Wider der Gewalt

Im Auftrag der Frauenministerin wurde die Untersuchung von Aiha Zemp und Erika Pircher 1995 durchgeführt.

Im Rahmen einer Fachtagung zur sexuellen Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung wurde am 27. September 1996 der Öffentlichkeit zu diesem Thema eine Studie „Weil das alles weh tut mit Gewalt. Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung.“ vorgestellt.

Die Ergebnisse verweisen auf ein Phänomen ungeheuren Ausmaßes, das Handeln auf den verschiedensten Ebenen erfordert. Das Verständnis der sexuellen Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung ist geprägt durch die schizophrene Einstellung der Gesellschaft gegenüber der Sexualität von Menschen mit Behinderung.

Einerseits wird ihnen nach wie vor Sexualität abgesprochen: das aktive Ausleben von Sexualität wird auch heute noch durch institutionelle Rahmenbedin-gungen aktiv verhindert oder durch das Betreuungspersonal explizit verboten. Andererseits werden aber Menschen mit körperlicher als auch geistiger Behinderung in Familien, Heimen, Praxen von ÄrztInnen, in der Orthopädie, auf dem Schulweg, in der Physiotherapie usw. sexuell ausgebeutet.

Sexuelle Ausbeutung reicht von der Belästigung (u. a. despektierliche Bemerkungen über den Körper etc.) bis hin zur sexuellen Gewalt (Berühren von Geschlechtsorganen, erzwungener Geschlechtsverkehr etc.).

Zentral dabei ist das Ausnutzen des Abhängigkeitsverhältnisses eines Erwachsenen oder älteren Jugendlichen bei einem physisch, psychisch und/oder geistig abhängigen Menschen, der aufgrund seiner emotionalen, intellektuellen oder physischen Entwicklung nicht in der Lage ist, dieser sexuellen Handlung informiert und frei zuzustimmen.

Menschen mit Behinderung leben durch den oft weitgehend fremdbestimmten Alltag, durch ihre Abhängigkeit, durch mangelnde Artikulationsmöglichkeiten und das Vorurteil der Unglaubwürdigkeit geradezu in einem äußerst täterfreundlichen Umfeld. Aussagen von vergewaltigten Frauen mit Behinderung werden allzu oft als Phantastereien mit diskriminierenden Behauptungen (z. B. „so eine würde ohnehin keiner nehmen“) abgetan.

Das passiert in einer Gesellschaft, wo sexuelle Gewaltdelikte nach wie vor als Kavaliersdelikt gehandelt werden. Daher ist es auch nicht erstaunlich, daß Frauen mit Behinderung in einer Statistik über Vergewaltigungsopfer nicht aufscheinen.

Wie wenig bisher zum Thema der sexuellen Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung geforscht wurde, ist enorm. Die Studie von Zemp und Pircher ist in vielfacher Hinsicht neuartig. Weltweit konnten erstmals Daten zur Gewalterfahrung an Frauen mit Lern-/geistiger und körperlicher Behinderung gewonnen werden. Insbesondere Frauen mit gei-stiger Behinderung waren aus bisherigen Untersuchungen in Einrichtungen, in denen Frauen mit Behinderung leben, ausgenommen. Bislang war es noch keinen WissenschafterInnenteam gelungen, zu diesem Thema in Einrichtungen zu forschen. Dieser Zugang brachte ganz neue Erkenntnisse.

Für die Studie wurden insgesamt 130 Frauen mit Behinderung befragt, die in österreichischen Einrichtungen leben. Es konnten u. a. Informationen zur Sexualaufklärung, sexuellen Belästigung, sexuellen Gewalt, TäterInnen, psychischen und physischen Folgen gewonnen werden. Auch die Gerichtspraxis und die Gesetzgebung in Bezug auf das vorliegende Thema wurden untersucht.

Bezogen auf die gültigen Antworten sind 63,7 % der Frauen von sexueller Gewalt betroffen. Die Frage, ob sie, „ohne daß sie es wollten, irgendeine Form von Geschlechtsverkehr gehabt haben oder dies versucht wurde“, haben 26, 2 % mit „ja“ beantwortet, d.h. jede vierte Frau mit Behinderung wurde in ihrem Leben einmal oder mehrmals vergewaltigt. In

45 % der Fälle geben die Frauen an, eine der genannten Formen von Gewalt mehrmals erfahren zu haben.

In 36,1 % der Fälle wird Frauen in der Einrichtung sexuelle Gewalt zugefügt; geringfügig weniger Fälle, 35, 5 % tragen sich außerhalb der Einrichtung zu.

18,8 % der betroffenen Frauen erfahren die Gewalt zu Hause, entweder in der Familie oder wenn sie alleine wohnen, bei sich.

Täter und Täterinnen befinden sich im gesamten Umfeld, in dem die Frauen aufwachsen, leben und arbeiten. Behinderte Mitbewohner als Täter stehen in der Studie an dritter Stelle. Diese Tatsache hat in den betreffenden Einrichtungen große Ratlosigkeit auslöst und es wurde nach den Gründen dieser Tatsache gesucht. Für den Umgang mit diesen Tätern sahen die Heimleitungen keine effektiven und praktikablen Lösungsmöglichkeiten. Auch in der internationalen Literatur ist zu diesem Thema nichts zu finden. So wurden die For-scherinnen gebeten, dieser Fragestellung in Form einer entsprechenden Nachfolgestudie nachzugehen. (Auszug des Arbeitspapiers von Ahia Zemp und Erika Pircher anläßlich der Tagung am 27.9.1996)

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