Tastbarer Wiener Stadtplan für blinde Menschen

Pressekonferenz des Vereines Blickkontakt

tastbare Pläne
Kronenzeitung

Am 2. Juli 2001 fand am GRG 21 – Berta von Suttner – Schulschiff Floridsdorf eine Pressekonferenz des Vereines Blickkontakt, einer Interessensgemeinschaft sehender, sehbehinderter und blinder Menschen, und des Schulschiffs Floridsdorf szum Projekt „Tastbare Wiener Stadtpläne für blinde Menschen“ statt.

Frau Dir. Kovacic begrüßte die Gäste und hielt eingangs fest: „Das Schulschiff widmet sich schon seit vielen Jahren auch der Vermittlung sozialer und kommunikativer Kompetenzen. So haben wir etwa das Projekt „Kommunikation, Kooperation und Konfliktlösung“ ins Leben gerufen und versuchen immer wieder Sozialprojekte, wie die Unterstützung Rumenischer Straßenkinder oder wie jetzt die tastbaren Stadtpläne, an unserer Schule zu fördern. Ich freue mich in diesem Zusammenhang ganz besonders, dieses wunderbare Projekt mit dem Verein Blickkontakt und dem Bundes-Blindenerziehungsinstitut Wien unterstützen zu können.“

„Was für jeden Menschen eine Selbstverständlichkeit ist, nämlich in einem Stadtplan nachzuschauen und sich so selbständig zu orientieren, muss auch für blinde Menschen eine Selbstverständlichkeit werden“, meint der blinde Magistratsjurist und stellvertretende Vorsitzende des Vereins Blickkontakt, Mag. Michael Krispl. „Stellen Sie sich vor, Sie gehen blind in der Stadt umher und suchen ein bestimmtes Ziel; Sie sind ständig auf andere Menschen angewiesen, die Sie fragen müssen. Die Fehlerquote der Auskünfte ist nicht gerade gering und dazu kommt noch das Bewusstsein, in einem hohen Maße von anderen Menschen abhängig zu sein“, so Krispl.

„Blickkontakt widmet sich deshalb schon seit sieben Jahren gezielter Projektarbeit im Sinne der Integration und Gleichstellung behinderter Menschen; so hat Blickkontakt etwa Museumsführer in Blindenschrift für das Naturhistorische Museum Wien, tastbare U-Bahn-Strecken- und -Stationspläne für alle Wiener U-Bahn-Linien und Speisekarten in Blindenschrift produziert, hält Projektunterricht an Schulen, Berufsbildungslehrgängen und in Kindergärten zum Thema Blindheit und Sehbehinderung, hat an der Entwicklung un Umsetzung der tastbaren Bodenleitstreifen auf Bahnsteigen maßgeblich mitgewirkt usw.

Durch Zufall kam ich dann eines Tages im letzten Jahr wieder beruflich auf das Projekt der tastbaren Stadtpläne und beschloss, mich mit Blickkontakt um ein Finanzierungskonzept dafür zu kümmern. Den Schlüssel vermeinte ich in sog. Bezirksinitiativen gefunden zu haben. Die Bezirkspolitiker und örtlich ansässige Wirtschaft soll die Pläne ihres Bezirkes sponsern. So begann ich meinen Werbefeldzug bei Bezirksvorstehern, Bezirksräten und Unternehmen.

Das Ergebnis bestätigte dieses Finanzierungskonzept. Innerhalb kürzester Zeit beschlossen die BezirksvorsteherInnen des 2., 12., 14. und 21. Bezirks das Projekt zu unterstützen. Auch die Firma Eucarbon, der Lionsclub, der Verein Blickkontakt und Privatpersonen schlossen sich der Sponsorenreihe an. Den Stein ins Rollen brachte jedoch das Schulschiff Floridsdorf mit einer Weihnachtssammelaktion im Dezember 2000, die rund ATS 18.000,– einbrachte.“, so berichtet Michael Krispl.

„Besonders gefreut hat mich aber, dass etwa Bezirksvorsteher Lehner und viele andere mir nicht nur finanzielle Unterstützung zugesagt haben, sondern auch meinten, dass das Verstehen dieser Problem- und Bedürfnislage mindestens ebenso wichtig ist“, stellt Krispl abschließend fest.

Frau Mag. Alexandra Schrutz – Lehrerin und Koordinatorin des Projekts „Gesundheitsfördernde Schule“ am Schulschiff – erzählt: „Wir kamen im Rahmen eines Projekts zur emotionalen Intelligenz letztes Jahr an unserer Schule mit Mag. Krispl vom Verein Blickkontakt in Kontakt. Der Verein veranstaltete in unserer Schule die sog. „Unsicht-Bar“, einem völlig verdunkelten Raum, in dem man verschiedenste Dinge ertasten, hören, riechen und schmecken kann, man lernt seine Sinne völlig neu kennen. Diese Unsicht-Bar hat uns Lehrer, aber auch die Schüler und Eltern nachhaltig beeindruckt. Zu Weihnachten unterstützt das Schulschiff alljährlich ein Sozialprojekt. Letztes Jahr fassten wir kurzerhand auf Vorschlag von Mag. Krispl den Entschluss, das Projekt des Bundes-Blindenerziehungsinstituts Wien – Tastbare Wiener Stadtpläne für blinde Menschen – zu unterstützen.“

„Tastbare Pläne gibt es schon seit langer Zeit, doch war die Erstellung äußerst aufwändig. Auch für Wien gab es einige kleine Ausschnitte von Wiener Bezirken als tastbare Karten, die jedoch sehr veraltet waren.“, so Prof. Erich Schmid, der selbst blinder Lehrer am Bundes-Blindenerziehungsinstitut Wien und einer der Urheber dieser Projektidee ist. „Aus diesem Grund hat das Bundes-Blindenerziehungsinstitut Wien das Projekt „Tastbare Wiener Stadtpläne für blinde Menschen“ ins Leben gerufen, das nun in Zusammenarbeit mit dem Verein Blickkontakt, einer Interessensgemeinschaft sehender, sehbehinderter und blinder Menschen umgesetzt werden soll.

Das Wiener Stadtgebiet wird durch eine Matrix in viele „Kacheln“ gegliedert, die jeweils eine Teilkarte des gesamten Wiener Stadtplanes darstellt. Mittels einer computergesteuerten Fräse wird eine Planmatritze auf Holzplatten gefräst, von denen dann die tastbaren Reliefkarten auf Plastik abgezogen werden; damit sie auch für sehende und sehbehinderte Menschen verwendbar sind, sind die tastbaren Stadtpläne auch farbig gestaltet. Die Straßenbezeichnungen werden auch mit Kürzeln in Blindenschrift angegeben und Öffis bzw. öffentliche Gebäude (Kirchen, Schulen etc) mit Tastsymbolen dargestellt, die einer beiliegenden Legende und einem Straßenverzeichnis in Brailleschrift genauer entnommen werden kann.“

Die 2. Wiener Landtagspräsidentin und Behindertensprecherin der SPÖ Wien, Prof. Erika Stubenvoll meinte: „Ich finde solche Initiativen, wie diese von Blickkontakt, besonders wichtig. Insbesondere auch vor dem Hintergrund Wiens als Tourismusmetropole ist ein solches Angebot tastbarer Stadtpläne sehr zu begrüßen. In Wien hat die Stadt- und Bezirkspolitik seit dem letzten Jahr der behinderten Menschen 1981 sehr viel in Richtung Integration und Gleichstellung bewegen können. So wurden etwa die 1.000 Wohnplätze für behinderte Menschen geschaffen, überlegt, wie man die Öffis für behinderte Menschen zugänglich machen kann, Gehsteige abgesenkt, akkustische Ampeln installiert und vieles mehr.

Dabei war die Zusammenarbeit mit den Vereinen, wie etwa mit Blickkontakt, sehr wichtig. Ich halte es auch für sehr notwendig, dass die Interessensvertretungen behinderter Menschen einig sind und sich Behindertengruppen nicht gegeneinander mit ihren Bedürfnissen ausspielen lassen. Aber nicht nur das Geld ist für die Integration behinderter Menschen in unserer Gesellschaft wichtig; insbesondere ist das Verständnis einer der wesentlichsten Aspekte. Deshalb sind die Integrationsklassen in unseren Schulen und die Integrationsgruppen in den Kindergärten ausgesprochen wertvoll, um so den künftigen Generationen einen viel natürlicheren Zugang zu behinderten Menschen und ihren Anliegen zu ermöglichen. Ich bin zuversichtlich, dass Wien auch im Hinblick auf das Europäische Jahr der behinderten Menschen 2003 diesen behindertenpolitischen Kurs beibehalten wird.“

„Ich freue mich auch sehr, dass einige Bezirkspolitiker dieser Stadt sich so rasch bereiterklärt haben, dieses Projekt zu unterstützen, doch ich hoffe zugleich, dass sich bald alle Bezirke finanziell an diesem Projekt beteiligen, damit sich blinde und sehbehinderte Menschen in dieser Stadt bald sehr selbständig orientieren können.“, so Stubenvoll abschließend.

Im Rahmen der Pressekonferenz überreichten die Bezirksvorsteher des 21. Bezirks – Ing. Heinz Lehner – und des 2. Bezirks – Gerhard Kubik – symbolische Geldbeträge an den Direktor des Bundes-Blindenerziehungsinstituts Wien, Prof. Franz Haslinger.

Bezirksvorsteher Heinz Lehner meinte: „Ich finde es auch wichtig, durch solche Projekte jenen politischen Tendenzen entgegenzuwirken, die sich den Sozialabbau verschrieben haben. Darin sehe ich auch unsere Aufgabe als Politiker, dem Sozialabbau entgegenzuwirken und die Integration behinderter Menschen zu fördern, auch wenn offenbar Behindertenthemen nicht im Mittelpunkt des Interesses der Medien stehen. Ich denke, dass wir da noch einiges in Richtung Öffentlichkeitsarbeit bewegen müssen.“

Bezirksvorsteher Gerhard Kubik ergänzte: „Ich bin dem Blindeninstitut in meinem Bezirk ganz besonders bereits seit vielen Jahren verbunden und freue mich daher, dass die Leopoldstadt mit dieser Unterstützung wieder einen Beitrag zur Integration blinder und sehbehinderter Menschen leisten konnte.“

„Wir sind der Bezirkspolitik der Leopoldstadt seit vielen Jahren verbunden“, hielt Dir. Franz Haslinger – Bundes-Blindenerziehungsinstitut Wien – fest. „Dieser Kontakt ist beinahe schon eine Institution geworden. Ich bedanke mich aber besonders bei Frau Dir. Kovacic und Frau Mag. Schrutz, die durch ihre Weihnachtssammelaktion den Stein zur Realisierung unseres Projekts erst ins Rollen gebracht haben.“

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