Studie zur Situation von Frauen mit Behinderungen in Wien

Das Frauenservice Wien (MA 57) hat 2018 das Forschungsinstitut L&R beauftragt, eine qualitative Studie zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderungen und/oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Wien durchzuführen.

Studie: Frauen, die behindert werden... ... auf ihrem Weg zur Gleichstellung in Wien
MA 57

Es gibt sehr wenig wissenschaftlich fundiertes Wissen zur Lebenssituation von Frauen mit Behinderungen in Wien, das hat der Österreichische Behindertenrat in seinem Bericht zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen in Österreich festgestellt.

Deshalb hat das Frauenservice der Stadt Wien 2018 eine Studie zur Situation von Frauen mit Behinderungen in Wien in Auftrag gegeben. Die Langfassung der Studie: 1 MB PDF  trägt den Titel: „Frauen, die behindert werden … auf ihrem Weg zur Gleichstellung in Wien“.

Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen berichteten über ihr Leben in Wien unter folgenden Gesichtspunkten: 

  • Mit welchen Barrieren waren und sind sie konfrontiert?
  • Welche Unterstützungsstrukturen und Interessenvertretungen haben sich als hilfreich erwiesen?
  • Welche Erfahrungen haben sie mit sozialer, politischer und wirtschaftlicher Partizipation?
  • Welche konkreten Anregungen bestehen zum Abbau von sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und räumlichen Barrieren?

Zur Studie

Im Zeitraum zwischen November 2018 und Jänner 2019 wurden acht Fokusgruppen- sowie einige Einzelinterviews mit insgesamt 76 Frauen durchgeführt. Befragt wurden Frauen im Rollstuhl, mit Sehbeeinträchtigungen, mit Hörbeeinträchtigungen, chronischen Erkrankungen, psychischen Erkrankungen, Frauen mit Lernschwierigkeiten, aber auch Mütter von pflegebedürftigen Kindern unter 14 Jahren.

Der Forschungsprozess war partizipativ. Das heißt, dass Personengruppen, die von einer wissenschaftlichen Fragestellung betroffen sind bzw. die den Inhalt eines Forschungsvorhabens bilden, am Forschungsprojekt direkt beteiligt werden, und zwar möglichst bei allen zentralen Schritten des Forschungsprozesses.

Zentrale Ergebnisse der Studie

Aufgrund der aktuellen Coronakrise ist es derzeit nicht möglich, die Ergebnisse der Studie öffentlich vorzustellen. In einem Youtube-Video stellen die Autorinnen der Studie, Claudia Sorger und Nadja Bergmann, die zentralen Ergebnisse der Studie vor. Es wurden in den teilnehmenden Gruppen viele frauenspezifische Themen zur Sprache gebracht.

Beispielhaft nennen die Autorinnen hier die eigenständige Existenzsicherung, die oft als sehr schwierig erlebt wird. Auch die Themen Partnerschaft, Sexualität und Reproduktion kamen öfter zu Sprache. Bei der Frage zur eigenen Existenzsicherung ging es um den Zugang zu guter Ausbildung, zum Arbeitsmarkt und auch zu Arbeitsplätzen.

Der Zugang zum Arbeitsmarkt und die mangelnde Unterstützung seitens des AMS wurden von den Teilnehmerinnen als sehr frustrierend erlebt. Relativ wenige Frauen mit Behinderungen finden einen Arbeitsplatz. Frauen mit Behinderungen sind deshalb auch in hohem Maße armutsgefährdet.

Auch das Thema Altersarmut spielt dabei eine Rolle. Die prekäre finanzielle Situation führt auch zur Abhängigkeit von anderen Personen wie Eltern oder Partnern. Es wurde vermutet, dass es für Männer mit Behinderungen einfacher ist, einen Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden.

Die sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung stellt vor allem für Frauen mit Lernbehinderung ein großes Problem dar, insbesondere in Bezug auf die freie Partnerwahl oder einen Kinderwunsch. Die Teilnehmerinnen schildern, dass ihnen oft verwehrt wird, die eigene Sexualität auszuleben, einen Partner zu wählen, einen Kinderwunsch zu verwirklichen oder, dass sie generell das Gefühl haben, dass ihnen das Frausein abgesprochen wird.

Es gab Themen, die für bestimmte Gruppen mehr relevant waren als für andere. Das Thema Mobilität hatte für Frauen im Rollstuhl oder mit Mobilitätsbeeinträchtigungen mehr Dringlichkeit als für andere Frauen. Das Thema Kommunikation war für gehörlose Frauen relevanter. Es gab aber auch Themen, die für alle Gruppen relevant waren.

Ein Thema, das intensiv in allen Gruppen besprochen wurde, war das Thema Behörden. Hierbei ging es vor allem um die Unübersichtlichkeit von Informationen und Zuständigkeiten der Vielzahl von Anlaufstellen. In diesem Zusammenhang wurde der Wunsch nach einer übergreifenden Beratungsstelle geäußert.

Interessensvertretung ist wichtig für Menschen mit Behinderungen und vor allem für Frauen, erklären die Autorinnen. Auch die Teilnehmerinnen sehen das als sehr wichtig an, betonen aber auch, dass es neben Behindertenverbänden und spezifischen Organisationen wichtig wäre, in bereits bestehende Vertretungen wie die Arbeiterkammer, feministische Vereine oder politische Einrichtungen eingebunden zu werden.

Das Eintreten für die eigenen Rechte, der Kampf um Ressourcen, die Solidarisierung untereinander und gegenseitige Unterstützung waren wichtige Themen in den Fokusgruppen. Es wurde deutlich, dass ein Mangel und somit ein Bedarf an niederschwelligen Angeboten in Bezug auf Austausch und Vernetzung besteht. Durchgängig als nicht zufriedenstellend wurde die politische Repräsentanz von Menschen mit Behinderungen erlebt. Auch gäbe es kaum Bereitschaft der Wiener Stadtpolitik, sich für die Interessen von Frauen mit Behinderungen einzusetzen.

Weitere Themen waren Gewalt, leistbares und barrierefreies Wohnen und Barrierefreiheit in der Stadt.

Auf der Internetseite der Stadt Wien finden Sie die komplette Studie als Langfassung, eine Kurzfassung, in Leichter Lesen sowie Videos in Österreichischer Gebärdensprache mit Untertiteln.

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