Von Frauen, Männern und behinderten Menschen

Wir müssen uns entschuldigen. Bei Frau Mag. Renate Brauner, ihres Zeichens amtsführende Stadträtin für Integration, Frauenfragen, Konsumentenschutz und Personal. Im BIZEPS-INFO 10/97 haben wir ihr etwas unterstellt, was so nicht stimmt.

Renate Brauner
Spiola, Petra

Wir haben ihr vorgeworfen, einen Frauenbericht 96 vorgelegt zu haben, in dem „behinderte Frauen … mit keinem Wort erwähnt“ werden.

Frau Stadträtin Mag. Brauner klärte uns daraufhin am 26. November 1997 brieflich darüber auf, daß „in der Behindertenhilfe eine Gleichbehandlung von Frauen und Männern erfolgt. In Hinblick auf Ihre diesbezügliche wertvolle Anregung wird im nächsten Frauenbericht auf diese Gleichbehandlung ausdrücklich hingewiesen werden.“

Aha. Wir verstehen: es gibt keine behinderten Frauen und Männer, es gibt nur behinderte MENSCHEN und ab sofort werden wir gesondert darüber aufgeklärt.

Wir recherchieren unter diesem neuen Gesichtspunkt – und siehe da, wir werden fündig:

Behinderte MENSCHEN kommen sehr wohl vor im FRAUENbericht 96 der Stadträtin.

Unter dem Schlagwort „Aktivitäten im Bereich Gesundheit und Alter“ wird wiederholt von „Betreuungsleistungen für vorwiegend ältere und behinderte Menschen“ gesprochen (Frauenbericht 1996, Seite 13).

Darum entschuldigen wir uns also hiermit bei ihr für unsere phantasielose Recherche.

Ende gut, alles gut?
Nicht so ganz, meine ich. Mir persönlich liegt der Brief der Stadträtin schwer im Magen und reizt mich zum Widerspruch.

Als 27jährige Frau, die seit fünf Jahren behindert ist, nehme ich momentan vorwiegend die kulturellen und architektonischen Einrichtungen Wiens in Anspruch – weniger die von Stadträtin Brauner angesprochene „Betreuung zu Hause“ der MA 47 (siehe oben).

Gleichwohl beruhigt es natürlich gerade mich als chronisch kranke Frau ungemein, in dem Bewußtsein leben zu können, daß es die MA 47 und ihre MitarbeiterInnen gibt, deren Leistungen ich in Anspruch nehmen kann – keine Frage.

Dennoch: Ich definiere mich als JÜNGERE BEHINDERTE FRAU und fühle mich als solche in meinem Dasein diskriminiert, wenn es nicht einmal in den Druckwerken der Stadt Platz für mich gibt – vom öffentlichen Raum ganz zu schweigen. Ich will nicht AUSSCHLIEßLICH zu Hause betreut und auch dort verwahrt werden.

Ich will ganz im Gegenteil am öffentlichen Leben Wiens teilnehmen als wär’s eine Selbstverständlichkeit – weil es eine Selbstverständlichkeit sein muß.

Ich will Theater, Kinos, Ausstellungen, Lokale,… besuchen können, ohne zuvor endlose und selten zielführende Telefonate über die örtlichen Begebenheiten führen zu müssen; ich will Behindertenparkplätze, deren bestimmungsgemäße Benutzung selbstverständlich ist; ich will als die Frau wahrgenommen werden, die ich bin: jung, politisch und kulturell interessiert – und körperbehindert. Achten Sie bitte auf die Reihenfolge.

Ach, vergessen Sie das mit der Entschuldigung ganz schnell wieder. Wie soll sich jemand entschuldigen können, den es eigentlich gar nicht gibt?

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