„Wir haben den Beginn einer Bewegung“

Interview mit Martin Ladstätter und Manfred Srb vom Wiener Zentrum für Selbstbestimmtes Leben - BIZEPS. Das Interview führten Jörg Fretter und Thomas Schmidt.

Logo Zeitschrift Die Randschau
Die Randschau

BIZEPS klingt stark. Und tatsächlich spielt der Name des Wiener ZSL selbstironisch auf seine Herkunft aus der österreichischen Gesellschaft für Muskelkranke an. Wir wollten mehr wissen und sprachen mit den BIZEPS-Mitarbeitern Martin Ladstätter und Manfred Srb (letzterer auch bekannt aus seiner Tätigkeit als Parlamentsabgeordneter) über das Zentrum als solches und Behindertenpolitik in Österreich allgemein.

Die Randschau: Fangen wir mit der Entstehungsgeschichte an: Wie ist BIZEPS entstanden?

Martin: BIZEPS ist im Herbst 1990 aus einer Selbsterfahrungsgruppe entstanden, und zwar im Rahmen der österreichischen Gesellschaft für Muskelkranke. Da haben sich ein paar Leute zusammengetan und haben gesagt, wir wollen eine Selbsterfahrungsgruppe machen. Diese Gruppe hat recht gut funktioniert und nach einiger Zeit haben wir gesagt. Jede und jeder von uns hat Erfahrungen und die sollten wir sammeln.

Also die Informationen bündeln. Im Frühjahr 1992 haben wir uns einen kleinen Raum gesucht und haben das Behinderten-Informationszentrum gegründet und haben uns immer mehr und mehr zu einer offenen Gruppe umfunktioniert. Chronologisch gesagt: ‚Im Frühjahr 1994 Siel wir ein Zentrum für selbstbestimmtes Leben geworden, nach den Kriterien, die bekannt sind. Das ist nur ein ganz kurzer Abriß. Irgendwann zwischen 1990 und 1992 haben wir uns geöffnet und natürlich – infolgedessen – von der Muskelgesellschaft gelöst. Wir sind natürlich auch ein eigener Verein.

Die Randschau: Wie viele Mitarbeiterinnen arbeiten im BIZEPS mit?

Martin: Regelmäßig vier im Büro, zu dem Kreis der mittelmäßig engagierten Mitarbeiterinnen würde ich etwa ein Dutzend zählen. Arbeitsgruppen (zu Mobilität, Kultur, Gleichstellung, Selbstbestimmt Leben, etc.) nicht mit eingerechnet.

Die Randschau: Wie sehen Eure Entscheidungsstrukturen aus?

Martin: Die Arbeit des BIZEPS bestimmt im Verein der Vorstand. Konkret sind bei uns sechs behinderte Menschen in Vorstand, vier Frauen, zwei Männer. Der Mehrheitsbeschluß zeigt die Richtung des Zentrums an.

Manfred: Aber jetzt real gesehen, bestimmen letztlich die politischen Rahmenbedingungen, ’sowie aktuelle Entwicklungen, die Arbeit des BIZEPS. Aber auch die behinderten Menschen, die als Kundinnen an uns herantreten und sagen, wir brauchen Eure Hilfe und Unterstützung, wir wollen was von Euch, sind in der alltäglichen Arbeit sehr entscheidend.

Die Randschau: In welchen Bereichen bietet BIZEPS Unterstützung an?

Manfred: Der große Schwerpunkt ist der Bereich, den man als selbstbestimmt Leben bezeichnen könnte. D.h. behinderte Menschen, schwerer behinderte Menschen kommen zu uns, weil sie Probleme haben mit ihrer Lebensgestaltung, Sie brauchen Hilfe, bekommen die nicht in dem Ausmaß, wie sie sie benötigen von den Menschen, von denen sie sie haben wollen und wenden sich an uns. Da geht es um Beratung, von einer schlechten Pflegegeldeinstufung bis: Wie bekomme ich persönliche Assistenz, was muß ich machen, usw.. Om Jahr 1993 ist bei uns die Pflegevorsorge in Kraft getreten, in diesem Zusammenhang gibt es sehr viele Unklarheiten und dementsprechend viele Hilferufe, Das ist der große Schwerpunkt in der Beratungsarbeit. Weiterhin geht es um Fragen, wie komme ich zu einer Wohnung, berufliche Probleme, usw.

Martin: Es ist auch nicht ganz so einfach, die Frage, was macht Ihr schwerpunktmäßig, zu beantworten: Ich glaube, die große Überschrift „selbstbestimmt Leben“ ist ziemlich passend, aber wir schränken uns da nicht auf irgendwelche Teilbereiche ein, weil in der Beratung ist es ja meistens so, daß andere Themen mitkommen. Der Einstieg ist zwar meist irgendein Thema, aber dann kommt man in der Beratung drauf, dieses und jenes müßte auch behandelt werden.

Die Randschau: Bei so einem weiten Spektrum kommt es sicherlich häufig vor, daß Ihr auch überfordert seid. Daß auch Fragen an Euch herangetragen werden, die Ihr nicht beantworten könnt, habt Ihr da die Möglichkeit auf Fachleute (Juristen zum Beispiel) zurückgreifen zu können?

Manfred: Ja, das kommt immer wieder vor. Wenn wir was nicht wissen, dann sagen wir das und bitten um etwas Geduld und wir befragen uns dann. Sicher, wir können uns an Juristen wenden, wir kennen schon so ungefähr die Quellen, wo bekommen wir die Informationen her, Zum Beispiel über Freunde und Bekannte in den verschiedenen Ämtern …

Martin: Betroffene, die eigene Erfahrungen gemacht haben. Sicher ist es wichtig, bei einer seriösen Beratung auch zu erkennen, wo die eigenen Grenzen sind.

Manfred: An die stoßen wir auch immer wieder. Wir arbeiten mehrheitlich ehrenamtlich. Es gibt einen Werkvertrag, den die Annemarie (Srb, d. Red.) im Bereich persönliche Assistenz macht, und dann noch die Christine, die im Bereich Telefonrecherchen, im inhaltlich-administrativen Bereich uns hilft. Alles andere ist ehrenamtlich.

Die Randschau: Wie schafft Ihr es, die Ehrenamtlichkeit aufrechtzuerhalten? Die ehrenamtlich Tätigen müssen dann ja anders abgesichert sein?

Manfred: Wir sind in der glücklichen Lage, daß wir nicht abhängig sind von Ämtern und Behörden, die ja nicht unbedingt immer zu unseren Freunden Ahlen. Ich weiß diese Unabhängigkeit wirklich sehr zu schätzen, Weil in der Realität Abhängigkeiten das Handeln der Menschen oft bestimmen, ohne daß sie sich dessen bewußt sind oder dies auch verdrängen. Wir sind zum Glück nicht davon abhängig. Damit sind wir auch ein Stück freier und das merken die anderen auch, z.B. wenn wir im politischen Bereich agieren.

Die Randschau: Habt Ihr da nicht eine hohe Fluktuation an Personen? Es braucht ja schon immer eine lange Zeit sich einzuarbeiten. Und sicher ist der Zeitaufwand, den jecleR ins Projekt stecken kann, auch von der jeweiligen Lebensrealität abhängig und verändert sich sicher auch.

Martin: Wenn ich das jetzt die letzten Jahre über betrachte, würde ich sagen, der innere Kreis der Leute, die gut eingearbeitet sind, ändert sich sehr, sehr, sehr wenig. Der äußere Kreis, die so teilweise mitarbeiten, da gibt es Fluktuationen, die aber sehr gering sind, würde ich sagen. Die Leute sind zumindest ein Jahr dabei, das ist ein Zeitraum, der bringt der Organisation etwas, das bringt den Personen selbst aber auch etwas. Also das, ist, würde ich sagen, kein Problem für uns.

Manfred: Bis jetzt nicht. Das heißt ja natürlich nicht, daß dies in einem halben Jahr noch genauso ist. Unter Umständen haben wir dann genug, sind vielleicht ausgebrannt oder Wollen jetzt mal Distanz, das ist durchaus möglich. Zum Glück: Bis jetzt ist es noch nicht soweit und ich hoffe auch, daß es noch eine Zeit so geht.

Martin: Das heißt aber nicht, daß wir nicht auch eine Unmenge an Mitarbeiterinnen brauchen könnten.

Die Randschau: Versucht Ihr den Weg der weiteren Professionalisierung zu gehen, längerfristig Stellen zu schaffen und Arbeit zu bezahlen?

Manfred: Ich habe sehr große Schwierigkeiten mit dem Begriff Professionalität, weil da sehr viel Unsinn gequatscht wird in Österreich, ich weiß nicht, wie das bei euch in Deutschland ist. Im Hinblick auf bezahlte Stellen versuchen wir natürlich, von der öffentlichen Hand Geld zu bekommen. Das ist natürlich nicht leicht, wie Ihr ja selber von Deutschland wißt. Es gibt sehr starke Tendenzen, daß die Bundesebene sagt, das sollen die Länder finanzieren. Und das Land Wien sagt, das soll der Bund finanzieren. 


Wenn es nach uns ginge, wäre uns natürlich recht, wenn ein jeder, der bei uns mitarbeitet, das von der öffentlichen Hand bezahlt bekommen würde. Also, wir meinen, wir machen die Arbeit im Interesse der öffentlichen Hand, wir machen es für die Betroffenen, wir sind die Experten für die verschiedensten Bereiche, das können die Anderen teilweise garnicht anbieten, weil sie nicht unser Know-how haben. Weil sie eben Nichtbetroffene sind. Weil sie das eben nicht im Sinn der „Selbstbestimmt Leben“-Bewegung weitergebenkönnen. Nur die Anderen sind noch nicht ganz so weit, das auch zu.akzeptieren und umzusetzen. Das ist das kleine Problem, das wir noch haben.

Martin: Der Nachteil Deutschland gegenüber ist, daß wir derzeit noch das einzige Zentrum in Österreich sind. Andererseits ist es anscheinend attraktiv genug, daß Leute auch sagen, okay, ich mach es auch ohne Geld. Das ist aber sicher nur temporär möglich. Das kann keine Lebensgestaltung sein. Aber wir haben engagierte Leute im Moment.

Die Randschau: Wie ist die Frequentierung der Beratung?

Martin: Da haben wir Unmengen. Also den Ämtern gegenüber haben wir uns das herausgesucht und sind draufgekommen, wir haben also sechs bis sieben persönliche umfangreiche Beratungen wöchentlich im Büro. Die dauern dann auch über mehrere Stunden. Zwanzig telefonische Auskünfte, Beratungen, Informationen täglich. Vor kurzem haben wir eine andere statistische Zahl gefunden: Auf unseren neuen Telefonrechnungen steht nämlich drauf, wie viele Aktivgespräche man führt. Unsere Telefonrechnung weist aus, wir machen 1.300 Aktivgespräche in zwei Monaten. Das ist dann nur da, wo wir jemanden angerufen haben. Wir sind sicher kein klassischer Dienstleistungsbetrieb, der Mißstände mildert, wir wollen sie abschaffen. Und das ist einfach eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die wir auch wahrnehmen müssen.

Manfred: Der große Schwerpunkt ist jetzt die Anti-Diskriminierung und Gleichstellung, alles was damit zusammenhängt, Grundrechte für behinderte Menschen. Also der gesamte Bereich, bei dem bei Euch in Deutschland schon einiges gelaufen ist. Bei uns ist etwas weniger gelaufen bis jetzt. Z.B. mit dem Grundgesetz, das konnten wir nicht erreichen bis jetzt. Und es zeichnet sich auch in keinster Weise ab, so daß ich nicht weiß, ob wir das in absehbarer Zeit noch erreichen können. Aber natürlich heißt das nicht, daß wir das nicht anstreben.

Martin; Wir haben den Beginn einer Bewegung und wir haben im Parlament 48.000 und noch ein paar Unterschriften übergeben und sind optimistisch, daß sich sowas wie ein Bewußtsein aufbaut. Wir sind bei uns in Österreich im Augenblick noch in der Phase, Bewußtsein zu bilden. Bei uns wissen die behinderten Menschen noch nicht unbedingt, was sie unter Antidiskriminierung zu verstehen haben und warum man das eigentlich wollen sollte. Darum ist es Teil Unserer Aufgabe, erst einmal unsere Leute zu überzeugen, bevor wir dann andere überzeugen können.

Manfred: Wir müssen sozusagen selbst anfangen und das dann in einem permanenten kritischen solidarischen Dialog mit anderen Betroffenen und Engagierten nicht unmittelbar Betroffenen weiterentwickeln. Den Diskussionsprozeß anleiern und ausweiten, mit dem Ziel, daß es politisch tragfähig wird. Uns ist wirklich der Verdrängungsmechanismus sehr hinderlich, der ja sicher verständlich und lebensnotwendig ist, denn sonst könnte man sicher manche Dinge garnicht ertragen; auf der anderen Seite: Viele Dinge sind für mich schon so normal, daß sie mir gar nicht als Diskriminierung bewußt sind. Und ich denke, so geht es vielen von uns. Das ist jetzt auch die Phase, wo wir uns unserer mannigfaltigsten Diskriminierungen bewußter werden. Wenn wir das in den Prozeß einbringen, gibt uns das dann die notwendige Glaubwürdigkeit und die nötige Power, um das dann gemeinsam tragen zu können.

Die Randschau: Gibt es bei Euch sowas wie eine Zusammenarbeit mit anderen – ich sag mal – Bürgerrechtsbewegungen? Ich weiß nicht, ob es hier von anderer Seite auch Initiativen gibt für Anti-Diskriminierungsgesetze, z.B. Homosexueller, etc.?

Manfred: Wir sind dabei, diese Kontakte aufzubauen. Wir haben jetzt einmal in einer ersten Phase verschiedene Entwicklungen in der Öffentlichkeit, den Medien, etc. beobachtet, haben aber auch aufgrund unserer eingeschränkten Kapazitäten versucht, jetzt erstmal etwas im Behindertenbereich ins Laufen zu bekommen. Ich denke aber, einer der nächsten Schritte muß sein, daß wir versuchen, z.B. mit Freunden aus dem homosexuellen Bereich was zusammen zu machen: Frauenbewegung kann ich mir auch gut vorstellen …

Martin: Es gab mal eine Diskussion zum Benachteiligungsverbot der Frauen in der Verfassung. Wir haben kurz abtesten lassen, über unseren Arbeitskreis, ob wir uns da ranhängen können, sowas politisch möglich ist, was sich aber leider herausgestellt hat, daß das wohl nichts geben wird. Es gibt da schon grundsätzliche Überlegungen, die sind aber noch nicht in dem Stadium, daß man ganz intensiv zusammenarbeitet, so wie das der Manfred gesagt hat.

Manfred: Es schaut so aus, als würde da auch in der Verfassung nichts geändert werden. Der konservative Partner der Koalition, die österreichische Volkspartei, ist strikt dagegen und bei der sozialdemokratischen Partei sind ja im wesentlichen auch nur die Frauen, wenn auch nicht alle, dafür und die Männer kaum. Ich glaube die Lobby ist zu wenig stark dafür, um das erreichen zu können. Aber es ist jetzt mal eine Diskussion entstanden und das ist wichtig. Ich denke, wir müssen schauen, wo wir uns am besten andocken.

Die Randschau: Die Zusammenarbeit zwischen BIZEPS und anderen Initiativen im Behindertenbereich in Österreich: Ist das einzige Zentrum isoliert?

Martin: Es gibt auch in Österreich sowas wie eine Szene, über das Forum der Behinderten- und Krüppelinitiativen, das gibt es österreichweit, aber in den offiziellen Behindertenverbänden sind wir nicht eingebunden. Und das natürlich mit Absicht. Wir haben gesagt, es gibt bei uns nur eine Anbindung, nämlich die an ENIL (European Network an independent Living, d. Red.).

Manfred: Das wäre was adäquates, das ist ja dann auf supranationaler Ebene.

Martin: So viel gibt es in Österreich noch nicht, als daß man sagen kann: Dachverband „Selbstbestimmt Leben“ Österreich.

Manfred: Wir sehen uns einfach als kritisches Korrektiv im sogenannten Behindertenbereich. Wir sehen, was die Vereine machen, vor allem was sie nicht machen und ich sage, sie nehmen vierfach nicht unsere Interessen wahr, Vor allem dann, wenn es konkreter wird, wenn es um unsere Menschenrechte geht. Ich denke, da ist die Situation eine ähnliche wie in der Bundesrepublik. Es gibt da häufig die sehr kompromißbereite Haltung,

Martin: Zusammenfassend. Isoliert fühlen wir uns nicht. Wir lassen uns auch nicht vereinnahmen von irgendwelchen Behindertenverbänden, die nicht wirklich die Interessen behinderter Menschen vertreten.

Manfred: Wir sagen das dann aber auch, wenn es ganz konkrete Themenbereiche gibt, wo wir politisch aktiv werden, dann sagen wir auch, unsere Interessen werden von den etablierten Behindertenvereinen nicht vertreten. Das kann man dann natürlich auch benennen, denn es gibt auch ganz konkrete Feider.

Martin: Was ich gesagt habe, von den 48.000 Unterschriften, das war eine Aktion der Initiativen. Das haben wir im Forum erfunden. Also können wir uns nicht ganz isoliert fühlen.

Die Randschau: In Deutschland gibt es ja so eine Art Konkurrenzsituation in der unabhängigen Behindertenbewegung, etwa zwischen dem Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen einerseits und dem ISL-Spektrum andererseits.

Manfred: Ich glaub‘, das ist undogmatischer hier. Das ist nicht so. Außerdem sind es die gleichen Leute hier. Man kann ja sagen, Osterreich ist kleiner. Aber nein, ich weiß ja auch, daß es bei euch nicht so viele Aktivistinnen gibt in der Bürgerrechtsbewegung, und das ist ja bei Euch auch ein Problem.

Martin: Diese inhaltlichen Differenzen wie bei Euch kenne ich so bei uns nicht. Diese wirklichen inhaltlich differenzierten Positionen.

Manfred: Ich glaube, daß bei Euch, das ist vielleicht auch teilweise mentalitätsbedingt und durch die deutsche Entwicklung bestimmt, vielleicht manche Dinge dann mehr pointierter ausgesprochen und ausgetragen werden und mehr polarisiert wird. In Osterreich ist es ja so, daß man eher eine Scheu davor hat, klare Worte auszusprechen, und das trifft durchaus auch auf die Behindertenszene zu. Es wird wahnsinnig viel hinter unser beider Rücken gesprochen und sicher nicht immer das schmeichelhafteste. Nur, wir bekommen das nicht mit, oder wieder über drei, vier Ecken vielleicht verzerrt. Es ist blöd, daß die Leute nicht sagen, mich stört das an Euch, oder warum macht Ihr das so, wie kommt Ihr zu der Meinung oder auch einmal, das habt Ihr gut gemacht, das wär ja auch ganz schön. Es wird so gemauschelt.

Martin: Auseinandersetzungen gibt es ja zuhauf.

Manfred: Es gibt Auseinandersetzungen, nur werden die nicht einmal annähernd offen ausgetragen. Das finde ich bedauerlich.
Randschau: Könnt Ihr Beispiele nennen, was es so gibt an politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Szene, die man benennen kann? Oder geht es da mehr um so persönliche Geschichten?

Martin: Mehr persönliche. Also wirklich inhaltliche Punkte, wo die Leute total unterschiedlicher Meinung sind, da fällt mir nix ein. Oder?

Manfred: Na ja, vielleicht daß der eine sagt, wir sollten diesen Kurs politisch konsequenter machen, der andere sagt etwas weniger konsequent. Die Richtungen stimmen. Es geht mehr um verletzte Eitelkeiten, es geht um benachteiligt fühlen und zurückgewiesen fühlen. Also eigentlich sehr Menschliches. Es ist ja alles verständlich, macht aber die Arbeit nicht unbedingt leichter. Das macht uns eigentlich schwächer als wir eigentlich sein sollten und müßten.

Die Randschau: Wie kommt Ihr denn in den verschiedenen Bereichen zu gemeinsamen Positionen? Also wenn es nicht so eine inhaltliche Auseinandersetzung gibt?

Manfred: Wir reden von der autonomen Behinderten- und Krüppelszene im Wesentlichen.

Martin: Also man trifft sich zwei Mal im Jahr und es gibt das Telefon, das wird sehr stark genutzt.

Manfred: Aber man trifft sich auch zwischendurch immer wieder. Als Ergänzung auch noch: Einmal kommen wir Wiener mal raus in die Bundesländer, dann kommen aus den Bundesländern Leute nach Wien, es gibt da schon eine Menge Anknüpfungspunkte.
Mehr als zwei Dutzend sind es nicht, die man unter einen Hut bringen muß, oder auch die die halbwegs kontinuierlich untereinander in Kontakt sind.

Randschau: Ich würde gerne nochmal zurückkommen auf BIZEPS: Mich interessiert, ist das so ein Nebeneinander von politischer und Beratungsarbeit? Anders gefragt: Die Kundinnen, die hierherkommen, sind die mit dem „selbstbestimmt Leben“-Gedanken infiziert, oder könnt ihr die infizieren?

Martin: Wenn dem nicht so wäre, wären wir ein klassisches Behindertenberatungszentrum; es ist natürlich Teil unserer Philosophie, daß die Leute angesteckt werden von der „Selbstbestimmt-Leben“Bewegung. Schwierig ist es, ja? Aber als Ziel ist es natürlich bei jedem Gespräch dabei.

Manfred: Also es ist unterschiedlich. Es kommen wirklich schwerbehinderte Freundinnen und Freunde zu uns, denen das Wasser bis zum Hals steht, die existentielle Probleme haben, die womöglich von einer Heimeinweisung bedroht sind, da ist klar in diesen Situationen geht es um die Existenz und um ein halbwegs menschenwürdiges Überleben. Da ist nix drin ‚fürs Erste. Das heißt aber nicht, wenn die über einen längeren Zeitraum zu uns kommen, da bahnt sich das eine oder andere en. Wenn sich die Situation dann noch stabilisiert, daß die dann auch merken, aha, daß sie ein bißchen verschnaufen können und denken, Ihr macht ja doch eine gute Arbeit. Und wenn die dann auch diesen Widerstand, den wir ja auch ein Stück weit vermitteln, das Sich-wehren, das auch Erfolg haben wenn man sich wehrt, mitbekommen, haben wir sicher ein Potential.

Martin: Ich meine, wenn Du das Peer-Counseling ernst nimmst, ist dieses Infizieren mit „selbstbestimmt Leben“-Ideen impliziert. Das muß ja so sein, sonst wäre es ja kein Peer-Counseling.

Manfred: Auf der anderen Seite sind wieder Leute, die irgendwie ein kleines Problem haben und die die Zeit zum Atmen und Schauen haben, denen unsere Arbeit grundsätzlich gefällt und die dann sympathisieren und auch ein Stück weit – punktuell – mitarbeiten. Das gibt es auch, Für die andere Gruppe ist das ziemlich schwer, solange sich das für die nicht stabilisiert hat, hast Du da keine Chance.

Randschau: Gibt es bei Euch eigentlich eine Ausbildung zum Peer-Counselor?

Manfred: Na ja, die beiden Bruckners, die bei Euch in Deutschland wären, die waren jetzt auch bei uns in Salzburg. da haben wir jetzt mal die Basisausbildung gemacht und wir hoffen, daß sie nächstes Jahr wieder nach Österreich kommen können, um was Weiterführendes zu machen. Aber so von Österreich her Angebote, die gibt es bisher nicht.

Martin: Das erste Zentrum in Deutschland wurde 1982 gegründet, das erste in Österreich 1994 in Wien.

Randschau: Da geben wir Euch noch einmal zwölf Jahre.

Martin: Ich bin optimistisch genug zu sagen, wir schaffen es schneller. Der Andrang auf das Peer-Counseling-Seminar in Salzburg war so groß, daß wir nur die Hälfte der Leute nehmen konnten.

Randschau: In wieweit hat BIZEPS Kontakte zur parlamentarischen Politik – Stichwort GRÜNE, Deine Tätigkeit für die GRÜNEN früher, heute die von Theresia Haidlmayr? Wie läuft da die Zusammenarbeit bzw. der Informationsfluß? Und wie ist Euer Verhältnis zu den anderen Parteien?

Martin: Die Theresia ist eine aus unseren Reihen, sag ich mal, sie ist Mitglied des Forums und deswegen haben wir natürlich zu den GRÜNEN einen sehr guten Kontakt. Wir haben zu den anderen Parlamentsparteien einen unterschiedlich guten Kontakt, zu einer Partei absichtlich einen schlechten Kontakt.

Manfred: Wir haben einen großen Vorteil – unter „wir“ meine ich das BIZEPS, aber auch die autonome Behindertenbewegung – daß ich durch meine -Tätigkeit im Parlament recht gut die Mechanismen kenne und die internen .Informationen habe, die die anderen nicht haben können. Das kommt uns insgesamt zu Gute, vor allem BIZEPS, aber auch insgesamt der Bewegung.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Ein Kommentar