Vergangenheitsbewältigung der Weißen Kittel

Meldungen des Herbstes 1992 von Übergriffen auf behinderte Menschen erreichten nur beschränkt die Öffentlichkeit.

Viel Zeit ist vergangen
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Oft, sehr oft, hörte ich,

als ich mit Bekannten und FreundInnen darüber reden wollte, ein:“… das gibt’s doch nicht…!?“ Ich wollte es auch nicht glauben, doch wenn sogenannte „AusländerInnen“ grundlos zusammengeschlagen werden, warum sollte es dann nicht auch die nächstschwache Bevölkerungsgruppe treffen (treffen im wahrsten Sinne des Wortes).

Denn es geht hier nicht um Behinderte oder AusländerInnen, sondern es handelt sich um einen neuen alten Rassismus gegenüber den sozial Schwächsten einer Gesellschaft.

Sowie bereits im Nationalsozialismus die Schreibtischtäter den Anfang machten, können wir abermals beobachten, daß der Boden für diese Gewaltübergriffe während der letzten zwei Jahrzehnte schon wieder von den Schreibtischen aus fruchtbar gemacht wurde.

Die Hauptbeteiligten: Wissenschaftler, konkreter: Mediziner, Genetiker, Biologen, Anthropolgen, Psychiater, Rechtswissenschaftler und Staatsbeamte.

Im Namen der Wissenschaft, des „Fortschritts“ und zum „Wohle“ der Menschheit wurde und wird geforscht, selektiert und schließlich getötet.

Alte Eugenik im neuen Gewand

Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Veränderung des Begriffs Prävention, das Verständnis von Vorsorge und Verhütung. Wenn die Notwendigkeit von genetischen Beratungsstellen begründet werden soll, landet man bei Erklärungen wie, „Leidverminderung“ und „Kostenersparnis für die Gesellschaft“. Zwei Argumente, die sicher ein alte Tradition haben.

Eine vernichtende Tradition,

die behinderte Menschen diskriminiert, ausgesondert und eliminiert hat. Seltsam, daß die Betonung des vermeintlichen Leidens behinderter Menschen, kaum zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen beiträgt, sondern eher zu einem Wunsch ihrer Nichtexistenz führt.

Immer häufiger finden wir heute wieder biologische Erklärungsmuster für gesellschaftliche Erscheinungen oder individuelles „Fehlverhalten“. Die Behandlung sozialer (und auch ökologischer) Probleme und die Rettung von fast allen Übeln scheint für viele wieder einmal in den Genen zu liegen. Genetische Beratung entwickelt sich wie selbstverständlich zum scheinbar unverzichtbaren (All-)Heilmittel.

Prävention bedeutet dann nicht mehr nur Vorbeugung gegen krankmachende Situationen, sondern grundsätzlich mehr und mehr die Verhütung, Verhinderung und Vermeidung von Behinderung und damit behindertem Leben an sich. In diesem Sinne gilt behindertes Leben, und damit wir behinderten Menschen, als unerwünschter und zu vermeidender Risikofaktor.

Der Amerikaner Milunsky meint z. B. in Zusammenhang mit genetischen Beratungsstellen, daß Eltern dann verantwortungsbewußt handeln, wenn sie z. B. das Vorhandensein oder die Möglichkeit einer Erbkrankheit feststellen lassen und hofft, daß sie sich dann für eine „vernünftige Entscheidung“ entschließen.

„Ob wir wollen oder nicht“, konstatiert Milunsky, seien wir „gezwungen, die ökonomischen Aspekte der vorgeburtlichen Diagnostik in Betracht zu ziehen“. Weiters berichtet er, daß in manchen Kliniken der USA nur dann eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt wird, wenn sich die Frau bzw. das Paar vorher verpflichtet, bei einer etwaigen Schädigung des Fötus, einen Abbruch vornehmen zu lassen. Begründung: Andernfalls sei die Durchführung dieser Untersuchung unwirtschaftlich.

Bereits 1970 meinte Bentley Glass (ehemaliger Präsident einer einflußreichen Forschungsföderation): aufgrund der gentechnischen Möglichkeiten hat kein Elternpaar „in Zukunft das Recht, die Gesellschaft mit einem mißgestalteten oder geistig unfähigen Kind zu belasten“.

Für den deutschen Sozialmediziner Hans Schaefer bedeutet Prophylaxe der „gesunden Versicherten“ u. a. die „Vermeidung gesellschaftsschädigenden Verhaltens“. In seinem Buch „Medizinische Ethik“ 1983, stellt er tatsächlich die Frage, wann das Leben wertvoll genug sei, um erhalten zu werden.

1932: Ein Ausschuß des Preußischen Landesgesundheitsrats berät und befürwortet ein Sterilisationsgesetz unter dem Motto: „Die Eugenik im Dienste der Volkswohlfahrt“. Das Gesetz soll die „freiwillige“ Sterilisation ermöglichen.

1933: Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wird verkündet. Es ermöglicht die zwangsweise Sterilisierung.

1992: Prof. Dr. Rett meint in der ORF-Sendung Inlandsreport zum Thema Sterilisation und geistigbehinderte Frauen: „Wenn sie zum Streunen beginnen, sei das Mittel der Sterilisation nur zu Ihrem Schutze und damit zu ihrem Besten“.

1920: erscheint das Buch des Juristen Prof. Binding und des Psychiaters Prof. Dr. Hoche „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“.

1939: 1. September, Hitler leitet die „Euthanasie“ ein, „Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Arzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Im Oktober 1939 gehen die ersten Meldebogen in den psychiatrischen Anstalten ein. Sie werden von den Professoren der Psychiatrie und der Medizin begutachtet. Die Vergütung beträgt 5 Pfg. pro Fragebogen. Ein Kreuz bedeutet den Tod. 283.000 Fragebögen waren zu bearbeiten. Mindestens 75.000 wurden von den Gutachtern angekreuzt.

1979: erscheint das Buch „Praktische Ethik“ von Peter Singer. Singer propagiert die „aktive Euthanasie“ und damit die Tötung behinderter Neugeborener, die er Nicht-Personen nennt.

1992: Im Herbst werden behinderte Menschen auf offener Straße angegriffen.

Quellen:

Tödliche Wissenschaft, Benno Müller-Hill, Rowohlt Verlag 1988
Tödliche Ethik, Her. Theo Bruns, Ulla Penselin, Udo Sierck, Hamburg 1990, Verlag Libertäre Assoziation
Tödlicher Zeitgeist, Franz Cristoph, Köln 1990, Verlag Kiepenheuer & Witsch
Werkstattblätter 3/92, Patenting of Life
Falter 50/92, Viel Geld für Gene

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