Teil 11: Der Weihnachtsmann und die Behindertentoiletten

Mosaiksteine über das Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen.

Mütze des Weihnachtsmannes
BilderBox.com

Gestern Nachmittag, 24. Dezember 2009, bin ich mit dem Weihnachtsmann Tee trinken gegangen. Na ja, nicht mit dem richtigen Weihnachtsmann, sondern mit einem Bremer Original, das nachts auf den Eingangsstufen von kleinen Läden in unserem Szene-Stadtteil „wohnt“ und dem Weihnachtsmann erstaunlich ähnlich sieht. Allerdings heißt er nicht Nikolaus, sondern Wolfgang.

Normalerweise grüßen wir uns nur kurz, wenn ich an ihm vorbei fahre. Aber gestern hat er mich gefragt, ob wir einen Tee zusammen trinken gehen. Als ausgeprägter Weihnachtsmuffel hatte ich genug Zeit zur freien Verfügung, also haben wir uns auf die Suche nach einem passenden Café gemacht.

Das erste Bistro fiel zu des Weihnachtsmanns Überraschung aus, weil es zwei Stufen vorm Eingang hat und die Besitzerin immer noch keine Rampe hat bauen lassen.

Das zweite Café war komplett ebenerdig zugänglich, es gab aber keinen einzigen Tisch, an dem ich mit meinem Rollstuhl hätte sitzen können. Stehtische fand der Besitzer einfach chicer. Wir sind schließlich, passend zu Weihnachten, im Café Engel gelandet.

Nach einiger Zeit wurde ich jedoch unruhig

Nach einiger Zeit wurde ich jedoch unruhig, weil ich die nicht vorhandene Behindertentoilette immer dringender benötigte. Wolfgang kam rasch auf allerlei Ideen, wie man Rollstühle mit einem hochkurbelbaren Sitz ausstatten könne, in den man an jedem Ort sein Geschäft erledigen kann. Ich war jedoch skeptisch. Ich kleide mich lieber in intimerer Atmosphäre aus.

Auch hygienische Gründe sprachen für mich gegen die in den Rollstuhl integrierte Toilette. Außerdem fand ich, dieser Sitz würde stören, wenn ich meinen Rollstuhl zusammenklappe und in mein Auto einlade. Wolfgang war hingegen überzeugt: „Dieser Sitz passt in jeden Rollstuhl!“. Sein Argument, der Sitz wäre aus Styropor und würde den Po schön wärmen, konnte mich schon eher überzeugen.

Wir haben seinen überall verwendbaren Rollstuhl-Allround-Toilettensitz noch eine Weile diskutiert, bis ich nicht mehr anders konnte, als das Café Engel vorzeitig zu verlassen, um schnell nach Hause und zu meiner eigenen Toilette zu fahren. Da hat all sein guter Wille, das Toiletten-Problem zu lösen, nicht genutzt.

Am Verlauf der Diskussion kann man allerdings erkennen, dass Wolfgang in Wirklichkeit nicht der echte Weihnachtsmann ist. Den Weihnachtsmann hätte ich schneller davon überzeugen können, dass nicht alle RollstuhlfahrerInnen ihre Toilette im Rollstuhl integriert mit sich tragen sollten, sondern dass jedes gute Café selbstverständlich eine Behindertentoilette haben muss.

Weihnachtsmann, hör bitte gut zu!

Also: Falls es dich wirklich gibt, lieber Weihnachtsmann, hör bitte gut zu! Bitte bring allen Cafés, Kneipen und Restaurants zu Weihnachten Rampen für den Eingang und eine hübsche Behindertentoilette! Eine ohne Gerümpel darin.

Damit sich die BesitzerInnen das ganze Jahr über freuen können, wenn Wolfgang und ich oder andere RollstuhlfahrerInnen mit ihren FreundInnen und Bekannten als Gäste kommen. Und damit wir entspannt etwas trinken können, ohne Sorge zu haben, wann wir das Lokal in Eile verlassen müssen, um irgendwo anders eine Toilettenmöglichkeit zu finden.

Erfüllst Du mir diesen Wunsch, lieber Weihnachtsmann, damit ich wieder an dich glaube?

P.S.: Stimmt, diese Geschichte wirkt etwas kitschig. Aber sie ist vom Namen des Cafés, über Wolfgangs Erscheinungsbild und unser zufälliges Zusammentreffen Heiligabend bis zu den Details unserer Unterhaltung und meinem eiligen Aufbruch gestern so passiert.

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0 Kommentare

  • Beh.Toilette mit Müll – vielleicht grad nicht mehr zu bezeichnen. Am 2.1.10 uns so eine begegnet im Josephstadt-Museum (oder so ähnlich) im Museumsquartier mit einer Freundin near Wien. Dieser Klos gibt es viele und wir zerren oder unsere Assis, den Krempel von dort hinaus, dass wir „gehen“ können. Nichtbehinderte Menschen haben davon keine Ahnung, was sie damit anrichten, wenn sie sowas „veranstalten“. Mit voller Blase da noch Hochleistungsakte zu veranstalten. Mir jedenfalls gelingt das dann nimmer gut.

  • Wieder ein Artikel von Frau Dipl.-Psych. Kassandra Ruhm – das ist ein schönes (Post)weihnachtsgeschenk!

  • Sehr sehr guter und wertvoller Beitrag zum besseren Aufzeigen der wahren Probleme, die das Leben oft so kompliziert machen und die sich in Wahrheit mit etwas mehr an Wollen und Verständnis für Andere, die gar nicht so anders sind, im Interesse ALLER beseitigen ließen.
    Ich erachte das als sehr sehr gute Herangehensweise, bitte so weitermachen! Ich denke, als man mit lebensnahen Geschichten, die jeden betreffen, denn die Notdurft ist nun einmal etwas, was jeden betrifft, sehr viel an Verständnis, und zwar auch provokationslos, anstatt dessen mit einer gewissen Würze an Humor erzielen kann.

  • das ist ja noch harmlos in wien gibt es keine 2 behinderten wcs die der norm entsprechen wenn man das angebot macht ihnen zu helfen beim bau eines behinderten wcs dann wird man rüdest abgelehnt und nach dem bau ist das behinderten wc salopp gesagt zum schmeißen es müßte sich einer von den bauherren diese kopfschüssler einmal in einen rollstuhl setzten vor dem bau und dann vielleicht könnte er es richtig bauen aber leider von diesen hirnlosen ist nichts besseres zu erwarten

  • wir behinderte fallen überall unter eine kosten – nutzen – gewinn – rechnung und minderheiten bringen weniger gewinn gegenüber kosten LEIDER