Verbrechen der NS-Medizin sind auch Warnung für heute

Podiumsdiskussion im Parlament zur Ausstellung "Erfasst, verfolgt, vernichtet" und anlässlich des Holocaust-Gedenktages

Ausstellung: Erfasst, verfolgt, vernichtet
BIZEPS

Der 27. Jänner wird als Internationaler Holocaust-Gedenktag begangen. Im Vorfeld des Gedenktages zeigt das österreichische Parlament im Palais Epstein die Wanderausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus„. (Fotos der Ausstellung)
Heute Abend fand dazu unter Moderation von Heidemarie Uhl (Österreichische Akademie der Wissenschaften) eine Podiumsdiskussion statt. Vertreter der deutschen und österreichischen Fachverbände für Psychiatrie und Psychotherapie diskutierten mit HistorikerInnen und dem Publikum über die Frage der Verantwortung des Faches und die Lehren, die für die Zukunft aus diesem dunklen Kapitel der Medizingeschichte zu ziehen sind. Eine zentrale Aussage war dabei, dass die medizinischen Fachrichtungen sich bemühen müssen, auch die kommenden Generationen in ihrem Berufsstand für Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung zu sensibilisieren. Das Geschehene müsse als Warnung dienen, wozu der Missbrauch von Macht durch gesellschaftliche Eliten führen kann.

Die größte Gefahr für ihr Fach gehe von einem beschränkten Denken aus, betonten die Fachvertreter Frank Schneider (Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde – DGPPN) und Georg Psota (Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie ÖGPP). Schneider und Psota leiteten die Diskussion mit Kurzreferaten ein und sprachen über die Verantwortung der Psychiatrie, die sich der Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Medizin zu stellen habe. Beide betonten, dass diese sich bedauerlicherweise lange nicht ihrer Verantwortung gestellt hatten, wie auch, dass die gesellschaftliche Verantwortung der Medizin in Fragen der Bioethik aktueller denn je sei.

Die Psychiatrie-Fachverbände bitten die Opfer um Verzeihung

Frank Schneider stellte das dunkelste Kapitel der Medizingeschichte im 20. Jahrhundert in den historischen Kontext und erinnerte an den Eugenik-Diskurs, der für die Taten der Nationalsozialisten den Boden bereitete. Nach 1945 habe es ein unverständlich langes Schweigen über die Taten gegeben. Erst ab den 1970er Jahren wurden langsam Schritte der Aufarbeitung gesetzt. Schneider betonte, dass es für seinen Fachverband, der auf 170 Jahre Geschichte zurückblicke, wichtig sei, sich auch seiner Rolle als „Täterorganisation“ zu stellen und die daraus erwachsende Verantwortung wahrzunehmen. Die Ausstellung sei ein Ergebnis davon. Ganz bewusst stelle sie diejenigen in den Mittelpunkt, die lange am Rand der Gesellschaft standen. Schneider sagte, er sei froh darüber, dass die Ausstellung weite Kreise der Bevölkerung, aber auch die Politik erreiche.

Psota erinnerte daran, dass viele Mitglieder seiner Berufsgruppe in keiner Weise gezwungen werden mussten, sich an den NS-Plänen zur Eugenik und Rassenpolitik zu beteiligen. Viele österreichische Psychiater machten sich im Gegenteil nach 1938 bereitwillig daran, KollegInnen jüdischer Abstammung oder mit unerwünschten politischen Ansichten zu verfolgen. Die Zahl der aus Österreich stammenden Rassenfanatiker und Beteiligten an den Morden an Psychiatrie-PatientInnen war laut Psota überdurchschnittlich hoch. Nach den 1950er Jahre gab es jahrzehntelang keine Auseinandersetzung mehr mit dem Thema. Psota bat im Namen seiner Fachrichtung die Opfer und ihre Angehörigen um Verzeihung für das, was ihnen angetan wurde, wie auch für das lange Verdrängen und Verschweigen. Nicht Schweigen und Verdrängen, sondern Erinnern und Aufarbeitung seien wichtig, um die neue Generation von MedizinerInnen und PsychiaterInnen für ethische Fragen ihres Faches zu sensibilisieren.

Viele Bereiche des NS-Medizinverbrechen bleiben noch aufzuarbeiten

Die Sicht der Geschichtswissenschaft auf die Verbrechen der NS-Medizin und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen vertraten der Historiker Herwig Czech (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes) und die Historikerin Brigitte Kepplinger (Obfrau des Vereins Schloss Hartheim).

Kepplinger berichtete über die Umstände der Gründung des Vereines zum Gedenken an die Opfer von Schloss Hartheim im Jahr 1995. Dieses Schloss war vor 1938 eine kirchliche Betreuungseinrichtung für Menschen mit Behinderungen und wurde von den Nationalsozialisten zu einer Anstalt für den organisierten Massenmord umfunktioniert. Die Widerstände gegen die Einrichtung der Gedenkstätte kamen vor allem aus der lokalen Bevölkerung, erinnerte sich Kepplinger, wobei nach ihrer Wahrnehmung eine diffuse Gemengelage aus Ängsten und Abwehrhaltung bestand. Wesentlich für die Umsetzung des Projekts war die Unterstützung des Landes Oberösterreich.

Herwig Czech erinnerte an den langen Weg, der in Österreich zurückzulegen war, bis das Bewusstsein über die Verbrechen an kranken und behinderten Menschen im gesellschaftlichen Mainstream angekommen war. Was die Kontinuitäten der NS-Medizin in der Nachkriegszeit betrifft, so tritt Czech für eine differenzierte Betrachtungsweise ein. In den Jahren unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden mehrere große Prozesse geführt, in denen die Morde an PatientInnen und Menschen mit Behinderungen klar als Morde benannt wurden und es auch zu strengen Urteilen kam. Ab den 1950er Jahren führte eine geänderte politische Situation dazu, dass alte NS-Seilschaften sich wieder etablieren konnten und das Thema aus der Öffentlichkeit verschwand. Der Druck der Alliierten wurde geringer und das politische Werben um die Wählerschicht der ehemaligen NSDAP-Mitglieder begann. Verwaltung wie Justiz spielten ebenfalls eine beschämende Rolle in der Verhinderung der Aufklärung. Czech plädierte dafür, neben den bekannten Orten wie Spiegelgrund und Schloss Hartheim nicht die vielen anderen Orte des Massenmordes zu vergessen. Hier gebe es noch vieles aufzuarbeiten.

Ausstellung noch bis Samstag im Palais Epstein zu sehen

Die Wanderausstellung „Erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus “ entstand auf Anregung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde und wird auf Initiative der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien gezeigt. Die Ausstellung im Innenhof des Palais Epstein ist noch bis 30. Jänner bei freiem Eintritt zu sehen. Die Öffnungszeiten sind Montag bis Freitag zwischen 09.00 und 16.00 Uhr sowie samstags zwischen 10.00 und 15.00 Uhr. Ergänzende Beiträge zur Ausstellung stammen aus der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes gestalteten Ausstellung „Der Krieg gegen die ‚Minderwertigen‘. Zur Geschichte der NS-Medizin in Wien“ der Gedenkstätte Steinhof.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie ein Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

0 Kommentare

  • ad Schneider/Psota:
    Eure Heuchel-„Entschuldigung“ ohne entsprechende Aufwältigung des alkgesteuerten und NS-durchseuchten Ferngutachter-Unwesens im Auftrag der Gerichte (Gross vs Zawrel, Leipziger va Mollath, Burghardt vs Bader…) bleibt eine unnütze Schleimspur im Lügenäther der städtischen Steinhofverbauer, Kellerzuschütter, Rampenplanierer und
    ErinnerungsVerscharrer, denen es halt wurscht ist, ob an der Vernichtungsmagistrale Loibl/Hartheim/Wasserburg/Bayreuth wieder tausende Kinder verschwinden, im Mistkübel landen und Menschen im öffentlichen Gewahrsam mit CO, Propofol vergast oder Benzin, Haldol iV abgespritzt werden.
    ad Kepplinger/Czech:
    Eure lamettareiche Scheinwelt ist nicht nur durch Nazisprech und OGH-„Eugenik“ begrenzt sondern auch durch Euer Abwürgen kritisch-emazipatorischen Diskurses (zB ad Overkill/Justizmord am Spiegelgrund und Mauthausen, Hartheimkonferenzabbruch, gg einseitige Täterwelt-Einlassungen) selbst verschuldet. Wann erhalten die in den Hinterhöfen Eurer ´Schlösser` werkenden MmB endlich einen gerechten Lohn für ihre Plackerei??

  • Es wäre wünschenswert, wenn diese Ausstellung auch nach Tirol kommen würde. Auch die Aufarbeitung muss in Tirol weitergehen, eine Podiumsdiskussion wäre auch hier notwendig. Ebenso fehlt in Österreich noch immer eine ethische Stellungnahme zur Zwangspsychiatrie und Zwangsbehandlung, wie die deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie schon gemacht hat, um der UN-Konvention zu entsprechen. Ebenso besteht Handlungsbedarf bei den Bundesländern:The Special Rapporteur Mr. Mendez calls upon all States to:
    (a) Review the anti-torture framework in relation to persons with
    disabilities in line with the Convention on the Rights of Persons with Disabilities as authoritative guidance regarding their rights in the context of health-care;
    (b) Impose an absolute ban on all forced and non-consensual medical interventions against persons with disabilities, including t he non-consensual administration of psychosurgery, electroshock and mind-altering drugs such as neuroleptics, the use of restraint and solitary confinement, for both long- and shortterm application. The obligation to end forced psychiatric interventions b ased solely
    on grounds of disability is of immediate application and scarce financial resources cannot justify postponement of its implementation;

    Außerdem gibt es für Art. 12 der UN-Konvention einen Entwurf zu einem allgemeinen Kommentar, in dem es in Punkt 38 heißt: (2-13 Sept 2013)

    „38. As has been established in numerous concluding observations, forced treatment by psychiatric and other health and medical professionals is a violation of the right to equal recognition before the law and an infringement upon the rights to personal integrity (Article 17), freedom from torture (Article 15), and freedom from violence, exploitation and abuse (Article 16). This practice denies the right to legal capacity to choose medical treatment and is therefore a violation of Article 12.