altersformen, einfach auf so viele unglaublich kompetente und strategisch denkende Frauen, die trotz der mannigfaltigen Barrieren, mit denen sie im öffentlichen Raum, am Arbeitsmarkt und in den Schulsystemen konfrontiert sind, dennoch ihren Weg gehen“, führt die Sozialwissenschafterin Birgit Buchinger an.

Um mit all dem, was diese Befragung im Rahmen dieses Prozesses ausgelöst hat, umgehen zu lernen, und eigene Grenzen wahrzunehmen, entschlossen sich die beiden Forscherinnen zu einer psychoanalytischen Supervision.

„Die Auseinandersetzung erfolgte auch darüber, wie Kommunikation positiv stattfinden kann. Fragen wie „wo sind wir durch unser Nichtwissen selber behindert und wo behindern wir die Interviewpartnerinnen dadurch? Wohin schaue ich z.B. bei einem Interview mit einer gehörlosen Frau – zu ihr oder zur Gebärdensprachdolmetscherin?“ Das waren für uns auf der Ebene der persönlichen Begegnungen größte Lernerfahrungen“, hebt die Forscherin abschließend hervor.

Hohe Gewalterfahrung

Rund 40 Prozent der befragten Frauen berichteten von körperlichen oder sexuellen Gewalterfahrungen in ihrer Kindheit und Jugend. Eine Tatsache, die entsprechenden Handlungsbedarf aufzeigt, sind sich die Vertreterinnen der beiden Frauenbüros einig, sie wollen dieses Thema verstärkt aufgreifen.

Als Expertin wahrgenommen

Die Behindertenreferentin der Erzdiözese Salzburg, Gabriele Pöhacker, hat an den Interviews und der Reflexionsgruppe teilgenommen. Sie hebt hervor, dass die Herangehensweise an die Studie von Anfang an anders für sie gelaufen ist. „Das heißt, dass die beiden Forscherinnen, ein Stück des Weges gemeinsam mit uns Frauen mit Behinderungen gegangen sind, wir ihnen vertrauen und alles bereden konnten, ohne in eine „kümmernswerte“ Rolle gedrängt zu werden. Wir wurden als Expertinnen wahrgenommen, die Gespräche fanden ohne Bewertungen statt, es gab keinen Zeitdruck“, äußerte sie sich erfreut dazu.

Fortbildungscurriculum für Fraueneinrichtungen

Einen Ansatz für Verbesserungen sehen die Vertreterinnen der Frauenbüros Stadt und Land Salzburg in einer adäquaten Beratung und Begleitung von Frauen mit Behinderungen. Da es bislang nur wenige Einrichtungen gibt, welche über Beratungskompetenzen in Frauen- und Behindertenthemen verfügen, bieten die beiden Frauenbüros als konkrete Maßnahme ein modulares Fortbildungscurriculum an, in welchen diese Kompetenzen aufgebaut und geschärft werden. Vorrangige Absicht ist es, Geschäftsführerinnen und Mitarbeiterinnen aller Fraueneinrichtungen des Landes und der Stadt Salzburg zu den Themen Behinderung und Barrierefreiheit zu qualifizieren.

Diese Kompetenzen und ein inklusiver Umgang mit Frauen mit Beeinträchtigungen werden zudem als Fördervoraussetzungen in die Subventionskriterien des Büros für Frauenfragen und Chancengleichheit des Landes und des Frauenbüros der Stadt Salzburg integriert.

Die Studie ist unter downloadbar.

Der Radiobeitrag vom 25.06.08 im „Frauenzimmer“ der Radiofabrik Freier Rundfunk Salzburg steht unter folgendem link zum Nachhören oder Downloaden bereit.

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0 Kommentare

  • Ich finde es toll, dass diese Studie gemacht wurde und freue mich, als Salzburgerin besonders darüber. Ich weiß nicht ob ich es einfach überlesen oder falsch verstanden habe, aber mir fehlt neben der Fortbildung der entsprechenden MitarbeiterInnen in den beratenden (aber auch anderen Anlaufstellen) Institutionen, dass Frauen mit Behinderung, die ExpertInnen selbst an Ort und Stelle Beschäftigung finden u. diese Arbeit aus einer Doppelqualifikation machen (eigene Behinderung und entsprechende Beratungsfähigkeiten … ) Insofern glaube ich, dass es auch da noch einen weiten Weg zu rollen, fahren, gehen gilt. (Leider und zugleich ist es eine große Chance zur Veränderung)