Tschüss liebe Freunde

Wie schon im letzten Jahresbericht angekündigt, ist das ZSL ab 1. Dezember 2018 Vergangenheit.

Zentrum für Selbstbestimmtes Leben Zürich
ZSL-Zürich

Die Büroräume sind abgegeben, der „Leichenschmaus“ fand im Kreis der „nächsten Angehörigen“, d.h vom ZSL-Team und dem Vorstand des Fördervereins statt. Die beiden Internetseiten – zslschweiz.ch und assistenzforum.ch – werden noch zwei Jahre unbetreut im Netz stehen.

So bleibt Interessierten der Zugang zu den rund 6000 Artikeln und Links der letzten 22 Jahre, sowie unser gesammeltes Wissen über Persönliche Assistenz und die Pflegefinanzierung noch eine Weile erhalten. Das Archiv unserer Akten wird freundlicherweise von Inclusion handicap für zukünftige Forschung aufbewahrt.

Die Entscheidung

Die Entscheidung, unser Zentrum zu schliessen, zeichnete sich schon vor mehr als einem Jahr ab. Schliesslich war abzusehen, dass ich meine Pensionierung nicht unendlich hinaus schieben kann. Trotzdem fiel sie uns nie leicht.

Es ist uns schlicht nicht gelungen, eine geeignete Nachfolge für die Geschäftsleitung heran zu bilden bzw. unter den politisch Aktiven der deutschen Schweiz zu rekrutieren. Ein paar hoffnungsvolle interne KandidatInnen gingen weg, um ihre eigenen Vorstellungen mit eigenen Organisationen zu verfolgen.

Andere, die wir gerne geholt hätten, mussten schweren Herzens verzichten, weil ihre Beeinträchtigung den erforderlichen Arbeitsaufwand verunmöglichte.

Nach vielen Gesprächen mit ExpertInnen wurde klar: es ist besser, das ZSL ganz zu schliessen, und damit den Weg deutlich frei zu machen für andere, junge KämpferInnen und deren Vorstellungen, als ein ZSL am Leben zu erhalten, das seinem Ruf nicht mehr gerecht werden kann und nur noch da ist, um Subventionen zu verbraten.

Die Ziele

Beigetragen zum Entschluss hat sicher auch die Tatsache, dass wir mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention durch die Schweiz formell – zumindest auf dem Papier – alle Ziele erreicht haben, für welche wir am Tag der Behinderten, dem 3. Dezember 1996, das Zentrum eröffneten. Wir starteten als Mauerbrecher.

Persönliche Assistenz, Subjekt- statt Objektfinanzierung, schulische Inklusion, barrierefreier Zugang zu ÖV, Kultur, Wohnungen, Bildung und vor allem die Anerkennung von Menschen mit einer Beeinträchtigung als gleichberechtigte BürgerInnen und ExpertInnen ihrer eigenen Interessen galten als unerhört freche Forderungen.

Nicht nur die Versorgungsindustrie sondern sogar die Selbsthilfeorganisationen mauerten mit allen Mitteln – inklusive Versuchen, unsere Finanzquellen zu unterbrechen.

22 Jahre

Dass wir fast auf den Tag genau 22 Jahre überlebt haben und so viele behindernde Strukturen aufbrechen und verändern konnten, verdanken wir natürlich nicht nur unserer eigenen Leistung sondern den vielen, vielen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung, die uns inspiriert, beraten, finanziell und moralisch unterstützt und in Kooperationen zum Erfolg verholfen haben.

Aus Deutschland etwa Ottmar Miles-Paul, Horst Frehe und Elke Bartz (der Himmel möge sie fürstlich belohnen!). Aus Österreich Martin Ladstätter, Klaudia Karoliny und das Ehepaar Srb. Aus den USA Bill und Vicky Bruckner und Marylin Golden.

Aus Schweden Adolf Ratzka. In der Schweiz Katharina (Kat) Kanka, Ruedi Prerost und der leider viel zu früh verstorbene Fritz Reichen. Womit nur die Prominentesten unter den vielen UnterstützerInnen erwähnt sind.

Dann natürlich die Schweizerische Vereinigung der Gelähmten, welche das Startkapital gab. Jener Industriesanierter, der nach einem kurzen Gespräch 100’000 Franken für unsere Arbeit zum ersten Assistenzprojekt der Schweiz überwies, die Hunderten von SpenderInnen, die sich für unser Engagement für die Genschutzinitiative 1998 bedankten, der Arzt aus Bern, der uns nach unserer Kocher-Park-Besetzung gegen die Begrenzung der Spitexleistungen 200’000 Fr. zukommen liess und die liebe Frau aus dem Kanton Zug, die unserem Förderverein jährlich grössere Summen schickte.

Nicht zu vergessen auch Otto Piller, der als Chef des Bundesamtes für Sozialversicherungen dafür sorgte, dass seine widerspenstige Administration einen Weg fand, wie sie unsere Organisation trotz Vorgaben des altertümlichen Gesetzes subventionieren konnten.

Schliesslich die 135 treuen Mitglieder des Fördervereins, die jedes Jahr mit ihrem Beitrag halfen, der Vorstand des Vereins, wo Fritz Tschopp, Judith Hollenweger, Franz Stöckli und früher Peter Gebhardt und Kai Felkendorf dafür sorgten, dass wir unsere jährlichen Defizite immer decken konnten.

Und last-but-not least den rund 30 Frauen und Männern, die das ZSL mit ihrer unbezahlten Mitarbeit während Jahren zu dem machten, was es war. Da insbesondere meiner Frau Shlomit, die von Anfang an dabei war und mich immer antrieb, wenn mein Mut zu sinken drohte und unserer Präsidentin und während 21 Jahren verlässliche Buchhalterin, Eva Schulthess.

All diesen wunderbaren Menschen und den vielen, nicht namentlich erwähnten gebührt unsere grosse Hochachtung und der herzliche, herzliche Dank!

Zum Schluss vor dem endgültigen Byebye

Es gibt Nachwuchskräfte, die vieles besser machen als wir!!

  • Sensability.ch mit Herbert Bichsel, Anja Reichenbach und Brian McGowan sensibilisieren mit gut ausgebildeten Referenten interessierte Verbände und Schulen viel professioneller als wir es je taten!
  • Marie Baumann schreibt seit einigen Jahren einen excellent fundierten und recherchierten Blog „ivinfo.ch“. Er ist so gut, dass wir in Scham auf unseren eher schlecht als recht zusammen gestiefelten Newsletter verzichteten.
  • Die Homepage „selbstbestimmung.ch“ kommentiert zeitnaher und origineller als wir es je konnten die für Menschen mit Behinderung relevanten Ereignisse.
  • Im Netzwerk Enthinderung arbeiten viele der in diversen Organisationen politisch engagierten Menschen mit Behinderung zusammen.
  • Die Dachorganisation der Behindertenselbsthilfe AGILE positioniert sich unter dem Präsidium von Stefan Hüsler neu als DIE behindertenpolitische Führungsorganisation
  • inclusion-handicap.ch, der „Dachverband der Behindertenorganisationen der Schweiz“ engagiert sich kräftig für die Umsetzung der UNO-BRK.

Kurz: Wir wünschen diesen Organisationen und den Menschen dahinter viel, viel Erfolg und alles Gute.

Und nun, liebe Freunde: Tschüss Euch allen!! Danke für Alles und „hebed öi Sorg!“

Peter Wehrli, 30.11.2018

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4 Kommentare

  • Vielen, vielen Dank für euer Engagement. Ihr habt mit eurem Wirken vieles in Bewegung gebracht.

  • Lieber Peter,
    ich schließe mich Theresia (unten) an. Danke für deinen unermüdlichen Einsatz und das Viele, das du damit auf Schiene gebracht hast. Jetzt dürfen andere und jüngere Menschen damit weiterwerkeln und du ziehst deinen Hut. Alles Gute dir zu deiner Pensionierung, vor allem aber Gesundheit! Langweilig wird dir bestimmt auch weiterhin nicht. Herzlich von Klaudia

  • Lieber Peter,
    danke für deine großartige politische Arbeit. Es ist nicht leicht, in deine Ebene einzusteigen, deshalb hat sich das wahrscheinlich auch niemand zugetraut. Alles Liebe und genieße die Pension und bleib im Unruhestand.