Tötungsaktion T4 vor 80 Jahren von Hitler erlaubt

Ein Ermächtigungsschreiben Adolf Hitlers vom 1. September 1939 ist der Beginn der Tötungsaktion T4, der unter anderem viele tausend Menschen mit Behinderungen zum Opfer fielen.

Karl Schuhmann
Der Text des Erlasses, den Adolf Hitler unterschrieben hatte: Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.Als Konsequenz wurden viele tausende behinderte Menschen ermordet. Diese Aktion kennt man unter dem Namen T4; siehe {Artikel http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=15158}.
Republik Deutschland

„Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankenzustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

Diese wenigen Sätze, in der rückdatierten Ermächtigung Adolf Hitlers, bedeuteten für mehrere hunderttausend Menschen, darunter mehr als 70.000 Menschen mit Behinderungen, den Tod.

Denn sie markierten den Start der Tötungsaktion T4, benannt nach der Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4, die – beauftragt von der Kanzlei des Führers – die Morde organisierte.

Denn was hier zynisch als Gnadentod oder auch mit dem beschönigten Ausdruck Euthanasie (schöner Tod) bezeichnet wird, meint nichts anderes als die systematische Ausrottung von Menschen durch die Verabreichung von Medikamenten, Nahrungsentzug, Vernachlässigung, anderer quälender medizinischer Maßnahmen oder auch Giftgas.

Beispiel Hartheim in Österreich

Die Opfer wurden aus Heimen, psychiatrischen Anstalten und anderen Einrichtungen herausgeholt und in „Euthanasieanstalten“ wie zum Beispiel Hartheim in Österreich transportiert, dort getötet und dann verbrannt. Um die Ermordungen zu verschleiern, wurden gefälschte Totenscheine ausgestellt.

Insgesamt ermordete man in Hartheim laut der so genannten „Hartheimer Statistik“, einem 1945 im Schloss gefundenen Dokument aus der T4-Verwaltung, während der „Aktion T4“, die hier bis zu ihrer allgemeinen Einstellung Ende August 1941 andauerte, 18.269 Menschen.

Zu den Hintergründen

Die Gründe für die „Euthanasiemaßnahmen“, die mit Zwangssterilisierungen begannen, und in der Ermordung von Menschen gipfelten, sind in den ökonomischen und gesellschaftlichen Vorstellungen des NS-Regimes zu suchen.

Die Nationalsozialisten hatten die Vorstellung einer angeblich „höherwertigen Rasse“, die man durch Verbesserung des Erbgutes fördern soll. Zum einen durch die Förderung von als hochwertig angesehenen Erbanlagen und zum anderen in der Beseitigung von als unerwünscht angesehenen Erbanlagen.

Wie in der BIZEPS Broschüre „wertes unwertes Leben“ zu lesen ist, spielten aber nicht nur ideologische Faktoren eine Rolle, sondern auch materielle.

Menschen, die nicht dem Gesellschaftsbild der Nationalsozialisten entsprachen, wie zum Beispiel Kranke, Menschen mit Behinderungen oder Angehörige von als minderwertig betrachteten Gesellschaftsgruppen, wie zum Beispiel Menschen der jüdischen Glaubensgemeinschaft oder Roma und Sinti wurden als „unnützer Esser“ und „Ballastexistenzen“ betrachtet.

Um Einsparungsmaßnahmen vorzunehmen sowie die Sozialkosten und Löhne möglichst niedrig zu halten, wurden diese schließlich beseitigt.

Die Ideen zur Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ gab es schon weit vor den 1930er Jahren. Hitler forderte schon 1925 in „Mein Kampf“ die Ausschaltung der „Minderwertigen“ von der Fortpflanzung.

Gesetzlich verankert wurde die Entwicklung der Euthanasie 1933 durch das Gesetz zur Verhütung des erbkranken Nachwuchses, das die erzwungene Sterilisation von Menschen vorsah.

Der Widerstand

Wie auf einer Internetseite zum Thema Euthanasie zu lesen ist, gab es auch Widerstand gegen die Tötungsaktionen, zum Beispiel von Eltern und Verwandten der Betroffenen oder auch von JuristInnen und Kirchen.

Besonders interessant ist eine Flugblattaktion der Royal Air Force, die 1941 euthanasiekritische Flugblätter über dem deutschen Reich abwarf.

Nach 1940 noch kein Ende

Am 24. August 1941 stellte Hitler die Euthanasie ein. Das bedeutete aber nicht, dass sie tatsächlich aufhörte. So wurde die Kindereuthanasie und die Tötung von Häftlingen aus Konzentrationslagern weitergeführt. Die österreichische Euthanasieanstalt Hartheim blieb bis Dezember 1944 weiter in Betrieb.

Wie eine 2017 veröffentlichte Studie zur Unterbringung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in der Wiener Psychiatrie von 1945 bis 1989 zeigt, waren die dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen auch weit nach dem Ende des Nationalsozialismus Menschenrechtsverletzungen und Gewaltakten ausgesetzt.

Problematisch ist auch der Umgang mit den Täterinnen und Tätern von damals. Diese wurden teilweise für ihre Verbrechen nie zur Rechenschaft gezogen und konnten ihr Leben unbehelligt weiterführen.

Ein Beispiel in Österreich ist der Umgang mit dem NS-Mörder und Arzt Heinrich Gross, der zahlreiche Verbrechen an behinderten Kindern an der Wiener Fachabteilung am Spiegelgrund beging und dafür bis zu seinem Tod 2005 nie strafrechtlich belangt wurde.

Auch das Gedankengut des Nationalsozialismus hat sich leider noch gehalten, wie ein schockierender Vorfall innerhalb einer ÖVP nahen Aktionsgemeinschaft aus dem Jahr 2017 zeigt.

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8 Kommentare

  • Liebes Bizeps-Team!

    Ihr Artikel „Tötungsaktion T4-vor 80 Jahren von Hitler erlaubt“ hat mich sehr aufgewühlt. Ich verstehe nicht, wie es sich ein Mensch auch nur anmaßen kann, über das Leben anderer zu entscheiden. Vor allem, wenn es um das Leben von Menschen mit Behinderung geht. Sie haben es in ihrem Leben schon schwerer als andere und werden dafür dann auch noch bestraft, obwohl sie nichts dafür können. Sie haben es sich nicht ausgesucht, mit einer Behinderung geboren worden zu sein, oder durch einen Unfall beide Beine zu verlieren. Es wurde einfach über ihre Köpfe hinweg entschieden, ob sie leben dürfen oder nicht. Der Mensch, der sie waren, sei er auch noch so liebevoll, fürsorglich oder herzlich gewesen, wurde nicht berücksichtig. Sie wurden auf ihre Behinderung reduziert, nicht kennengelernt, nicht beachtet. die Persönlichkeit wurde einfach außen vor gelassen. Sie wurden nicht einmal als Opfer betrachtet, sondern einfach als Belastung, die man beseitigen muss, nur um mehr Ressourcen oder mehr Essen für die „höherwertige Rasse“ zu haben. Diese tolle „höherwertige Rasse“ hat Österreich für lange Zeit auch nach dem Krieg ins Elend gestürzt. Österreich war geteilt und belagert, lange Zeit schwach.
    Ich denke es hätte keinen Unterschied gemacht, hätten die Menschen mit Behinderung noch gelebt. Sicher, sie hätten es während der Belagerung sicher schwer gehabt, aber sie wären am Leben gewesen, hätten ihre Geschichte erzählen können. Vielleicht sogar ihren Kindern und Enkelkindern.
    Es ist einfach nur traurig und schockierend, über so etwas zu lesen, und man kann sich in der heutigen Zeit gar nicht vorstellen, dass es das mal gegeben hat. Umso wichtiger finde ich es, darauf aufmerksam zu machen. Der Artikel regt einen zum Nachdenken an und öffnet einem die Augen, um auch in der jetzigen Zeit nach Ungerechtigkeiten gegenüber den Menschen mit Behinderung Ausschau zu halten.

  • Liebes Bizeps-Team!

    Im Zuge meiner Ausbildung-Kolleg für Sozialpädagogik- habe ich Ihren Artikel „ Tötungsaktion T4: Vor 80 Jahren von Hitler erlaubt“ gelesen und bin zu tiefst betroffen. Euthanasie wird übersetzt als „schöner Tod“ bzw. Gnadentod. Alleine diese Übersetzung ist für mich mehr als grotesk, da diese Art zu sterben, alles andere als gnädig war. Die Zahl der Menschen, die unschuldig ihr Leben lassen mussten, sowie die Art und Weise, nach welchen Kriterien diese Auswahl erfolgte und wie ihre Tötung letzten Endes dann auch qualvoll durchgeführt wurde, schockiert mich maßlos. Meiner Meinung nach, ist niemand berechtigt, über das Leben eines anderen Menschen zu entscheiden. Jeder hat das Recht zu leben. Menschenleben einfach so auszulöschen, mit der Begründung, sie seien unnütz, nicht befähigt zu leben, beziehungsweise aus Einsparungsmaßnahmen, ist entsetzlich. Noch furchtbarer finde ich, dass dieses Gedankengut teilweise bis heute in Köpfen erhalten geblieben ist. Manche Menschen sind oft heute noch der Meinung, ein Leben mit Behinderung sei weniger wert. Aus diesem Grund finde ich es umso wichtiger, dieses Thema aufzugreifen und zu behandeln. Vor allem der jungen Generation sollte man dieses ernste, aber doch so bedeutsame Thema näherbringen und veranschaulichen.
    Hartheim bietet die Möglichkeit ,interessierte Schulgruppen zu informieren. Ich persönlich finde es gut, dass die Möglichkeit einer Besichtigung besteht, da die Grausamkeit dieser Zeit nochmal verdeutlicht wird. Jedes Leben ist lebenswert, dies sollte jeder Mensch verinnerlichen, damit solch grausame Verfahren nie wieder stattfinden.

  • Liebes Bizeps-Team!
    Ich habe Ihren Artikel „Tötungsaktion T4 vor 80 Jahren von Hitler erlaubt“ mit Bestürzung gelesen.
    „Gnadentod“ – ein Begriff, welcher spöttischer nicht sein könnte. Wer hat das Recht über das Leben beziehungsweise den Tod eines anderen Menschen zu bestimmen? Wer hat das Recht ein Leben als lebensunwert zu definieren? Niemand.
    Dass die Meinung, ein Leben sei weniger wert als ein anderes bis heute in manchen Köpfen verankert ist, ist beinahe unvorstellbar anscheinend jedoch Realität. Daher ist es aus meiner Sicht umso wichtiger, dass Artikel wie dieser, an die Öffentlichkeit kommen. Besonders wichtig ist die Auseinandersetzung in den Schulen mit dieser Thematik. Gerade junge Menschen müssen darauf sensibilisiert werden, dass jeder Mensch gleich viel wert ist und seinen Platz in der Gesellschaft hat. Dieser Artikel zeigt klar auf, dass dies in der Vergangenheit nicht der Fall war.
    Besonders erschreckend ist für mich auch die Tatsache, dass Täter wie Heinrich Gross nie strafrechtlich belangt wurden. Wie sollen Menschen, besonders Kinder, erkennen, dass hier Verbrechen geschehen sind, wenn nicht einmal der Staat diese Täter zur Rechenschaft zieht?

  • Sehr geehrtes Bizeps-Team!
    „Unerwünscht“, „Lebensunwertes Leben“, „Ballastexistenzen“, Dies sind nur einige wenige Wörter, die die grausame Zeit um 1939 beschreiben.
    Als Schülerin des Kollegs für Sozialpädagogik, habe ich Ihren Artikel „Tötungsaktion T4 vor 80 Jahren von Hitler erlaubt“, betroffen gelesen.
    Wer hat das Recht darüber zu urteilen, ob ein Leben lebenswert ist oder nicht? Keiner! Jedes Leben ist dazu da um gelebt zu werden und jeder Einzelne auf dieser Welt ist wertvoll und wichtig. Es berührt mich zutiefst zu wissen, dass so vielen unzähligen Menschen verwehrt wurde, zu leben. Umso mehr schockiert mich, dass diese Art der Denkweise bis fast in die 1990 Jahre, angedauert hat. Hätte man etwas ändern können, wenn sich mehr Menschen dafür eingesetzt bzw. getraut hätten, um diese Gräuel Taten zu beenden, wie z.B die Flugblattaktion der Royal Air Force?

    Auch wenn dies ein sehr trauriges und ernstes Thema ist, über welches oft nicht gerne gesprochen wird, finde ich es wichtig, die neu heranwachsende Generation über das Geschehene aufzuklären, und ihnen zu verdeutlichen, dass man auch trotz Krankheit oder Beeinträchtigung ein wichtiger, unentbehrlicher Teil der Gesellschaft ist. Somit wird dem grausamen Denken von früher entgegengewirkt und verhindert, dass jemals nochmal derartig schlimme Dinge passieren!

  • Gerne möchte ich mich auf diesen Artikel beziehen, welchen meine Klassenkollegen aus der 1 SPK bereits kommentiert haben.

    Über dieses geschichtliche Ereignis zu lesen, schockt jedes Mal aufs Neue. Die Zahlen. Mehr als 70 000 Menschen. Darunter 18 000 in Österreich.
    Auch ich bin der Meinung, dass gerade diese Thematik, besonders in Schulen, weiterhin ein wichtiger Bestandteil es Geschichtsunterrichts bleiben soll. Von Vorteil ein Besuch im österreichischen Hartheim.
    Und zu lesen, dass vor ca. 30 Jahren, diese Verbrechen noch immer Tagesablauf in einer Wiener Psychiatrie waren, erschreckt mich.
    Daher empfinde ich es als unerlässlich, darüber auf zu klären, überhaupt in einem scheinbar so entwickelten Land wie Österreich – diese Entwicklung trifft wohl eher auf die Industrie zu.

  • Wir haben im Zuge unserer Ausbildung Ihren Artikel „Tötungsaktion T4 vor 80 Jahren von Hitler erlaubt“ gelesen und möchten gerne dazu Stellung nehmen.

    Es ist wichtig über dieses historische Ereignis weiterhin zu berichten und die Menschen aufzuklären. Dunkle Kapitel wie diese, dürfen nicht in Vergessenheit geraten.
    Je öfter das Thema auf den Tisch kommt, desto bewusster wird den Menschen wie schell Menschlichkeit verloren gehen kann.

    Da dieses Gedankengut heute leider noch immer in unserer Gesellschaft präsent zu sein scheint.

  • Wichtiger Unterschied: „Gewährung“ des „Gnadentodes“ wurde NICHT erlaubt, sondern BEAUFTRAGT.
    D. h., die Initiative ging von Adolf Hitler aus, und nicht von irgendwelchen Ausführenden.
    „Beauftragt“ ist eine Umschreibung eines Befehls, die durchblicken lässt, dass sich der „Beauftragende“ hinter einer abschwächenden Formulierung versteckt, wahrscheinlich weil er weiß, was für ein grässliches Verbrechen er da anordnet.

    Beachtenswert ist, dass sich gegen die Aktion T4 relativ breiter Widerstand trotz allgemeinem Terror und Androhungen von Verfolgung, Folter und Tötung von Widerstandsleistenden so stark ausbreitete, dass die Aktion schließlich abgebrochen werden musste.

  • Die erwähnte BIZEPS Broschüre „Wertes unwertes Leben“ ist auf jeden Fall sehr empfehlenswert.
    Zum Artikel hier:
    Die Überschrift ist etwas sehr flapsig formuliert. Der Artikel kann aufgrund des Formats natürlich nur einen ersten groben Überblick geben. Was fehlt, ist eine Quellenangabe beim Verweis auf eine „Internetseite“. Impressum habe ich dort nicht gefunden. Auch die bis heute reichenden Kontinuitäten werden kaum erwähnt. Der Hinweis auf den Eklat aus dem Jahr 2017 ist zwar richtig, wird der generellen, partei-übergreifenden Problematik aber nicht annähernd gerecht.
    Als Fortsetzung dieses geschichtlichen Teiles, sehe ich meinen aktuellen Twitterblog: http://www.twitter.com/uebersleben und freue mich über neue Follower!
    Mag. Marianne Karner
    UEBERSLEBEN.NET