Zurücktreten bitte

Lieber fährt man ja ohnehin auf Schienen mit der Kirche ums Kreuz, bevor man den Silberpfeil benutzt. Und das hat auch seinen Grund, wenn nicht sogar mehrere. Ein Erlebnisbericht.

U-Bahn Silberpfeil
Bildstrecke/Johannes Zinner

Als Rollstuhlfahrerin hält sich die Aussicht in der U-Bahn in schwindligen Grenzen. Es wimmelt von Hinterteilen. Hinterteile in Blue Jeans, engen Röcken, in fragwürdigen Leggings und auch in knappen Shorts.

Man ist überzeugt, bei einem stolzen Preis von 2 Euro eine bessere Aussicht verdient zu haben. Das wäre mal Grund Nummer eins, denn in der guten alten Bim zeigt sich diese Problematik nicht gar so massiv.

Dann wäre da noch ein gewisses Maß an mitmenschlicher Ignoranz in der U-Bahn. Vor allem, wenn man im Begriff ist, bei der nächsten Station „auszurollen“. Sätze wie „Entschuldigen Sie bitte, ich steige aus.“ reichen meist nicht, um das in Front befindliche Hinterteil für ein paar Schritte zur Seite zu bewegen. Da bedarf es schon eines „Wenn Sie nicht Platz machen, fahre ich Ihnen über die Füße, ohne Skrupel!“

Und weil das alles beim wiederholten Male schon so mühsam, langweilig, aber auch verdammt stressig ist, bevorzugt man nach Möglichkeit den Schienen- oder Busverkehr.

Diesmal hat man es aber eilig, nachhause zu kommen und es fährt schon die dritte alte U-Bahn ein. Man wartet auf einen neuen Zug. Schließlich ist man alleine unterwegs und der Spalt bei den alten Zügen ist, wie ausreichend erprobt, unüberwindbar.

Mittlerweile hat man es schon gar nicht mehr eilig, denn das, was man zuhause antreffen hätte sollen, hat man durch die Warterei schon längst verpasst.

Im Waggon hinter dem Fahrerabteil das übliche Gedränge und Geschiebe. Die üblichen Aufforderungen zur Seite zu gehen. Endlich ist man schon mit zwei Rädern am Bahnsteig, als es heißt „Zurücktreten bitte!“ Die Türen schließen kurz und öffnen sich auch gleich wieder, weil man es ja erst zur Hälfte geschafft hat, „hinauszurollen“ – direkt hinter dem Fahrerabteil.

Das muss leider ein Nachspiel haben. Man fährt zum Fahrer und klopft an die Scheibe. “ Entschuldigen Sie bitte, Sie haben mich soeben in der Türe eingezwickt!“ Der Fahrer steht auf, öffnet seine Türe und meint belanglos: „Kann passieren, ich bin ja nur ein Mensch.“

In Zukunft fährt man vermutlich ausschließlich auf Schienen mit der Kirche ums Kreuz, vor allem wenn man alleine unterwegs ist oder mit dem Bus.

Man ist nämlich auch nur ein Mensch und hängt an seinem Leben.

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0 Kommentare

  • Als Trainer habe ich etwas Wichtiges im Umgang mit anderen Menschen gelernt. Du kannst plappern, was Du willst, aufgenommen wird aber hauptsächlich Deine Gefühlslage. Das trifft auch auf die Kindererziehung zu oder auf den Umgang mit Haustieren. Wenn Du Deine freundliche Autorität kommunierst, und nicht vielleicht durch Querulanz Schwäche signalisierst, dann werden Dich die anderen Menschen so wahrnehmen und Dir freiwillig folgen.

    Wenn ich zu einem verstopften Wagen-Eingang komme, weil die Leute nicht nachrücken, dann sage ich laut, freundlich und bestimmt ‚Bitte, rücken sie noch ein wenig ins Wageninnere nach!‘. Dann gibts vielleicht ein oder zwei, die für sich nicht spontan nachvollziehen können, dass sich jemand anderer nicht im labilen Menschenstrom mittreiben lässt, und kichern oder ein mittels einer kurzen Rückmeldung versuchen, ihren eigenen Status in der Gruppe zu heben. Aber im großen und ganzen machen die Leute bereitwillig, teils ‚ferngesteuert‘ Platz.

    All unser Wissen, all unsere Bedeutungen basieren auf völlig unterschiedlichen Erfahrungen unserer Lebensgeschichte. Die soziale Kommunikation stellt nur eine ganz schmale Schnittstelle an Allgemeinverständnis dar. Darum ist jede Entscheidung und jede Interaktion stets eine Gratwanderung, die auf permanenter Selbstreflexion beruht.

  • Aus der Perspektive eines reflektierten Menschen besteht die Gesellschaft leider aus einem Drittel bis zu einer Hälfte ‚Schafen‘ (nichts gegen die possierlichen Tierchen). Das mag in konkreten Situationen, wie dem U-Bahn-Fahren mit Rollstuhl, hinderlich sein, ist es aber auch für diverse andere Bereiche – ob das Verwaltungsangelegenheiten sind, berufliche Strategien oder schlicht und einfach das tägliche öffentliche Miteinander.

    Das sollte allerdings nicht zu Querulanz oder Arroganz verleiten (jetzt allgemein, nicht Dir unterstellt), sondern zu einem freundlichen erzieherischen Bemühen um sein nahes Umfeld. Menschen, die im Affekt leben, nicht sehen oder hören, was um sie herum abgeht, und keine Empathie besitzen – also ’sozial taub-blind‘ sind – haben vielleicht andere Vorzüge. Es muss nur alles im Rahmen gehalten werden, damit das Zusammenleben im öffentlichen Raum möglich ist.

    Umgekehrt werden Menschen, die irgendeine Art von Verlust kennen – sei es eine Fähigkeitsschränkung oder ein familiärer Schicksalsschlag – von mir mit Vorschuss-Lorbeeren bedacht. Nur durch solche Erfahrungen ist es erst möglich ein Bewusstsein für solche humanistischen Werte zu verinnerlichen.

    Das spontane Schließen der U-Bahn-Türen kommt öfters vor. Und Antworten, wie die des Fahrers, erhälst nicht nur Du. Jedenfalls keine Sorge, es kann nichts passieren, der Zug kann mit offener Türe nicht abfahren.

    Ich habe mal einer Seniorin mit Gehstock über die Schwelle geholfen, als der Fahrer unbedingt schon weg wollte. Der hat auf meine anschließende Intervention die Türe kurz aufgerissen und gemeint, er mache den Job jetzt schon seit 19 Jahren. Ich konnte leider nicht mehr erwidern, dass ich da auch nichts dafür kann.

  • Kann auch als körperlich völlig Gesunde dem obigen Artikel voll beipflichten. Ich wundere mich jeden Tag über die Ignoranz der U-Bahnbenutzer, die – obwohl über eine längere Strecke unterwegs – stur bei den Eingangstüren verharren, keinen Centimeter beiseite rücken, obwohl im Wageninneren genügend Platz ist. Ich denke allerdings auch, dass dies eine allgemeine Zeiterscheinung ist und keinen böswilligen Hintergrund hat: in unserer Wohlstandsgesellschaft scheint das „Rücksichtnehmen auf andere“ leider seinen hohen Stellenwert ein wenig eingebüßt zu haben.

  • @Öffi-Fan: Ihre Aussage, dass unsere Welt/Gesellschaft immer schneller wird und deshalb für Menschen mit Behinderungen übersehen werden, mag vielleicht stimmen, da viele im Stress sind, in der ICH-Gesellschaft leben und für andere Dinge keinen Kopf mehr haben. Dass Gäste oder Billigstarbeitskräfte aufgrund der fehlenden Sprache nicht bereit sind, die Tür bzw. zur Seite zu gehen, ist für mich unverständlich. Denn eine Sprache sprechen wir alle Menschen gleich: die Körpersprache. Wenn ich alleine unterwegs bin und jemanden wegen der Tür frage, zeige ich mit meiner Hand/Finger auf die Tür ohne viel reden zu müssen. Meistens sind diese sogar noch hilfsfreundlicher als manche anderen, da sie sich die Zeit nehmen :-)

    @Lucas Broer: es stimmt, das Ruckeln in der neuen U-Bahn ist manchmal schon sehr wild und einer Achterbahn ähnlich. Hier glaube ich muss jeder für sich selbst entscheiden, was besser geeignet ist.

  • Tja, vieles ist subjektiv. Ich bin immer heilfroh, wenn eine alte U-Bahn kommt. Denn die neue ruckelt und schwankt so sehr, dass ich beim Fahren wirklich Angst habe. Ich empfinde auch das ständige Beschleunigen und Abbremsen beim Busfahren als unangenehm. Der Spalt bei der alten U-Bahn ist natürlich objektiv ein Problem, aber für mich – rein subjektiv – das geringere, weil ich sowieso immer Assistenz dabei habe(n muss).

  • Liebe Frau „go“, sie sind vermutlich die Autorin dieses Erlebnisberichtes. – Erlebnisse sind ja subjektiv – Zum Fahrer – Er hat gesehen, dass Ihnen nichts passiert ist, vermutlich deshalb sein salopper Umgangston mit Ihnen. Möglicherweise hat er nachher seine Aussage hinterfragt und bereut. Ignoranz der Mitmenschen – Wir leben in einer schnelllebigen Zeit, (Ich Gesellschaft) dies wurde ja mehr als ein Jahrzehnt propagiert) da werden behinderte Menschen, die noch dazu sitzend durch die Gegend rollen einfach übersehen. Dazu kommen noch Gäste, die unsere Sprache nicht verstehen und natürlich auch Billigstarbeitskräfte, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und auch kein „wienerisch“ beherrschen. Selbstverständlich haben Sie recht, dass noch viel geändert gehört. Erlebnis berichte sind eben Momentaufnahmen, subjektiv und auch stimmungsabhängig. Berichten Sie weiter – Möglicherweise gibt es auch positive Momentaufnahmen.

  • Der Text ist real Erlebtes. Und ob real Erlebtes überhaupt übertrieben sein kann, wäre eine eigene Diskussion wert.

    Ich finde es grenzwertig vom Fahrer hören zu müssen „Kann passieren, ich bin ja nur ein Mensch“, wenn er die Türe zu schnell zumacht. Auch wenn die Türen gleich wieder öffnen, der Schreck bleibt.

    Und eine gewisse Ignoranz der Mitmenschen in der U-Bahn, kann doch nicht abgesprochen werden!? Und da geht´s nicht darum, einen Grund für die Ignoranz zu finden (zb Stress), denn dann müsste man über die Geschwindigkeit in dieser Zeit und diesem System diskutieren.

    Als Verfechter des öffentlichen Verkehrs habe ich nie, auch wie ich noch hätte fahren können, den Führerschein gemacht und fahre demnach an die 50 Jahre öffentlich. Es ist mir bewusst, dass sich viel zum Positiven geändert hat „für uns“ wenn auch noch nicht genug.

    Dennoch gibt es auch immer wieder unschöne Erlebnisse und Situationen, die man mitunter – meines Erachtens – zum Ausdruck bringen und andere mitwissen lassen darf…..

  • Ich finde den Artikel nicht übertrieben und die Leute hören einen nur wenig wenn man von einem halben Meter unterhalb versucht mitzuteilen, dass man da noch aussteigen will. Besonders gern hab ich´s wenn im gekippten Zustand des Rollstuhles auf den Hinterrädern, (ich fahre meist alleine UBahn), um den Spalt zu überwinden, ein Passant quer über mich drüber steigt.
    Und nur weil Kinder und kleinwüchsige Menschen auch Ärsche im Gesicht haben, heisst das nicht, dass deswegen die Aussicht schöner ist.
    Eine U-bahn-Benutzerin, die sich nur zu Stoßzeiten ihre einsame Fahrerkabine des PKW´s im Stau mit lauter Musik zurück wünscht



  • Auch ich bin Wien-Fan, jedoch hätten die damaligen Wiener Stadtwerke barrierefreier bauen können – Aufzüge wurden erst nachträglich eingebaut. Auch der Silberpfeil war bei der Anschaffung „Nicht Stand der Technik“. Zum V-Wagen: Ursprünglich war geplant, dass nicht nur beim Fahrer oder am Ende der U-Bahn-Garnitur eine kleine Rampe ausfährt, sondern bei jedem Einstieg. Dies wurde aus Kostengründen nicht realisiert. Zum Ulf: Offiziell darf nur ein Rollstuhl in einer UlF-Garnitur mitfahren – von Gleichstellung, keine Spur. Und doch: Vor 20-30 Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, als RollstuhfahrerIn Öffentliche Verkehrsmittel benutzen zu können. Und doch denke ich, dass die Wiener Linien und die Verantwortlichen bei barrierefreie Maßnahmen eher an Eltern mit Kinderwagen gedacht hat als an Menschen mit Behinderungen. Die Wiener „Öffis“ sind allemal noch besser als die in Graz, Linz oder Innsbruck. Den Artikel finde ich etwas übertrieben.

  • Finde den Artikel übertrieben – Ärsche müssen Kleinwüchsige und Kinder auch ertragen – Dass der mehr als 30-jährige Silberpfeil für „Rollis“ nicht das „gelbe vom Ei“ ist, ist ja auch hinlänglich bekannt – Auch der V-Wagen ist zwar viel besser zum Einsteigen geeignet, für mache Rollisruhlbenutzer trotzdem eine Qual, da die Fliehkraft beim Abbremsen und die unruhige Schienenführung durch die höhere Geschwindigkeit für einige unzumutbar ist. Die Ignoranz der Mitmenschen ist zeit- und stressbedingt und hat mit der U-Bahn nix zu tun – Wenn ich aussteigen will möchte ich einen kleinen „Schmäh“: „Heiß heiß heiß“ – und die Menschen lächeln und machen Platz! Zum Einzwicken: Normalerweise sind die automatischen Schiebetüren so eingestellt, dass sie beim geringsten Widerstand sofort wieder aufgehen – wie bei modernen Aufzügen… Bis die Umstellung, aller U-Bahngarnituren auf V-Wagen abgeschlossen ist, wird noch viel Wasser die Donau hinunterfließen… Das selbe gilt für den ULf!

  • Danke für Deinen Einblick in Deine Erfahrungen mit den Silberpfeilen der Wiener Linien! Ich kann Deine Sorge, dass der Spalt bei den Silberpfeilen zwischen Garnitur und Bahnsteig zu breit/zu hoch ist voll nachvollziehen. Auch für mich ist es immer wieder schwierig, bei den Silberpfeilen einzusteigen. Ich versuche trotzdem jedes Mal mein Glück in die U-Bahn einzusteigen und steige dort ein, wo auch Menschn im Waggon sind. Wenn ich manchmal im Spalt steckenbleibe, sind bei mir immer sehr freundliche Passanten da und helfen mir. Deine Ansicht, die Menschen im Waggon hören auf Bittstellungen nicht so gewünscht, kann ich auch teilen. Ich greife zu dem Mittel, dass ich mit lauter Stimme verkündige: Achtung, hier komme ich! Das hilft fast immer :-)