Tarifchaos für behinderte Fahrgäste

"Bei der Tarifgestaltung wurde anscheinend auf die Bedürfnisse behinderter Fahrgäste vergessen. Aber was solls, es sind ja nur Beförderungsfälle."

Fahrkartenautomat
BIZEPS

In den letzten Monaten machte das Chaos um mögliche oder unmögliche Ermäßigungen mit der sogenannten Vorteilscard-blind der ÖBB und die Tarife – mit und ohne Ermäßigung – bei den verschiedenen anderen öffentlichen Verkehrsunternehmen Schlagzeilen. Insbesondere für blinde und sehbehinderte Fahrgäste, die Öffis wohl besonders häufig nutzen, begann bereits letztes Jahr eine wahre Odyssee.

Die Ermäßigung auf die Vorteilscard-blind war zunächst bei den ÖBB in der ersten Hälfte des Jahres 2002 von einer 50%- auf eine bloße 45%-Ermäßigung – bei Kauf des Tickets beim Schalterbeamten – herabgesetzt worden, wurde aber dann aufgrund lautstarker Proteste der Blindenorganisationen wieder auf 50% hinaufgesetzt.

Grund für die Rücknahme dieser „Bestrafung für den Ticketkauf beim Schalterbeamten“ war die auch für die ÖBB nachvollziehbare Diskriminierung sehbehinderter und blinder Fahrgäste, denn diese können sich nicht einfach Karten im Internet oder an den für blinde Menschen unbedienbaren Touchscreen-Automaten um 50% besorgen.

Doch mit Beginn 2003, also gerade rechtzeitig mit dem Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen, wurde die bislang nur undurchschaubare Situation bei den übrigen Verkehrsanbietern plötzlich für behinderte Fahrgäste einfach chaotisch. Einer, der die Situation wohl am besten kennt und analysiert, ist Wolfgang Kremser, der Leiter des gemeinsamen Verkehrsgremiums der Sehbehinderten und Blindenorganisationen der Ostregion und Sprecher der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Verkehrssicherheit visuell behinderter Menschen (ÖAVV):

„Der VOR – Verkehrsverbund Ostregion – hat seit seinem Bestehen keine Ermäßigung auf VOR-Fahrscheine gewährt. Ermäßigungen gibt es nur auf den Tarif des jeweiligen Verkehrsunternehmens. Bei den Wiener Linien gab und gibt es überhaupt keine Ermäßigung für Besitzer der Vorteilscard-blind. Dies hatte und hat zur Folge, dass meist die Halbpreiskarte mehr kostete als die Hälfte einer VOR-Vollpreiskarte. Im Falle des Wechsels des Verkehrsmittels war und ist der Gesamtpreis der „Halbpreiskarten“sogar unter Umständen höher als die Vollpreiskarte des VOR; dies galt generell für alle Verkehrsmittel (Bus und Bahn).“

Deutlich wird das an Hand eines kleinen Rechenbeispieles:

Wenn Sie etwa von Rodaun (Endstation der Straßenbahnlinie 60) über Perchtoldsdorf (Umsteigestelle) in Richtung Gieshübel fahren, so können Sie das als blinder/sehbehinderter Fahrgast mit der Vorteilscard-blind (Bahnbus/Postbus) mit einem Halbpreisticket tun, zahlen aber eine Halbpreiskarte von Wien nach Perchtoldsdorf um 1 Euro und nocheinmal eine Halbpreiskarte von Perchtoldsdorf nach Gieshübel um 1 Euro; also insgesamt 2 Euro mit der Vorteilscard-blind. Fahren Sie aber dieselbe Strecke mit demselben Bus zum Normalpreis des VOR-Tarifes, also ohne Ermäßigung, zahlen Sie nur 1,5 Euro für die Zonenkarte (mit Umsteigen).

Doch auch bei anderen Verkehrsunternehmen tat sich einiges, wie Wolfgang Kremser erklärt: „Der VVNB (Verkehrsverbünde Niederösterreich Burgenland) hat bis 31. Jänner 2003 auf alle Verkehrsmittel (Bus und Bahn) Inhabern der Vorteilscard-blind eine 50%-Ermäßigung gewährt; ab 1. Februar 2003 sind es nur mehr 45%. Der VVNB hat keine Automaten, es gibt nur einen fixen Ermäßigungssatz für alle anerkannten Ermäßigungsausweise und keine Ausnamen.“

Das Verkehrsgremium der Sehbehinderten- und Blindenorganisationen hat vor kurzem bei den Geschäftsführern des Verkehrsverbundes Ostregion (VOR) und des Verkehrsverbundes Niederösterreich Burgenland (VVNB) vorgesprochen um eine einheitliche Regelung zu erwirken. Ergebnis gibt es noch keines.

Es muss daher nicht verwundern, wenn man sich als behinderter Fahrgast immer wieder einer nervenden und diskriminierenden Diskussion mit Busfahrern, Schaffnern oder Schalterbeamten stellen muss, ob und wenn ja, welche Ermäßigung man bekommt.

So meint Wolfgang Kremser: „Die ermäßigten Tarife waren und sind undurchschaubar bis chaotisch. Ein „normaler“ Fahrgast, oder so manch ein Schaffner bzw. Busfahrer, durchblickt das auch nicht.“

Nun, kennen Sie sich jetzt in dem Tarifwirrwarr aus? Wenn nein, dann machen Sie sich nichts draus!

„Bei der Tarifgestaltung wurde anscheinend auf die Bedürfnisse behinderter Fahrgäste vergessen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, denn anders ist das Chaos nicht erklärbar! Anscheinend sollte der Kartenkauf von Einzelkarten möglichst verkompliziert und der Tarif undurchschaubar sein. Was solls! Es sind ja nur Beförderungsfälle!“, meint Wolfgang Kremser.

Doch wenn Sie gedacht haben, das sei schon alles gewesen, muss ich Sie leider enttäuschen: Andere Verkehrsverbünde in Österreich – insbesondere in Westösterreich – überlegen, wie man hört, auch schon, die Ermäßigungen für behinderte Fahrgäste auf 45% zu reduzieren.

Resumee: Was bleibt sind

  • völlig kundenunfreundliche, undurchschaubare und chaotische Tarifgestaltungen für behinderte Fahrgäste,
  • für die meisten behinderten Fahrgäste nicht bedienbare Fahrkartenautomaten,
  • diskriminierende „Verhandlungen“ über Ermäßigungen für behinderte Fahrgäste in zahlreichen einzelnen Fällen und
  • drohende Kürzungen von Fahrpreisermäßigungen für behinderte Fahrgäste.

Na, wenn das nicht ein Meisterstück im sprichwörtlichen Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen ist!

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