Zwischen Hascherl und Heldin

Darstellung von behinderten Menschen in Massenmedien

Publizistikprofessor Fritz Hausjell, Freak Radio-Moderatorin Margarete Endl, stv. Chefredakteur von
Freak-Radio

A wie Auferstehung. Ein riesiges A zierte am Karsamstag die Titelseite der OÖ Nachrichten, darunter ein Foto von Kira Grünberg, der gelähmten ehemaligen Stabhochspringerin. Im Feuilleton ein Interview mit ihr, unter dem Titel „Das Leben ist jetzt auch schön“. Ob sie bete, wird sie gefragt. Tut sie nicht. Oder ab und zu. Vor dem Unfall.

Kira Grünberg steht seit ihrem Trainingsunfall im Mittelpunkt des Medieninteresses. Es sind durchwegs Geschichten voller Respekt und Bewunderung. Dennoch stellt sich die Frage, ob die Medien die junge Frau nicht auch benutzen, etwa, wenn sie zum Thema Auferstehung befragt wird, auch wenn sie offenbar nicht besonders religiös ist.

Zwischen Hascherl und Heldin (wav | 0,19 MByte)
SprecherIn: Peter Radtke / Fritz Hausjell
Audioquelle: Freak-Radio

Menschen mit Behinderung werden in den Massenmedien entweder, als arme Hascherl hingestellt oder, dann auf eine Art Podest gestellt, als etwas Heldenhaftes. Das Mittelmaß interessiert in den seltensten Fällen …

Ja, das was Peter Radtke da sagt, ist ein sehr dominantes Prinzip in der Medienberichterstattung. Wer sich davon angesprochen fühlt jetzt, weil er selber eine Behinderung hat, der muss mit solchen Bildern immer unzufrieden sein. Entweder er scheitert, weil er diese überlebensgroßen Figuren im realen Leben nur selten hinbekommt, oder er fühlt sich völlig unterfordert, weil dieses andere Bild – die Armen, die an ihrer Behinderung leiden würden, als würden sie ihren Weltschmerz, Lebensschmerz die ganze Zeit vor sich her tragen – Das ist einfach nicht der Fall.

Das Mittelmaß interessiert in den seltensten Fällen

„Menschen mit Behinderung werden in den Massenmedien entweder als arme Hascherl hingestellt oder auf eine Art Podest gestellt, als etwas Heldenhaftes“, sagt der deutsche Autor und Schauspieler Peter Radtke. „Das Mittelmaß interessiert in den seltensten Fällen.“

„Wer eine Behinderung hat, ist mit solchen Bildern immer unzufrieden“, sagt der Wiener Publizistikprofessor Fritz Hausjell. „Denn diese überlebensgroßen Figuren bekommt man im eigenen Leben nur selten hin.“ Aber auch das mediale Bild von den „Armen, die an ihrer Behinderung leiden – so, als würden sie die ganze Zeit einen Weltschmerz vor sich hertragen“ – sei überzogen. „Es leiden auch Menschen ohne Behinderung und sind mit ihrem Leben nicht happy.“

Daniel Nutz, stv. Chefredakteur des Magazins „Die Wirtschaft“, sieht bei aller Skepsis vor Stereotypen doch eine positive Tendenz:  Es gebe nun weniger Geschichten über „Hascherl“, mehr über Helden. Nutz erhielt im Vorjahr den ÖZIV-Medienpreis für seinen Artikel „Barrieren im Denken“. Er porträtierte darin einen gehörlosen Apotheker und die Probleme behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt.

Die zukünftige Normalität nimmt ein Artikel in der Weinzeitung Vinaria vorweg. Der Artikel beschreibt den Winzer Darren Haunold, der in Australien neue Rebsorten auspflanzt. Ein Bild zeigt Haunold im Rollstuhl inmitten von Weinfässern in der Lagerhalle. Von seiner Behinderung ist im Artikel keine Rede. Denn es geht um Wein, nicht um die Art der Fortbewegung.

Die Diskussion zwischen Peter Radtke, Fritz Hausjell und Daniel Nutz mit der freak Radio-Moderatorin Margarete Endl ist auf www.freak-online.at nachzuhören.

 

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Ein Kommentar

  • Sei es wie es ist, für Kira müssen wir alle beten.