OKTO macht Disability Pride sichtbar
OKTO setzt im Juli einen Programmschwerpunkt zum Disability Pride Month und rückt dabei die Stimmen, Anliegen und Lebensrealitäten von Menschen …
Juli. Disability Pride Month. Da geht es auch ums Gesehen-Werden, um Repräsentation. Ein Kommentar.
Wie stehts eigentlich um Repräsentation bei Neurodivergenz? Was kommt einem zuerst in den Sinn?
Ist das alles? Darf das alles sein? Und wie repräsentiert man eine Gruppe, deren Spektrum riesig ist?
Sicher nicht, indem man beim Erstellen einer Figur einfach irgendwelche Diagnosekriterien abhakt.
Besonders das Bild des Savants, des genialen Autisten (meistens ist diese Figur männlich), bringt großen Schaden, vermittelt es doch der Gesellschaft: Wer Autismus hat, ist vielleicht ein bisschen seltsam, sozial unbeholfen – aber ein Genie und damit doch irgendwie nützlich.
Dank dieser Repräsentation hat es bei mir selbst über 40 Jahre bis zur Diagnose gebraucht. Bis dahin habe ich den Fehler bei mir gesucht, habe mich angepasst, so gut ich konnte – bis zum Zerbrechen.
Wegen dieser Klischees wird mir meine Neurodivergenz regelmäßig abgesprochen. Denn ich bin weiblich. Ich bin mies in Mathe. Ich rede mit Menschen, sehe sie an und kann, wenn ich mich wohlfühle, eine richtige Show machen. Ich passe überhaupt nicht zum Stereotyp.
Die meisten neurodivergenten Menschen sind keine „Genies“, im Gegenteil stoßen sie während der Bildungslaufbahn auf Hindernisse, Unverständnis, Barrieren und sind so mit Funktionieren und Masking beschäftigt, dass gar keine Kapazität für Genialität mehr bleibt.
Gerade wir Spätdiagnostizierten bemühen uns um Anpassung, bis wir nicht mehr können. Fehler werden uns nicht verziehen, Rücksichtnahme gibt es nicht.
Stattdessen hört man: „Aber du bist doch so normal!“ oder „Wir sind doch alle ein bisschen autistisch.“ Wenn wir dann doch zerbrechen, gibt es in der Gesellschaft oft keine Gnade, keine Unterstützung und schon gar keine Bewunderung.
Das andere Extrem in den Medien sind völlig überforderte neurodivergente Menschen, besonders „schwierige“ Kinder, wo gern die tapferen Mütter und Väter gezeigt werden, die mit dieser Herausforderung zu kämpfen haben.
Liebe Eltern, ich will euch nicht eure Probleme absprechen – ich sehe es aber sehr kritisch, wenn Mama oder Papa sich als Helden stilisieren, wenn man den Meltdown eines Kindes filmt, um Mitleid und Klicks zu erhalten.
Meistens dann, wenn ein Charakter gar nicht absichtlich neurodivergent geschrieben wird, sondern wenn sein oder ihr Erleben bei uns Resonanz erzeugt: „Das kenne ich. So bin ich auch.“
Zwei Beispiele sind Steven Grant aus Moon Knight (Infodumps, versucht immer freundlich zu sein, kann sich nur schwer durchsetzen) oder Entrapta aus She-Ra and the Princesses of Power (Hyperfokus auf ihre Technik, pfeift auf Konventionen). Wir können diese Figuren ERLEBEN. Sie werden nicht GELABELT.
Ich finde, die neurodivergente Community braucht mehr solche Figuren. Charaktere, die das Leben mit Neurodivergenz leben. Keine Genies, keine Problemfälle, sondern Menschen, die eben anders funktionieren, denken, (er)leben.
Neurodivergente Autor:innen, die wissen, wie es ist, mit einer anderen „Software“ zu leben. Auch mir selbst ist es ein Anliegen, all jene von uns zu repräsentieren, die nicht in das Bild passen, das die Öffentlichkeit hat. Die den ganzen Tag brav funktionieren und dann erschöpft auf der Couch liegen. Die ihre Meltdowns und Shutdowns unterdrücken, bis sie zuhause sind, weil sie sich so dafür schämen.
Liebe Medien und Verlage: Habt den Mut, genau diesen Stimmen mit Neurodivergenz eine Chance zu geben – abseits von Mainstream und Verkaufs-Hype. Ein konkretes Beispiel für dieses „Erleben statt Labeln“ findet sich in meiner aktuellen Kurzgeschichtenserie.
Echte, authentische Repräsentation bringt Sichtbarkeit und Akzeptanz, bricht Stereotypen und Klischees auf.
Wir brauchen mehr davon!
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Amber Skye ,
09.07.2026, 02:10Danke aus tiefster Seele. Als spät diagnostizierter A(u)DHS betroffener – die Autismusdiagnose ist gerade „in Arbeit“ – möchte ich mich tausendmal für diesen Artikel bedanken. Ich als trans Mann erkenne mich in der Beschreibung so gut wieder! Mies in Mathe, dafür war ich super in Biologie und ständig im Biokammerl zu finden. Ich kann super mit Menschen connecten und hatte in meinem Pflegeberuf als ich ihn noch ausübern konnte immer ein Händchen für „meine“ Klient*innen und gerne mit diesen geplaudert.
Erst jetzt lerne ich langsam mit Hilfe meiner Partnerperson, nicht mehr zu maskieren und lebe seitdem wesentlich besser, da meine Burnouts und Meltdowns sich leider auch auf meine chronische Krankheit auswirken.
Eine schöne Repräsentation von Autismus fällt mir noch ein: Dr. King in the Pitt ist wirklich absolut wundervoll und ich sehe mich in vielen ihrer Szenen selbst.
Herbert ,
08.07.2026, 15:24Genial
endlich mal richtig erkannt und erklärt
Birgitt Heinl ,
03.07.2026, 16:24Ein kleiner Aufruf:
Ich würde mir mehr Austausch und Vernetzung unter Schreibenden wünschen. Wenn du selbst neurodivergent bist, mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung lebst und literarisch oder publizistisch schreibst – oder wenn du im Kulturbereich genau diese echten Stimmen sichtbarer machen willst: Lass uns einfach unverbindlich connecten.
Vielleicht können wir mal gemeinsam Geschichten sammeln? Vielleicht können wir uns gegenseitig in unserem literarischen Schaffen unterstützen?
Du erreichst mich unter: birgitt.heinl.bh@gmail.com
Herbert ,
03.07.2026, 11:43Beitrag aus der Praxis
Sollte endlich mal richtig puplik
Und zum Thema gemacht werden
Kann für mehr als man meint große Unterstützung sein