Wir sprechen Gebärden – Barrierefreie Bildung für Alle!

ÖGLB und VÖGS fordern zum internationalen Tag der Muttersprache am Dienstag 21.2. die Umsetzung des Menschenrechts auf bilingualen Unterricht für Bildung ohne Barrieren!

Ankündigungsplakat für den Flashmob 20120221
ÖGLB

Anlässlich des internationalen Tages der Muttersprache am Dienstag 21.2. fordert der Österreichische Gehörlosenbund (ÖGLB) und der Verein Österreichischer Gehörloser Studierender (VÖGS) die Umsetzung des Menschenrechts auf bilingualen Unterricht für Bildung ohne Barrieren! (siehe Bericht)

Für knapp 10.000 Menschen in Österreich ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) Mutter- bzw. Erstsprache. Das bestehende Bildungssystem nimmt keine Rücksicht: Das Menschenrecht gehörloser Menschen auf zweisprachigen Unterricht in Gebärdensprache und nationaler Sprache wird nach wie vor missachtet.

Recht auf bilinguale Bildung – Gebärdensprache im Unterricht

Die Österreichische Gebärdensprache ist seit 2005 als eigenständige Sprache in der Bundesverfassung verankert. Im Jahr 2008 ratifizierte Österreich die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Dennoch: Die sprachlichen und kulturellen Rechte gehörloser SchülerInnen und StudentInnen werden nicht respektiert. Die ÖGS wird nach wie vor nicht als Unterrichtssprache im Schulunterrichtsgesetz anerkannt und gefördert.

„Das Schulwesen für gehörlose Menschen in Österreich ist desolat“, so Mag.a Helene Jarmer, Präsidentin des ÖGLB. „Gehörlosenschulen müssen endlich in bilinguale Schulen umgewandelt werden, in denen gehörlose, schwerhörige und hörende Kinder gemeinsam von zwei LehrerInnen in der jeweiligen Muttersprache unterrichtet werden. Auch hörende SchülerInnen gewinnen mit der Gebärdensprache eine wertvolle Zusatzqualifikation.“

Bilinguale Frühförderung soll bereits im Kindergarten stattfinden. „Zweisprachigkeit ist die Grundvoraussetzung für die Chancengleichheit gehörloser Kinder und Jugendlicher und muss ehestmöglich in Erziehung und Ausbildung sichergestellt werden“, betont Mag.a Jarmer. „Deshalb sollen auch Eltern und Familienmitglieder Anspruch auf Finanzierung eines ÖGS-Kurses haben.“

Reformbedarf bei LehrerInnenausbildung

Reformwürdig ist auch die Ausbildung für das Lehrpersonal an Schulen für gehörlose und schwerhörige Menschen: Derzeit können LehrerInnen nach der allgemeinen pädagogischen Grundausbildung an Gehörlosenschulen unterrichten, ohne die Österreichische Gebärdensprache zu beherrschen. Gebärdensprachkompetenz für das spezielle Lehramt für Gehörlose muss erst in berufsbegleitenden Kursen erworben werden. Allerdings nur im Ausmaß von 70 Stunden und ohne ihre Kenntnisse bei einer Prüfung nachzuweisen.

„Das ist eine untragbare Situation. Eine Fremdsprache ist in so kurzer Zeit nicht zu erlernen“, beklagt Mag.a Jarmer vom ÖGLB, „Die Gebärdensprachkompetenz der LehrerInnen muss anerkannten Standards entsprechen und auch überprüft werden.“

Gehörlos erfolgreich studieren

Gehörlose Studierende stoßen in Österreich nach wie vor auf Barrieren, wenn sie sich weiterbilden und erfolgreich studieren wollen: Ohne ÖGS- und/oder SchriftdolmetscherInnen ist es gehörlosen und schwerhörigen Studierenden nicht möglich, der vortragenden Person in einer Lehrveranstaltung zu folgen. Zwar übernimmt der „Fond Soziales Wien“ einen Teil der Dolmetschkosten, damit ist aber lediglich eine Lehrveranstaltung pro Semester abgedeckt. Für zusätzliche Dolmetschleistungen müssen die Studierenden selbst aufkommen, was in den meisten Fällen nicht möglich ist.

„Wenn nur eine Lehrveranstaltung pro Semester absolviert werden kann, steigt die durchschnittliche Studiendauer von gehörlosen und schwerhörigen Studierenden auf über zehn Jahre“, beschreibt Florian Wibmer, Vorsitzender des VÖGS, die Situation. „Der VÖGS fordert daher eine österreichweit flächendeckende Institutionalisierung und Ausweitung des Projekts GESTU.“

Die Finanzierung des Pilot-Projektes GESTU (Gehörlos Erfolgreich Studieren an der TU Wien) läuft jedoch mit Juni 2012 aus. Ob das Projekt weitergeführt wird ist bis dato unklar. „Dies führt zu einer Situation großer Unsicherheit bei den Studierenden.

Unter hohem Zeitaufwand müssten ÖGS- und/oder SchriftdolmetscherInnen selbst organisiert und  Förderungsansuchen gestellt werden“, erklärt Florian Wibmer und fordert: „GESTU muss bleiben und weiterhin als Servicestelle für alle gehörlosen und schwerhörigen Studierenden dienen und die Organisation von ÖGS- und/oder SchriftdolmetscherInnen, TutorInnen und Mitschreibkräfte für Studierende übernehmen.“

Gebärdensprache und Gehörlosenkultur im Lehrplan

ÖGS-Sprachkurse sowie die Vorlesungen zu Gehörlosenkultur an der Universität Wien sind jedes Jahr überlaufen und erfreuen sich großer Nachfrage. Trotzdem möchte die Universitätsleitung diese Lehrveranstaltungen aus Kostengründen nicht mehr weiterführen.

„Die Universitätsleitung schränkt damit den allgemeinen Zugang für Hörende zur ÖGS und zu Gehörlosenkultur noch weiter ein. Für den VÖGS ist das nicht akzeptabel!“, kritisiert Wibmer. „Das Bildungsangebot muss beibehalten bzw. sogar ausgeweitet werden.“

Barrierefreie Bildung für Alle!

Zweisprachiger Unterricht ist ein sprachliches und kulturelles Menschenrecht. Im Sinne der Chancengleichheit ist es höchste Zeit, das Recht gehörloser und hörbehinderter Menschen auf muttersprachlichen Unterricht umzusetzen!

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