Was die Färöer schaffen, ist in Österreich nicht möglich?

Ein Kommentar zur Situation bei Fußballübertragungen aus der Sicht blinder Menschen.

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BIZEPS

Am Samstag, den 11.10.2008, spielt die österreichische Fußballnationalmannschaft auswärts gegen die Färöerinseln. Ob die Aufgabe sportlich schaffbar ist, sei an dieser Stelle nicht das Thema. Fakt ist, dass die Begegnung auf den Färöer von Radio 5Tarp in voller Länge übertragen wird. Wer will, kann ja während des Spieles unter mms://media.internet.fo/uf in die Übertragung reinhören.

ORF: Schweigen

In Österreich dagegen kann das Spiel lediglich im TV verfolgt werden. Bei der genannten Partie mag das nicht wirklich dramatisch sein. Wesentlich schlimmer empfand ich es bei der Partie gegen Frankreich, als Österreich sensationell gewann und ich als Blinder mich fürchterlich darüber ärgerte, dass mir im TV durch das sekundenlange Schweigen des Reporters viel Information entging und im Radio keine nennenswerte Übertragung geboten wurde.

Daraufhin recherchierte ich im restlichen Europa und fand heraus, dass es so gut wie überall noch Vollübertragungen von Fußballspielen gibt. Wenn schon nicht im Radio, dann zumindest, wie beispielsweise in der Schweiz, im Internet über den Zusatzkanal „DRS 4 News“.

Gleich nach dem Spiel gegen Frankreich schrieb ich eine ausführliche Mail an ORF-Direktor Wrabetz und Radiodirektor Mietsche, in welcher ich die beiden darauf aufmerksam machte, dass blinden Fußballfans durch diese TV-Übertragungen viel Information entgeht, und es Radioübertragungen von Fußballspielen nicht nur auf den Färöer, sondern auch in Slowenien, Estland, Kroatien und einigen anderen Ländern gibt, die wesentlich kleiner als Österreich sind.

ORF antwortet

Von Radiodirektor Mietsche kam 10 Tage später eine Antwort, die alles andere als befriedigend war. Darin hieß es unter anderem:

„Wir bemühen uns, die Sportberichterstattung in Ö3 ständig, aber behutsam auszuweiten. Seit Juli gibt es in Ö3 wieder die einst sehr beliebte Sendung ‚Sport und Musik‘ (jeden Samstag ab 18 Uhr) mit Direkteinstiegen von der Fußball-Bundesliga. Die Reporter melden sich von allen Fußballspielen live, im Schnitt etwa alle 10 Minuten, auf alle Fälle aber dann, wenn ein Tor fällt (Einzige Ausnahme: Geisterfahrer oder Nachrichten). Die gleiche Art der Berichterstattung soll es auch bei Länderspielen geben. Damit, so denken wir, bieten wir den Fußballfans in Österreich eine topaktuelle Information, die es in dieser Qualität anderswo nicht gibt. Wenn Sie das Sportangebot der Privatradiosender in Österreich mit jenem von Ö3 vergleichen, dann ist der Slogan ‚Ö3 – das Sportradio‘ sehr wohl gerechtfertigt.“

ORF-Behauptungen nicht korrekt

Diese Behauptungen sind definitiv nicht korrekt! Begründung: Der ORF kann nur deswegen mehr Berichterstattung als Privatsender bieten, weil er ihnen in aller Härte die Rechte abgekauft, und ihnen sogar Interviews nach den Spielen ausdrücklich verboten hat.

Weiters gab es bei der Euro das private Fanradio, bei welchem von JEDEM Eurospiel zumindest 80 Minuten live berichtet wurde.

Beispiel Deutschland

Auch die Behauptung, dass es sich in anderen Ländern ausschließlich um Wortprogramme handelt, ist nicht haltbar. Die deutsche Bundesliga wird unter anderem von Bayern 1 und WDR 2 übertragen. Beide Sender sind normalerweise Musikradios, wobei sich WDR 2 kaum von Ö3 unterscheidet. Auch das in Bulgarien Fußball übertragende „Darik Radio“ ist keineswegs ein reines Wortprogramm. Auf meinen Vorschlag, wenigstens wie in der Schweiz im Internet einen Livestream mit einer Übertragung anzubieten, wurde von Mietsche nicht einmal eingegangen!

Dass Mietsche nicht bereit ist große Veränderungen an den Sendeschemen von Ö3 vorzunehmen, ist verständlich. Schließlich handelt es sich hierbei um die „Cashcow“ des ORF. Dass jedoch keine Bereitschaft existiert auf einen anderen Sender auszuweichen, oder wenigstens einen Livestream anzubieten, ist nicht akzeptabel, zumal blinde ORF-Kunden die volle GIS zahlen und schon deshalb einen Anspruch auf ein möglichst gleichwertiges Informationsangebot haben!

ORF hat kein Verständnis

Es ist bedauerlich, dass gerade Mietsche kein Verständnis für dieses Problem aufbringen kann. Schließlich kommt er vom Landesstudio Kärnten, dessen im Radio ausgestrahltes Eishockeymagazin schon seit Jahren einen Kultstatus und, wie Befragungen während der Sendung zeigten, auf der ganzen Welt Hörer hat, welche über das Internet die Eishockeyspiele der Kärntner Vereine verfolgen. Die Einführung von Radioübertragungen könnte also nicht nur blinden Menschen nutzen.

Es hat ja beispielsweise auch die Bundesligakonferenz der ARD wesentlich mehr Zuhörer, als die abendliche Sportschau im Fernsehen Zuschauer vorweisen kann. Konkret: Bundesligakonferenz durchschnittlich 9 Millionen Zuhörer. Sportschau durchschnittlich 5 Millionen Zuschauer.

Da der ORF offensichtlich nicht bereit ist, etwas an diesen Missständen zu ändern, wird es wohl wieder zu einem Schlichtungsverfahren kommen.

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0 Kommentare

  • Der ORF ist und bleibt nur der ORF. Wen wundert´s, daß die etwas NICHT zusammenbringen … Der riesige Beamtenapparat des ORF ist auch sein finanzieller Ruin, der hoffentlich nicht mehr so lange auf sich warten läßt. Dann werden viele Frequenzen frei und es kommen zeitgemäße Sender. Es kann nur besser werden.

  • Sehr geehrter Herr Ertl! Bei aller Wertschätzung für Ihr Engagement im Bereich „Design for all“ ist es nicht akzeptabel, dass Sie behinderten Menschen vorgeben wollen, welche Diskriminierungen wichtig und daher ein Schlichtungsverfahren wert sind und welche nicht. Gleichstellung heißt gleichberechtigten und gleichwertigen Zugang zu Angeboten in ALLEN Lebensbereichen und allein die Betroffenen können entscheiden was für sie wichtig ist. Wenn Sie mit blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen reden, werden Sie feststellen, dass die gleichwertige Teilhabe an Sportereignissen keineswegs ein Randthema ist, genau sowenig wie Sport für die Menschen insgesamt ein Randthema ist.

  • Sehr geehrter Herr Ertl, Danke für Ihren Kommentar. Hier kann ich leider nicht mitreden, weil mir im Bezug auf „Design for all“ für blinde in Gebäuden jedes Grundwissen fehlt.

  • Ist sicher ein Problem – wenn ich aber daran denke welche Probleme es bei öffentlichen Gebäuden mit der Auslegung von „design for all“ mit modernen Architekten gibt, die noch immer nicht einsehen wollen dass Farbe, Farbkontrast und tastbarer Kontrast für die Orientierung blinder und sehbehinderter Menschen unbedingt erfoderlich sind, schätze ich das dieses Problem doch relativ weit in den Hintergrund rückt. Schglichtungsverfahren sollten für wirklich wichtige Problemlösungen aufgehoben werden …

  • warum die eu oder unsere politiker nicht einschreitet ist mir schleierhaft.