Unterrichtsministerium wollte Schulbesuch von gehörlosem Mädchen verweigern

Am 3. September 1996 (!) - ganze 6 Tage vor Schulbeginn- teilte man telefonisch einem Lehrer der 15jährigen Schülerin mit, der Schulversuch wäre abgelehnt.

Gehrer als Integrationsgegnerin
Feyerer-Fleischanderl, Margit

Mit ihrem persönlichen Einsatz und der Hilfe von LehrerInnen, Direktoren, Schulbeamten, Fachleuten und engagierten Eltern konnte die gehörlose 15jährige Anja Retter erfolgreich Volksschule und Hauptschule in Reutte absolvieren und beschloß anschließend gemeinsam mit ihren Eltern, Ihre Schullaufbahn in der Bundesfachschule für wirtschaftliche Frauenberufe in Reutte fortzusetzen.

Sie hatte die Aufnahmsprüfung nicht geschafft, Bezirks und Landesschulrat und die Schulleitung sprachen sich aber für eine weitere Einzelintegration und Aufnahme Anjas in die Bundesfachschule für wirtschaftliche Frauenberufe aus. Am 4. Juli 1996 bestätigte die Schule ihre Aufnahme.

Sektionschef Gruber, Beamter des Bundesministerums für Unterricht, konnte sich jedoch „die Sinnhaftigkeit eines Schulbesuchs von Anja an einer Fachschule nicht vorstellen“. Eine Beamtin des Unterrichtsministerium erklärte zudem dem Präsidenten von Integration Österreich, Heinz Forcher, ein integrativer Schulversuch an der Fachschule für Wirtschaftliche Frauenberufe sei nur dann zu rechtfertigen, wenn jemand bestätigen könne, daß das gehörlose Mädchen das Lernziel erreichen könne.

Vielleicht in der Art: „Ich bestätige, daß Anja Retter das Lernziel der Fachschule für Wirtschaftliche Frauenberufe erreichen wird.“?? Wer könnte dies nichtbehinderten SchülerInnen im vorhinein bestätigen?

Am 3. September 1996 (!) – ganze 6 Tage vor Schulbeginn- teilte man telefonisch einem Lehrer der 15jährigen Schülerin mit, der Schulversuch wäre abgelehnt.

Diese Entscheidung hätte ein jähes Ende für Anjas integrative Ausbildung bedeutet, hätten nicht Anja und ihre Gebärdendolmetscherin, Eltern, LehrerInnen, der Verein Integration Österreich, die Abgeordneten Schaffenrath (LIF) und Haidlmayr (Grüne) vor Ort demonstriert und schließlich die Medien massiv darüber berichtet.

Sich dem Druck beugend „konnte“ sich Unterrichtsministerin Gehrer (ÖVP) – die sich schon im Mai 1996 nicht für einen gesetzlichen Anspruch behinderter Kinder auf Integration aussprechen wollte „So weit gehe ich nicht“; Kurier, 2.5.96 – doch noch entschließen, diesen individuellen Schulversuch zu genehmigen. Für ein Jahr zumindest. Der Medienrummel um Anja Retter ist vorbei, nicht ganz aber das Bangen um Ihre Ausbildung.

Die vor Ferienbeginn in Begutachtung gegangenen Gesetzesentwürfe für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kinder im Sekundarbereich sind nicht zufriedenstellend, weil sie kein Recht auf Integration sichern.

Es ist zu befürchten, dies die Diskriminierungen im Schulbereich weiter an der Tagesordnung bleiben und nur in Einzelfällen und mit viel Druck Integration ermöglicht werden kann.

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