„wertes unwertes Leben“

Ich bin 1960 in Linz geboren. Zu dieser Zeit war noch wenig die Rede von der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ein Kommentar.

Broschüre wertes unwertes Leben
BIZEPS

Soweit ich zurückdenken kann, verwendete man in meinem Umfeld das Sprichwort „bis zur Vergasung“.

Ich lernte „bis zur Vergasung“, ich half im Haushalt „bis zur Vergasung“ und ich spielte „bis zur Vergasung“. Dieser Spruch bekam keine negative Wertung und wurde von mir bedingungslos übernommen. Denn schließlich hatte ich ja Vertrauen zu den Menschen, von denen der Spruch ausgesprochen wurde, wie Mutter, Vater und Großmutter.

Später in Wien beschimpfte mich eine Nachbarin im Haus mit „es g’hearts jo vergast, es oarbeitsloses behindertes G’sindl!“ Das war ungefähr 1990, eine Zeit, in der man meinen möchte, es sei schon einiges geschehen an Aufarbeitung. Zumindest hinsichtlich der Opfer der Verbrechen.

Ich frage mich, was wäre gewesen, wenn …

Mein Großvater war in der Waffen-SS (Totenkopfgarde) und der beste Freund von Ernst Kaltenbrunner, der beim Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt wurde. Sein schwer sehbehinderter Sohn wurde zur Adoption frei gegeben. Klar, mit der Gesinnung zu der Zeit konnte der behinderte Sohn nicht in der Familie bleiben, aber töten wollte man ihn nicht. Also gab man ihn in eine honorige Familie, damit beide Leben gesichert waren.

In meiner Erinnerung wollte meine Großmutter auch nie über den Großvater und die SS sprechen. Seit Juli 1944 gilt er als vermisst. Internen Nachrichten zufolge wurde er in Russland von Widerstandskämpfern aufgehängt. Ein Nazi, ein Mörder. Ich wuchs mit arisierten Bauernkästen und Teppichen auf. Ich verbrachte jeden Sommer in der arisierten Badehütte an der Donau.

Es ist ein schweres Erbe, einen SS-Mörder als Großvater zu haben. Ich will nicht in so eine Familie in der zweiten Generation hineingeboren sein. In der ersten war man mit dem Wiederaufbau beschäftigt und hatte keine Gedanken an dieses Faktum zu verschwenden. Man sprach nur davon, wie schlimm der Krieg als Kind war.

Mittlerweile hat die Aufarbeitung einen kontinuierlichen Fortschritt gemacht, insbesondere bei den Nachkommen der Opfer in zweiter Generation.

Ich habe keine Schuld daran, dass mein Großvater ein SS-Mörder war. Was ist mit der Aufarbeitung bei den Nachkommen der Täter in zweiter Generation? Wertes unwertes Leben. Hätte ich damals als schwerbehinderte Frau mit einem Totenkopfgarden-Großvater gelebt, dann …

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0 Kommentare

  • Fortschritt? In der Aufarbeitung? Wenn es heißt, dass darüber geredet wird, dann ja. Sonst nein. Ich bin der Meinung, dass eher Rückschritte gemacht werden. Das fängt schon damit an, dass heute technisch viel mehr möglich ist als damals, es jedoch kein Problem ist, wenn Behinderte aus Kostengründen ausgeschlossen werden. Ein anderes Kapitel ist die Entmenschlichung vor der Geburt, die bei vermuteten Behinderungen umso spürbarer wird. Heute werden sie nicht vergast. Aber weiterhin selektiert.