Wien: Tastbare Bodenleitstreifen auf U-Bahnsteigen

Für blinde und sehbehinderte Fahrgäste war bis vor kurzem das Benützen der Wiener U-Bahn zwar prinzipiell möglich, jedoch mit erheblichen Gefahren verbunden.

Erstes Blindenleitliniensystem in der U-Bahn Station Taubstummengasse
Stadt Wien

Während der Zugang zum Bahnsteig aufgrund bereits vorhandener tastbarer U-Bahn/Stationspläne, taktil beschrifteter Bedienungselemente in Liftanlagen und einem gezielten Mobilitätstraining kein nennenswertes Problem darstellt, ist die Orientierung auf den Bahnsteigen mit großen Risken verbunden.

So gibt es auf Mittelbahnsteigen, die sich zwischen 2 Gleisen befinden, kaum tast- oder hörbare Orientierungshilfen. Es kann daher sehr leicht geschehen, daß blinde Menschen die Orientierung verlieren, der Bahnsteigkante zu nahe kommen und auf die Gleise stürzen.

Blindenleitliniensystem
Votava

Seit 1990 sind daher blinde und sehende Experten (wie Joe Knoll, der Autor dieses Artikels, Anm.d.Red.) gemeinsam bemüht, eine sinnvolle Lösung dieses Problems zu finden, zu normieren und umzusetzen. Daraus resultierend gibt es mittlerweile die ÖNORM V 2102, die taktile Bodeninformationen beinhaltet und reglementiert.

Testanordnungen bzw. -versuche in den Stationsbereichen U1 „Taubstummengasse“ sowie U4 „Heiligenstadt“, die von den Wiener Linien bezahlt und mit einer repräsentativen Anzahl blinder und sehbehinderter Personen durchgeführt wurden, haben schließlich zum Ergebnis geführt, daß 7 bis 9,3 cm breite 3 mm hohe und im Abstand von 3 cm nebeneinander verlegte tastbare Linien einen gut mit den Füßen und dem Stock spürbaren Kontrast zum glatten Untergrund, also einen Leitstreifen ergeben, der in ca. 1,80 m Entfernung zur Bahnsteigkante längs des Perrons aufgebracht wird. Die mit Noppenfeldern angezeigten taktilen Querverbindungen signalisieren den Weg zu den Stiegen, Rolltreppen und Aufzügen bzw. die Bahnsteigmitte.

Trotz einer intensiven Verzögerungspolitik des Fachreferates für Behindertengerechtes Bauen der Stadt Wien, das schließlich vom Entscheidungsprozeß glücklicherweise ausgeklammert werden konnte, wurden bereits eine Vielzahl der Wiener U-Bahn/Bahnsteige mit diesem, Station für Station von blinden und sehbehinderten Experten vorher approbierten Leitsystem ausgestattet.

Darüberhinaus werden die Leitstreifen auch in großräumigen und damit für blinde Menschen komplizierten Zwischengeschossen installiert, ein begrüßenswertes Orientierungsservice der Wiener Linien, ohne deren kooperative und ideenreiche Mitarbeiter Ing. Krpata und Ing. Ertl dieses europaweit einzigartige Projekt kaum zustandegekommen wäre.

Erwähnenswert ist noch, daß aufgrund der unterschiedlichen Bodenverhältnisse auch unterschiedliche Methoden zur Aufbringung des tastbaren Leitsystems zur Anwendung gelangen. So werden die Leitstreifen bei Gußasphaltböden in Form von Kaltplastik bzw. Bodenmarkierungsfarbe aufgetragen, während bei Steinböden das taktile Muster mit einer Maschine kostengünstig eingefräst oder – bei Stationsneubauten – mit entsprechenden Rillensteinen erzeugt wird. Für strukturierte Böden z. B. in Otto-Wagner-Stationen gibt es leider noch keine probate Lösung.

Spätestens Ende 1999 werden sämtliche U-Bahnstationen mit glattem Gußasphalt- und Steinböden über tastbare Leitstreifen für blinde Fahrgäste verfügen, ein bereits in greifbare Nähe gerücktes Ziel!

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