Warum soll man Hören nicht sehen?

Selbst der Hörgeräteverkauf orientiert sich vorwiegend an unserer visuell-orientierten Welt.

Einem Kurzbericht der deutschen Zeitschrift „Hörakustik“ zufolge, stellt Österreich im Bezug auf den Verkauf der Im-Ohr Geräte schlichtweg einen Rekord auf: fast 80% der verkauften Hörgeräte sind Im-Ohr Geräte!

Der Verkaufsdurchschnitt in den anderen europäischen Länder lautet nämlich: 60% Hinter-dem-Ohr Geräte und 40% Im-Ohr Geräte. Ob nun dadurch die Hörgeräteträger in Österreich tatsächlich besser versorgt sind, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist gerade das Gegenteil der Fall.

Aus Gesprächen mit vielen Betroffenen in den letzten Jahren zeigte sich, dass ein Großteil der österreichischen Hörgeräteakustiker natürlich gerade die Im-Ohr Geräte wegen ihrer angeblichen „Unsichtbarkeit“ anpreist, zudem ist die Zuzahlung der Kassen zu diesen Geräten höher. Dem gegenüber sind Hinter-dem-Ohr Geräte meist billiger, so dass sich keine großen Unterschiede ergeben.

Die gezielte Werbung mit der „Unsichtbarkeit“ der Hörgeräte (die in den meisten Fällen gar nicht stimmt) kommt sicherlich der Scheu und dem Problem vieler schwerhöriger Menschen, überhaupt ein Hörgerät zu benutzen, sehr gelegen. Laut einer Erhebung gehen Menschen um ca. 10 – 15 Jahre zu spät an eine Hörgeräteversorgung heran und haben nun erst recht sehr hohe Erwartungen an das Gerät, zumal die Werbung sogar „Sie hören wieder wie früher“ verspricht. Mit dem Kauf eines Hörgerätes allein ist aber in den seltensten Fällen eine Akzeptanz der Behinderung verbunden, man nimmt es eben bestenfalls „in Kauf“, und ist froh, wenn es wenigsten niemand bemerkt. Selbst bei den neuen implantierbaren Hörgeräten habe ich bei den aufgezählten Vorteilen ständig das Wort „unsichtbar“ gelesen.

Hierin liegt das Problem der Schwerhörigkeit: Sie wird verdrängt, solange es geht, und zu wenige Betroffene lernen oder wollen den Umgang mit ihrer Behinderung lernen. Abgesehen davon, es gibt derzeit auch kaum Hilfen, außer in den Selbsthilfegruppen. Mit Schulungen und Kursen in Hörtraining, Hörtaktik, Kommunikationstraining und LGB gibt es zwar gute Ansätze im Vox-Verband und in der Planung des ÖSB, ein flächendeckendes Anbot werden wir aber, auch wenn sich der ÖSB zur Zeit massiv für Förderungen einsetzt, noch lange nicht erreichen können.

Jede Lösung eines Problems ist nur dann möglich, wenn das Problem erkannt und akzeptiert wird, das ist die wesentlichste Voraussetzung. Dann erst kann man lernen damit umzugehen, nach technischen und menschlichen Lösungen suchen und diese auch annehmen.

Das klammheimlich vertuschte und verschwiegene Hörgerät im Ohr ist von daher gesehen keine Lösung, es verhindert und verlangsamt in vielen Fällen sogar die Problemlösung. Das Ganze klingt so, als ob man das Schwierige-Hören mit dem Nicht-Sehen zu vertuschen versuchen möchte. Schwerhörigkeit wird aber in der Kommunikation selbst bemerkt und ist nicht davon abhängig, ob man das Hörgerät sieht oder nicht. Da haut man sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst „um’s Ohr“. Noch dazu müssen wir eindeutig festhalten, dass Im-Ohr-Geräte zwar durchaus für manche tauglich sein mögen, im Großen und Ganzen aber technisch und praktisch den Hinter-dem-Ohr Geräten nachhinken. Ich nenne da nur: Reinigung, schwieriger Ersatz bei Reparatur, vielfach ohne Induktionsspule und immer ohne die Möglichkeit eines Audioanschlusses. Somit schließt man Menschen mit Im-Ohr-Geräten von großartigen zusätzlichen Hörhilfsmittel aus. Ob diese auch später damit einverstanden sind?

Ich frage mich, werden die betroffenen Menschen wirklich auf das alles hingewiesen? Spielt man hier mit offenen Karten? Oder geht es nur um das Geld? Gutes Hören soll und darf man sehen, der Betroffene zeigt hiermit seinem Gesprächspartner, dass er schwerhörig ist und kann dadurch schon oft von vornherein eine Kommunikation erleichtern. Kein Hörgerät dieser Welt kann das ursprüngliche Gehör wieder herstellen, das Problem liegt daran, dass wir alle, Öffentlichkeit, Betroffene und Hörgeräte-Akustik, die Schwerhörigkeit als gesamtmenschliches Problem nicht anerkennen und daher auch noch soweit von Lösungen entfernt sind.

Nicht-Sehen heißt noch lange nicht, dass es etwas nicht gibt. Zwar ein typisches Verhalten unserer visuell orientierten Welt, aber ebenso falsch. Und mit den vielen unsichtbaren Hörgeräten in Österreich wurde letzten Endes nichts verbessert, denn auch bei uns besitzen nur ca. 15% der Betroffenen Hörgeräte und nur die Hälfte davon verwendet sie auch regelmäßig.

Also scheint an diesem Weg nichts Besonderes zu sein, und wenn … dann rege ich an auch den unsichtbaren Rollstuhl, die unsichtbare Lesebrille, die unsichtbare Beinprothese zu erfinden, denn dann gibt es auch diese Behinderungen endlich nicht mehr.

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