Von „ruhmreicher“ Geschichte und unrühmlichen Geschichten

Was lange währt, wird ... immer noch kein barrierefreier Zugang. Auch nicht drei Jahre nach Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Ein Kommentar.

Zeughaus Graz
Landesmuseum Joanneum

Das Joanneum in Graz feiert heuer seine zweihundert-jährige Geschichte. Besucht man dessen Sammlung im Grazer Zeughaus, kann man auf eine noch längere Geschichte zurückblicken, beherbergt sie doch die weltgrößte historische Waffensammlung mit Exponaten aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Wenn man denn kann.

Denn mit einer Geschichte von immerhin schon über 15 Jahren, kann die Diskussion um einen barrierefreien Zugang aufwarten. Da könnte man ja eigentlich auch schon fast Geschichtsbücher füllen. Ob Kriegsgeschichte ruhmreich sein kann, sei dahingestellt, die Geschichten rund um den Einbau eines Aufzugs sind es auf jeden Fall nicht.

Aber der Reihe nach

Bereits 1994, als Josef Mikl die Broschüre „Graz – für behinderte Menschen“ in BIZEPS-INFO vorstellte, hielt er fest, „dass in den meisten Fällen an Barrierefreiheit erst gedacht wird, wenn betroffene Menschen intervenieren“ und brachte unter anderem das Beispiel Zeughaus.

Als fünf Jahre später die „Feuerfalle Landeszeughaus“ durch eine Fluchtstiege entschärft werden soll, denkt man mal wieder mehr an Denkmalschutz, als an Besucherinnen und Besucher.

2003 gab es einen neuerlichen Anlauf mit sogar drei möglichen Varianten, keine davon wurde verwirklicht. (Nachzulesen hier)
Paradoxes Detail: 2003 war das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen, in dem sich Graz als Kulturhauptstadt Europas präsentieren durfte.

„Es wird seit Jahren diskutiert, aber es gibt keine Ergebnisse.“

2009 dachte man wieder nach. Gemeinderat Kurt Hohensinner (ÖVP) brachte damals den Ärger vieler behinderter Menschen auf den Punkt. In der Kleinen Zeitung wurde er so zitiert: „Es wird seit Jahren diskutiert, aber es gibt keine Ergebnisse. Irgendwann müssen Taten folgen.“ Ihm gehe es um die Selbstbestimmung von behinderten Menschen, war da zu lesen.

Auch Joanneum-Chef Wolfgang Muchitsch musste im Interview mit der Zeitung zugeben: „Das Zeughaus ist bald das einzige Gebäude von uns, das nicht barrierefrei zugänglich ist.“

Man stellte auch eine neue Variante in Aussicht. Denn schon vor ca. hundert Jahren kannte das Zeughaus einen Außenaufzug, wenn auch nur einen Flaschenzug. Aus der Geschichte kann man viel lernen …

Die Verantwortlichen bezweifelten allerdings schon, ob sich eine Lösung bis zum Jubiläum 2011 ausginge.

Im Juli 2010 hält dann Gemeinderat Hohensinner erneut gegenüber der Kleinen Zeitung fest: „Bisher findet man immer nur Gründe, warum ein Lift nicht geht.“

2011: Das große Jubiläumsjahr

Nun schreiben wir das Jahr 2011, das große Jubiläumsjahr, bis zu dem man ursprünglich am Stand der Zeit sein wollte und es ist noch immer kein barrierefreier Zugang in Sicht. Im diesbezüglichen Artikel der Kleinen Zeitung vom 11. Juli 2011 wird Muchitsch wie folgt zitiert: „Wir haben schon einige Baustellen im Jubiläumsjahr, da wollten wir nicht noch eine weitere aufmachen.“
Wie sich die Geschichte ändern kann: „Das ursprüngliche Ziel war, im Jubiläumsjahr alle Häuser barrierefrei zugänglich zu haben.“ Auf das Argument des allgemeinen Sparkurses wird natürlich auch nicht vergessen.
Historisch denkt man bekanntlich in großen Zeitspannen. Vorläufig hat man das Projekt „Zeughausumbau“ auf 2012/2013 vertagt. Was lange währt, wird hoffentlich dann endlich gut.

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0 Kommentare

  • Sie koennen hunderte, tausende aehnliche Falle in Oesterreich (und auch in Deutschland) nehmen. Nur eines kann und wuerde helfen: Gemeinden, Laender und Regierungsstellen allgemein vor Gericht zerren und wegen Nichtausfuehrung gesetzlicher oder EU Vorschriften zu empfindlichen Strafen verdonnern. So wie in den USA moeglich. Und siehe da: es geht dann schnell und die Behindertenparkplaetze werden auch nicht mehr von Baustellen belegt (wie derzeit in der Lange Gasse, Wien 8, oder von Polizei- oder Behoerdendfahrzeugen verparkt. Es gibt noch eine andere Alternative, allerdings nur fuer besonders Mutige, die wir tatsaechlich wegen der Behinderung unseres Familienmitglieds und der auch in Zukunft unzufriedenstellenden Pflegesituation ins Auge fassen: Oesterreich verlassen und in ein Land ziehen wo Pflege leistbar und Barrierefreiheit ernst genommen wird. Und wo weniger Sonntagsreden durch Politiker gehalten werden.

  • Im historischen Rückblick späterer Jahrhunderte wird man unsere Epoche wohl als das Zeitalter der dominanten Ignoranz bezeichnen müssen.

  • Es ist wieder mal ein Gnadenakt, ob und wann Barrierefreiheit verwirklicht wird …