Viennale: War die Barrierefreiheit der letzten Jahre reiner Zufall?

Martin Habacher hat mit dem Viennale Direktor ein Interview zum Thema Barrierefreiheit geführt. Hier ein Auszug aus dem Podcast-Interview mit Hans Hurch (Viennale Direktor) und Gerhard Baldasti (Produktionsleitung Viennale).

Hans Hurch im Interview mit Martin Habacher
Habacher, Martin

Martin Habacher: Die Viennale war in den letzten Jahren immer barrierefrei, selbst zu Zeiten des Viennale-Zelts. Jetzt haben Sie eine neue Zentrale für Ihr Festival auserkoren: Das Badeschiff, welches leider nicht mehr barrierefrei ist.

Problem: Laderaum

Hans Hurch: Beim Badeschiff ist das Problem der Laderaum bzw. die Disco. Wobei die für mich wesentlichen Aktivitäten am Badeschiff alle am Hauptdeck stattfinden und somit barrierefrei sind. Die Diskussionen, alle Gespräche und die DJ-Lines sind alle absolut zugänglich. Das Problem war, dass die Urania zu klein wurde und uns nicht mehr gefallen hat. Jetzt sind 90 % des Festivalzentrums barrierefrei zugänglich.

Martin Habacher: Wo sind die restlichen 10 %?

Hans Hurch: Das muss ich zugeben: Die finden unten statt. Im Laderaum werden Partys bzw. Musikgeschichten stattfinden, wie sie im Laderaum üblich sind. Aber ganz ehrlich: Die für mich wichtigen Teile finden im großen Raum statt, welcher absolut zugänglich ist.

Martin Habacher: Aber es finden offizielle Veranstaltungen der Viennale im Laderaum statt …

Hans Hurch: Ja, es gibt zwei bis drei Abende, bei denen unten Teile unseres Programms stattfinden.

War die Barrierefreiheit reiner Zufall?

Martin Habacher: War also die Barrierefreiheit der letzten Jahre reiner Zufall? Scheinbar war sie ja nicht Teil des Konzepts?

Hans Hurch: Es herrscht schon ein gewisses Bewusstsein dafür. Unsere Produktion, die für die gesamte Technik zuständig ist, hat die Location unter diesem Aspekt ausgewählt. Es ist nicht so, dass wir hinterher gesagt haben: ‚Glück gehabt!‘.

Gerhard Baldasti: Nein. Die Barrierefreiheit der Viennale ist von langer Hand geplant. Wir haben dafür gesorgt, dass die Kinos der Viennale, die ja auch das ganze Jahr Betrieb haben, barrierefrei umgerüstet werden.

Martin Habacher: Trotzdem ist sie es nicht zur Gänze.

Hans Hurch: Ja! Das ist aber schon ein großer Unterschied! Wenn wir ein Festival-Zentrum hätten, das nicht barrierefrei wäre, dann fände ich die Kritik total berechtigt. Aber es ist zum aller größten Teil barrierefrei, was wir auch so geplant hatten. Ich möchte einfach nicht das gesamte Festival-Zentrum dadurch schlecht machen.

Gerhard Baldasti: Ich möchte dazu sagen, dass mir die Problematik mit dem Laderaum bekannt ist. Gestern habe ich einen Treppensteiger bestellt. Es wird eine Person von der Viennale und eine vom Schiff eingeschult und ich kann nur hoffen, dass der Ansturm nicht zu groß wird.

Martin Habacher: Bei einem Treppensteiger handelt es sich um ein mobiles Gerät, mit dessen Hilfe Handrollstuhlfahrer Treppen überwinden können. Dies funktioniert nicht bei Elektrorollstühlen.

Gerhard Baldasti: Wir können uns erkundigen, ob es noch andere Lösungen gibt.

Martin Habacher: Ich denke, man wird nicht um einen Treppenlift, wie in den Kinos, herumkommen. Anders wird es nicht möglich sein.

Gerhard Baldasti: Was wir Ihnen dann noch anbieten können, ist, dass wir einen Reserverollstuhl hinstellen.

Martin Habacher: Das hat keine Qualität! Sie würden doch auch nicht ihre Schuhe und den Anzug ausziehen und gegen einen Strampelanzug tauschen, nur um irgendwo hineinzukommen. Ein Rollstuhl ist nicht mit einem Kleidungsstück zu vergleichen. Er ist essentieller Teil der Persönlichkeit. Er gehört dazu, um sich wohl zu fühlen.

Einer Ihrer Kollegen, Herr Goebl (Direktionsassistent, Anm.) hat mir auf Anfrage einen anderen Vorschlag gemacht: Die Mitarbeiter des Badeschiffs könnten mich samt Rollstuhl, der übrigens 120 Kilo wiegt, ja rauf und runter tragen. Alleine dieser Gedanke ist schon irrwitzig. Kein Zweifel, es ist nett gemeint. Aber sich ständig von Fremden herumtragen zu lassen, ist keine angenehme Sache.

Hurch: Ich verstehe ihre Argumentation

Hans Hurch: Ich verstehe Ihre Argumentation. Solange man auf die Unterstützung Anderer angewiesen ist, hat das nichts mit Barrierefreiheit zu tun. Aber vielleicht lässt sich ja doch noch eine Lösung auch für den Elektrorollstuhl finden.

Martin Habacher: Ich möchte Ihnen zum Abschluss nochmals meine Intention für dieses Interview nahe legen. Ich gehe gerne zur Viennale. Vor allem aber gefiel mir bisher die Tatsache, dass ich im Vergleich zu anderen Besuchern nicht eingeschränkt war.

In Zeiten, in denen Gesetze gleiche Rechte für jeden propagieren, geht eine Organisation wie die Ihre, die ja über ausreichend Finanzreserven verfügt, einen derartigen Kompromiss bei der Wahl einer neuen Festival-Zentrale ein. Ist doch egal, sind ja nur 10 % weniger Barrierefreiheit!

Die Viennale war ein Internationales Filmfestival, das absolut barrierefrei war. Zugänglich für jeden, wie Sie auf Ihrer Homepage auch verkünden. Ein Besucherfestival. Es ist schade, dass Sie nun bei den Besuchern beginnen, teilweise zu selektieren.

Hurch: Nehme diese Kritik an

Hans Hurch: Ich nehme diese Kritik an. Es sind nicht alle Locations der Viennale 100 %ig zugänglich. Der Kritik müssen wir uns stellen, daran kann man nicht herumreden! Das war wahrscheinlich eine Gedankenlosigkeit von uns. Die einzige Möglichkeit wäre gewesen, den Laderaum nicht zu verwenden. Denn auf das Badeschiff hätte ich nicht gerne verzichtet.

Martin Habacher: Gut, das ist auch eine Idee. Dann ist wieder alles für jeden gleich! Wenn Sie das machen, gibt es keine Probleme bzgl. Barrierefreiheit mehr.

Hans Hurch: Mal sehen, was wir da in Zukunft machen können.

Martin Habacher: Sehr gut, danke für das Gespräch.

Hans Hurch: Gerne. Ich hoffe, wir sehen uns bei der Viennale!

Hurch: Die Kritik ist schon berechtigt

Mangelnde Barrierefreiheit des Badeschiffes
SprecherIn: Hans Hurch (Direktor der Viennale)
Audioquelle: Martin Habacher

Hans Hurch: Na, die Kritik ist schon berechtigt. Es sind nicht alle Locations heuer 100 %ig zugänglich. Die Kritik ist berechtigt, der müssen wir uns stellen – sozusagen; sage ich. Da könn ma nicht herumreden. Aber es ist nicht das Badeschiff nicht zugänglich. Das ist mir auch wieder wichtig, des zu sagen …

Martin Habacher: … nicht 100 %ig …

Hans Hurch: … das, fände ich, wäre hart irgendwie zu sagen: Das Badeschiff – wir haben jetzt eine Locaction, die im Gegensatz zur alten nicht …

Martin Habacher: … Es geht mir nur um den Rückschritt, um die Akzeptanz des Kompromisses.

Hans Hurch: Ja. Es war wahrscheinlich eine Gedankenlosigkeit von uns.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare

  • Die Barrierefreiheit der Viennale der letzten Jahre war sicher kein Zufall, sondern der Verdienst der Arbeitsgruppe „Kultur ohne Barrieren“ (eine Arbeitsgruppe von SLI-Wien) in Zusammenarbeit mit der Viennale.
    Durch höchsten persönlichen Einsatz der AG (z.B. wurden noch an einem Eröffnungsabend von Mitgliedern der AG WC-Griffe montiert) konnten die Viennalespielstätten barrierefrei umgebaut werden. Die hervorragende Kooperation mit der Viennale hat schon unter dem Viennaledirektor Alexander Horvath begonnen und wurde mit Hans Hurch fortgesetzt. Obwohl das wichtigste Vorhaben, die Viennalekinos zugänglich zu machen, umgesetzt werden konnte und die ViennalemitarbeiterInnen durch d. Zusammenarbeit sensibilisiert waren, sind in den letzten Jahren ein paar „Hoppalas“ passiert.
    Irgendwo eine Stufe ohne Rampe, ein fehlender Parkplatz oder keine reservierten Sitze für die Begleitperson bei Rollstuhlplätzen – oft konnten diese Mankos mit einem Telefonat aus der Welt geschafft werden.
    Heuer das Badeschiff, das leider nicht 100 % barrierefrei ist und wohl auch nicht so leicht adaptiert werden kann. Berechtigte Kritik – trotzdem ist die Viennale unter Hans Hurch eine Ausnahme in der österreichischen Kultur. Natürlich passieren Fehler bei so einem großen Festival, nicht immer ist die volle Aufmerksamkeit gegeben, aber ich bin überzeugt, dass Hans Hurch die Kritik der Betroffenen sehr ernst nimmt und hoffentlich im nächsten Jahr auch wieder auf die Zusammenarbeit mit der AG „Kultur ohne Barrieren“ setzt, damit solche „Gedankenlosigkeiten“ nicht mehr passieren. Die AG „Kultur ohne Barrieren“ steht jedenfalls gerne für weitere Zusammenarbeit und Beratungen zur Verfügung.
    Besonders auch deshalb, weil die Rollstuhlzugänglichkeit längst nicht mehr das einzige Kriterium für Barrierefreiheit ist. Mit Induktionsanlagen für gehörbehinderte Menschen, Blindenleitsystemen und Hörfilme für blinde Menschen etc. könnte die Viennale weitere Maßstäbe in Richtung „Kultur für alle

  • Beim Lesen des Interviews ist mir Vermutetes bestätigt worden und nichts Neues untergekommen.
    Herr Hurch hat zugeben, dass bei der Viennale 09 auch Veranstaltungslokale gewählt wurden, die nicht barrierefrei erreichbar sind.
    Herr Hurch hat, um sich den Laderaum eines Schiffes als Veranstaltungsort zum (Be)spielen leisten zu können (weil er vielleicht als Kind immer schon dort spielen wollte, aber nie durfte), Menschenrechte aushebelt, weil ihm Zynismus und Ignoranz zum Selbstzweck vermutlich wichtiger sind, als die Einhaltung von Menschenrechten. Versuche zu verschweigen, dass Hurch einen (seinen) Spielplatz so ausgewählt hat, dass er „behindertenfrei“ gehalten werden könnte,sind in die Hose gegangen. Die Vermutung, das Martin Harbacher die Freude der zwei Herren von der Viennale 09 jetzt ein bisserl getrübt hat, nahe liegend. Antworten wie: „Die Problematik, das Menschen mit Behinderungen nicht zum Spielplatz Laderaum können, ist bekannt, deshalb werden sie jetzt einen Treppensteiger besorgen“, strotzen von Unwissenheit und Ignoranz. Die erste Befürchtung, dass der Ansturm von Menschen mit Behinderungen am Spielplatz Laderaum zu groß wird, unbegründet, weil Treppensteiger unbenutzbar sind! Der Hinweis, dass ein Treppensteiger nur bei Schieberollstühlen und auch erst nach individueller Einstellung anwendbar sein kann und bei Sportrollstühle (haben keine Schiebegriffe) und E-Rollstühlen sowieso nicht funktioniert, haben bei den Herren das Ausmaß ihrer Befürchtungen wieder drastisch reduzieren können. Am meisten Bedankt haben sich die zwei Herren bei der oder dem, die/der ihnen die geniale Treppensteiger Idee eingegeben hat. Das ist vermute ich, der Grund dafür gewesen, dass sich die Herren durch ihre Aussage: „Wir können uns erkundigen, ob es noch andere Lösungen gibt“, ihr persönliches Vorhaben, sich wieder zurückzulehnen und abzutauchen, gesichert haben. Können tun Viele! Etwas auch zu tun, ist was anderes, das haben die zwei Herren eh nicht versprochen!!

  • Hurch – Selbstgerechtigkeit und Eigenlob bis zum Kotzen. Dafür kennt er sich bei Einsätzen der Kremser Polizei aus. Kein Wunder, daß er selbst keine kreativen Leistungen vorweist.

  • kein wunder da wie wir alle wissen in wien den behinderten feindlichsten bürgermeister haben und seine domestiken die er leider durch seine alkoholsucht nicht mehr im griff hat wird die ausgrenzung und diskriminierung bis zum exess betrieben gegen uns behinderten und vor allem gegen rollstuhlfahrer nicht ärgern nur wundern

  • hab den link bei fm4 gesehen – super interview