Werden Interessen behinderter Frauen in Interessenvertretungen ausreichend mitvertreten?

Diese Frage habe ich mir selbst, und dann als eine, die als nichtbehinderte Frau eine Außensicht einnimmt, auch den angeführten Vertreterinnen verschiedener Organisationen der Behindertenbewegungen gestellt.

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Chlebecek, Mag. Elisabeth

Dieser Text dokumentiert eine von dichten Arbeitsalltagen immer wieder unterbrochene Diskussion, die fortzusetzen ist. Die einzelnen Statements sind als Fragmente dieser Diskussion zu sehen, nicht immer als unmittelbar aufeinander folgende Bezugnahmen.

Was ich zur Diskussion stellen möchte, ist (m)eine Sicht zum Phänomen, dass Frauen mit Behinderung/en in Österreich kaum feministische oder auch frauenspezifische Gruppierungen bilden. Mir scheint, dass etliche Interessenvertretungen von Personen mit Behinderung/en durch eine paritätische Grundhaltung gekennzeichnet sind. Womit gemeint ist: Frauen mit Behinderung/en sind innerhalb der (Selbst)Organisationen stark positioniert, oft Gründungsfrauen, Obfrauen usw.

Michaela Neubauer, Koordinatorin der Women First Gruppe für und von Frauen mit Lernschwierigkeiten, Mitarbeiterin des Vereins Ninlil: „Schwer abzuschätzen, ob sich die Frauen in den gemischten Gruppen gut vertreten können, aber ich glaub schon.“

Nach außen hin werden aber tendenziell geschlechts-unspezifische Forderungen vertreten, die Verbesserungen für alle Personen mit Behinderungen betreffen. Fallen dadurch feministische Forderungen, die Frauen/Mädchen mit Behinderung/en adressieren, unter den Tisch?

Mag.a Dorothea Brozek, Mitbegründerin und geschäftsführende Vorstandsfrau der Wiener Assistenz Genossenschaft: „Frauen mit Behinderungen kämpfen nach wie vor mit der Ignoranz der Normgesellschaft, überhaupt als geschlechtsexistent wahrgenommen zu werden. Die geschlechtliche Sozialisation von Frauen/Mädchen mit Behinderung/en findet oft über die Konfrontation mit Sexismen statt.“

Mag.a Tamara Grundstein, Fachliche Leitung des Zentrums für Kompetenzen – Beratungsstelle für behinderte Menschen: „Mein Eindruck von der (österreichischen) Behindertenbewegung ist der, dass es zwar einzelne starke Frauen gibt, aber dominiert wird die Szene von Männern. Was natürlich zur Folge hat, dass frauenspezifische Themen eher schwach vertreten werden. Oder, ganz absurd, von Männern vertreten werden.“

Diese Frage muss in Bezug gesetzt werden zur Entwicklung der Frauenbewegungen in Österreich. Die Nachkriegs-Frauenbewegungen haben etliches erreicht, auch wenn diese Errungenschaften permanent zu sichern und einzufordern sind: Abschaffung des Züchtigungsrechts an Ehefrauen, Erleichterungen im Scheidungsrecht, Initiativen zur Verbesserung der Arbeitssituationen, Etablierung autonomer feministischer Organisationen usw. Ich will das Recht auf Schwangerschaftsabbruch hier ebenfalls nennen, wohlwissend, dass die Diskussion dazu zwischen Frauen mit und ohne Behinderung/en erst stattfinden muss, wenn es Interesse an einer gemeinsamen, differenzierten, (feministischen?) Positionierung gibt. In der Geschichte der Frauenbewegungen der Nachkriegszeit sind Frauen mit Behinderung/en nicht mitgedacht worden. Diese Ausblendung wurde von jenen Bewegungen, die feministisch norm-bildend waren und sich Ressourcen im eigenen Interesse erkämpft haben, übernommen.

Dorothea Brozek: „Weil behinderte Menschen grundsätzlich, nach der Zeit der Vernichtung durch die Nationalsozialisten, in Ghettos weggesperrt wurden. Die ersten Behindertenvertretungen waren meines Wissens Kriegsopferverbände, deren gesetzliche Rahmenbedingungen noch heute andere (bessere) sind als die der anderen behinderten Personen.“

Erst in der letzten Zeit nehmen Initiativen zu, damit z.B. bauliche Barrieren der Zugänglichkeit zu Frauenräumen überwunden werden. Dass feministische Positionierungen innerhalb der Interessenvertretungen von Frauen und Männern mit Behinderung/en nicht aufscheinen, ist meines Erachtens auf dem Hintergrund zu sehen, dass Frauen mit Behinderung/en über lange Strecken auch innerhalb der Frauenbewegungen kaum Einfluss hatten. Diese Kränkung muss wohl vorne zu aufgearbeitet werden, wenn es denn ein gemeinsames Interesse gibt, frauenpolitisch etwas weiter zu bringen, das nicht Ausschlüsse fortsetzt.

Dorothea Brozek: „Frauen mit Behinderung brechen an sich schon jegliche Normierungen. Das sind gute Voraussetzungen, auch Geschlechtsnormierungen aufzuweichen.“

Dies könnte ein Hinweis auf eine Utopie von Gesellschaft sein, wo Unterschiede machtvoll positioniert sind. Im Hinblick darauf muss es wohl Alltagspraxis werden, Hierarchiesetzungen grundsätzlich zu reflektieren, auch jene innerhalb der gesellschaftspolitisch benachteiligten Gruppierungen. Nicht als Political-Correctness-Verordnung, sondern als Kultur des Zusammendenkens von differenten Erfahrungen. Damit kehre ich mit weiteren Frage wieder zur Eingangsdarstellung zurück. Was brauchen Frauen mit Behinderungen, um innerhalb ihrer Interessenvertretungen frauenpolitisch agieren zu können? Braucht es geschlechter-getrennte Interessenverbände?

Michaela Neubauer: „Die Themen und Anliegen der Frauen kommen meiner Meinung nach (in geschlechter-gemischten Gruppen, Anm.) zu kurz. Nicht alle, aber viele der Männer sind besitzergreifend. In den gemischten Selbstvertretungsgruppen sollte es eine Frau als Unterstützerin für Frauen, und einen Mann als Unterstützer für Männer geben. Wir haben das Recht, die eigene Wahl zu treffen. Die Frauen könnten sich gemeinsam stärken in der Politik, in der Behindertenbewegung oder auch die Leiterinnen von den Behinderteninstitutionen.“

genug ist. Das hat sehr viel mit den Diskriminierungsehrfahrungen behinderter Frauen zu tun, die sich stark von denen behinderter Männer unterscheiden, aber auch von denen nichtbehinderter Frauen! Daher ist für einen Emanzipationsprozess unumgänglich, dass behinderte Frauen über ihre Diskriminierungserfahrungen mit anderen behinderten Frauen reden, also das Angebot von Peer Counseling in Anspruch nehmen können.“

Ist gemeinsames Handeln mit bestehenden feministischen Initiativen und Organisationen zu diesem Zeitpunkt möglich? Erwünscht? Könnte die Geschichte der Versuche von gemeinsamem Handeln geschrieben werden? Der Geschichte des Scheiterns eine Gegengeschichte folgen?

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