Über Sprache und Bewußtsein

Was denken Sie, wenn Sie einen behinderten Menschen sehen, wie sprechen Sie über, und wie sprechen Sie mit ihm?

Alfred Zettler / Caritas

In vielen Zeitungen finden wir stereotype Wortbilder des „an den Rollstuhl Gefesselten“. Viele Redakteure wissen schon, daß man das so besser nicht schreiben sollte und finden die Formulierung „der an den Rollstuhl gebundene XY…“

In Anlehnung an eine Inseratenkampagne der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt möchte ich allen zurufen „Wenn Sie jemand sehen, der an den Rollstuhl gefesselt oder gebunden ist, verständigen Sie bitte die Polizei, ein Rollstuhl ist ein Hilfsmittel“. Also Herr X oder Frau Y benützt einen Rollstuhl; wenn man schon ausdrücken will, daß es ein unglückliches Ereignis gegeben hat, kann man ja sagen, Frau Y oder Herr X muß seither einen Rollstuhl benützen.

Vielen Menschen merkt man die Unsicherheit im Gespräch mit einem behinderten Menschen an, wenn sie plötzlich um Worte ringen, da ihnen vorkommt, sie dürfen das Wort „gehen“ für einen Rollstuhlfahrer und das Wort „sehen“ für jemanden, der blind ist, nicht benützen. Wir können Ihnen versichern, kaum jemand wird beleidigt sein, wenn Sie zu einem Rollstuhlfahrer sagen „Gehen wir ins Kino?“ oder zu einem blinden Menschen „Sie müssen das Problem einmal von dieser Seite anschauen.“

Viel schlimmer ist es meist für behinderte Menschen, wenn sie merken müssen, daß hinter vorgehaltener Hand über sie gesprochen wird, wenn Gespräche verstummen, wenn sie dazukommen, wenn nur eine Begleitperson angesprochen wird, wenn sie von jemanden gänzlich Fremden per Du angesprochen werden oder wenn sie als erstes Gesprächsthema nach dem Grund der Behinderung gefragt werden. Dies ist meist ja doch ein komplexeres Geschehen und möchte nicht anstelle einer Unterhaltung übers Wetter oder ähnliches erzählt werden.

Was ganz anderes ist es, wenn jemand fragt, ob und wie er helfen kann; er darf aber nicht beleidigt sein, wenn Hilfe abgelehnt wird, da der behinderte Mensch etwas selbständig erledigen will.

Sensibel reagieren viele sprachbehinderte Menschen auf Mißverständnisse. Leider machen wir oft den Fehler, mit ihnen unsererseits nicht normal zu sprechen, zu laut oder grammatikalisch falsch vereinfachend. Nichts dagegen werden sie meist haben, wenn Sie fragen: „Soll ich lauter sprechen oder langsamer?“

Wichtig ist es auch, daß Sie Ihrem Gesprächspartner Zeit zum Antworten lassen.

Immer wieder werde ich Zeuge von Gesprächen über behinderte Menschen, bei denen Bezeichnungen wie „Tschapperl“ noch die harmlosesten sind. Behindert zu sein, ist eine, aber nicht die einzige Eigenschaft des konkreten Menschen. Wenn sich selbstbewußte behinderte Menschen selbst „Krüppel“ nennen, gibt es uns jedoch nicht das Recht, diese Bezeichnung wieder zu verwenden, sondern soll im Gegenteil zum Nachdenken anregen. Zum Nachdenken darüber, daß es mit einer Veränderung der Sprache und schönen Worten allein nicht getan ist, sondern daß sich die Einstellung, und damit auch die konkreten Taten ändern müssen.

Besonders weh tut mir der Ausdruck „Pflegefall“. „Der Begriff Pflegefall spricht in seiner generalisierten und stigmatisierenden, auf Defizite konzentrierten Sichtweise betroffenen Menschen Lebensperspektiven ab und beraubt sie ihrer Persönlichkeit“ stellt schon der „Aufruf wider das Pflegefalldenken“ anläßlich eines deutschen Altenpflegekongresses fest. Ständig fremde Hilfe zu brauchen, ist ein psychisch schwierig zu verarbeitender Zustand und es verlangt auch vom Betroffenen eine riesengroße finanzielle Belastung, die oftmals nicht getragen werden kann. Der letzte Ausweg ist der Weg in ein Pflegeheim auf Kosten der Sozialhilfe. Das bedeutet den Verlust jeglicher persönlicher und finanzieller Selbstbestimmung.

„Pflegefalldenken signalisiert Achtungsverlust vor Menschen, dies mögen auch die bedenken, die vielleicht schon morgen Opfer dieses Denkens sein könnten“ – dem ist nichts mehr zuzufügen.

Dann gibt es noch so ein Wort „Patient“. Wörtlich bedeutet es „Leidender“ und beschreibt in unserem Sprachgebrauch jemanden, der krank und daher in ärztlicher Behandlung ist. Behinderte Menschen fühlen sich nicht unbedingt als krank.

Die Behinderung ist vielmehr Bedingung des alltäglichen Lebens. Daher sollte man nicht Träger von Behinderungen ganz allgemein Patienten nennen. Das hat auch was mit „geduldig“ zu tun. Und geduldig zu sein, wird von behinderten Menschen gern erwartet, führt aber zu keiner Besserung ihrer sozialen Situation!

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