„Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“ Es fehlt an allem bei der Inklusion.

Diakonie fordert bei einer Pressekonferenz am 28. März 2024 einen konkreten Maßnahmenplan für Inklusion in Kindergarten, Schule und Ausbildung

Behindertes Mädchen wird von Schulassistentin unterstützt
Diakonie gGmbH / Nadja-Meister

Wie steht es um die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen im Bildungsbereich in Österreich? „Die traurige Wahrheit ist: Wir wissen es nicht. Es gibt keine Daten“, klagt Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser.

„Wir wissen nicht, wie viele Kinder mit Behinderungen in Österreich auf einen inklusiven Kindergartenplatz warten. Wir wissen nicht, wie viele der rund 7.000 Kleinkinder-Betreuungseinrichtungen und Kindergärten Integrations- oder Inklusionsplätze anbieten. Wir wissen nicht, wie viele Schüler:innen in Sonderschulen Schulabschlüsse schaffen und wie viele Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die in inklusive Klassen gegangen sind, Schulabschlüsse schaffen. Wir wissen nicht, wie sich der sonderpädagogische Förderbedarf auf die berufliche Karriere auswirkt. Es gibt keine verfügbaren Zahlen und Fakten“, zählt Moser bei der Pressekonferenz auf.

Inklusionspädagogin Maria Köck, Diakonie-Direktorin Maria Katharina Moser und Franz Greisberger ist Direktor des inklusiven Montessori Oberstufen Gymnasiums am Podium
Diakonie gGmbH

Belastbare Daten, Zahlen und Fakten wären aber Voraussetzung für einen vernünftigen Maßnahmenplan. Und dass es einen solchen nicht gibt, lässt tief blicken.

Es sehe so aus, als sei die Bildung von Kindern mit Behinderungen schlicht nicht von politischem Interesse. „Man will es nicht wissen. Eine Vogel-Straus-Politik. Kopf in den Sand“, bringt es Moser auf den Punkt.

Auch der Fachausschuss, der die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geprüft hat, hat bereits eingemahnt, dass umfassende Daten zur inklusiven und segregierenden Bildung aller Kindern mit Behinderungen erhoben werden.

Und derselbe Fachausschuss hat Österreich ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt: Die österreichische Praxis wird als „mangelhaft“ bewertet. Sie stößt auf massive Kritik wegen „eklatanter Versäumnisse seitens der Politik“, so der Ausschuss in einer Aussendung.

Nationaler Aktionsplan: mehr Rückschritte als sinnvolle Strategien

Als Diakonie kritisieren wir seit längerem: Der Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention enthält im Kapitel zur Bildung mehr Rückschritte als sinnvolle Strategien für die Zukunft. „Kindern mit Behinderungen werden ihre gleichen Chancen vorenthalten“, so Moser.

Ein Blick nach Deutschland zeigt: Schülerinnen und Schüler mit Unterstützungsbedarf erreichen an Sonderschulen seltener mindestens einen Hauptschulabschluss als an Regelschulen, wo alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Nur 28% der Kinder in Sonderschulen erreichen einen Abschluss, an Regelschulen sind es 46%. In Österreich fehlen uns diese Zahlen.

Ein Schulabschluss ist entscheidend für spätere Lebenschancen, insbesondere für Chancen am Arbeitsmarkt, und muss ein primäres pädagogisches und bildungspolitisches Ziel sein.
Österreich schaut weg. Die Politik schaut weg.

„Wir als Diakonie schauen hin“, betont Moser und weiter: „Soweit das unter den gegebenen miserablen Bedingungen möglich ist, ermöglichen wir Kindern mit Behinderungen in einigen unserer Bildungseinrichtungen in Österreich inklusive Bildung vom Kindergarten bis zur Oberstufe. Unser Wissen kommt aus der konkreten Praxis.“

Maria Köck, Inklusionspädagogin und Mobile Entwicklungsbegleiterin in den Kindergärten der Diakonie Bildung in Wien fordert „für die Kleinsten im Bildungssystem umgehend ein verpflichtendes Kindergartenjahr auch für Kinder mit Behinderungen. Damit wäre die öffentliche Hand auch in der Pflicht, die fehlenden Plätze zu schaffen“.

Außerdem sei es dringend nötig, bürokratische Hürden abzubauen, damit auch private Kindergarten-Träger inklusive Gruppen eröffnen können. Und als drittes brauche es jetzt einen „Ausbau des Ausbildungsangebots für inklusive Elementarpädagog:innen. Derzeit gibt es mehr Interessent:innen, als Ausbildungs-Plätze. Und das sagt ja eigentlich alles“, so Maria Köck.

Franz Greisberger ist Direktor des inklusiven Montessori Oberstufen Gymnasiums der Diakonie in Salzburg. Die Schule ist eine von zwei Schulen, in denen die Diakonie Inklusion in der Oberstufe ermöglicht. „In Salzburg läuft das in Form eines Schulversuchs, der dringend auf seine Überführung ins Regelschulwesen wartet, damit wir gesichert weitermachen können“, so Greisberger.

In Österreich endet das Recht auf einen Schulplatz mit der Schulpflicht. Damit fallen Jugendliche mit Behinderungen aus dem Schulsystem. Die Diakonie fordert daher einen Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr. Es bedarf einer Änderung des Schulunterrichtsgesetzes, damit dieses Recht für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf verankert ist.

Die Forderungen der Diakonie zusammengefasst

Die Diakonie-Direktorin Moser fasst die Forderungen zusammen und sagt:

Was es braucht, ist ein inklusives Bildungssystem für alle Kinder und Jugendlichen von der Elementarpädagogik bis zur Hochschule.

Kein Parallelsystem, kein Sonderschulsystem, sondern ein inklusives Bildungssystem für alle, in denen Kinder mit Behinderungen die Förderung und Betreuung bekommen, die sie brauchen.

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Ein Kommentar

  • Das ist auch eine langjährige Forderung der österr. Selbstbestimmt-Leben-Bewegung!