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Text: Dipl.-Psych. Kassandra Ruhm · 6. Feber 2009 06:38 Uhr

Teil 4: Der Vorher-Nachher-Effekt

Mosaiksteine über das Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen.

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Viel Zeit ist vergangen

Ich kenne beide Seiten, das Leben als behinderte und als nichtbehinderte Frau. Leider nicht als Frau und als Mann, das wäre auch sehr interessant. Aber diesen Vergleich kann ich nicht anbieten.

Bis ich 21 Jahre alt war, habe ich als "Nichtbehinderte" gelebt. Im 3. Semester meines Studium wurde ich bedrohlich krank und konnte lange Zeit meine Wohnung nur noch im Notfall verlassen. Nach der langen, langen Zeit wurde ich langsam wieder so fit, dass ich etwas länger sitzen, einen Rollstuhl benutzen und in die Außenwelt zurück kehren konnte.

Seltsame Behandlung

Wie seltsam Menschen mit Behinderungen oft behandelt werden, fällt einem sicher nicht so stark auf, wenn man von Kindheit an als "Behinderter" angesehen wird, als wenn die Rolle, die einem gegeben wird, sich im Erwachsenenalter ändert. Manchmal bin ich froh darüber, diesen krassen Wechsel erlebt zu haben.

So kann ich eher sagen: "Nein, dieses Bild von mir hat nichts mit mir zu tun. Das ist nur ein Vorurteil. Das bin nicht ich, das ist eure Angst." Ich kann es damit vergleichen, als was für ein Mensch ich vor meiner sichtbaren Behinderung behandelt worden bin.

Früher galt ich als attraktive Frau

Früher galt ich als attraktive Frau, die ziemlich idealistisch, ungewöhnlich in ihren Ansichten und ein bisschen verrückt ist, sich einen Haufen Gedanken macht und interessante Ideen, viel Kritik an der Welt und viel Lebensfreude hat, ...

Es waren eigentlich ständig mehrere Leute in mich verliebt. Natürlich gab es auch Leute, die mich nicht mochten, weil ich ihnen zu unangepasst war, wir unterschiedliche Wertmaßstäbe hatten oder weil sie meine Art nicht mochten. Auf jeden Fall wurde ich aber als eine Persönlichkeit mit bestimmten Eigenschaften wahrgenommen.

Ich bewege mich nur anders fort

Seit ich als "behindert" angesehen werde, ist das anders. Dabei bin ich gar kein anderer Mensch als früher. Ich bewege mich nur anders fort.

Von den meisten Nichtbehinderten wird als erstes mein Rollstuhl gesehen. Meine anderen Eigenschaften treten dahinter zurück.

Es kommt darauf an, wo ich bin. Unter anderen behinderten Menschen werde ich so gesehen, wie ich bin. An meiner jetzigen Arbeitsstelle fühle ich mich auch sehr wohl. Ich arbeite mittlerweile als Psychologin in einer Beratungsstelle an der Universität Bremen. Da fallen mein Rollstuhl und mein rasanter Fahrstil zwar auf, aber ich werde nicht auf "behindert" reduziert.

In der "Normalgesellschaft"

Aber draußen in der "Normalgesellschaft" finde ich es beizeiten ganz schön anstrengend, mit welchen Stereotypen ich mich auseinander setzen muss und wie stark meine eigentliche Persönlichkeit und meine Fähigkeiten oft ignoriert werden.

Überspitzt ausgedrückt werden Menschen mit einer sichtbaren Behinderung mit folgendem Bild konfrontiert: Behinderte sind hilflos, sie können nicht so viel wie andere, sind nicht so selbstständig. Sie sind eher dumm und naiv, als lebenserfahren.

Man bezeichnet sie als "tapfer"

Außer beim Leiden: Behinderte leiden und haben daraus möglicherweise eine Bewusstseinserweiterung erfahren. Vielleicht bezeichnet man sie als "tapfer", weil sie fröhlich sind, obwohl sie "so" sind. Aber sie kennen es ja nicht anders. Man kann Behinderte bemitleiden oder exotisch finden und bewundern - aber man muss sie nicht auf die selbe Stufe mit sich selbst stellen und ihnen von gleich zu gleich nahe kommen. Wie gesagt: Ich übertreibe hier, um zu verdeutlichen.

Beizeiten wird uns Mitleid übergestülpt, egal, ob unsereins in dem Punkt, auf den sich das Mitleid bezieht, selbst überhaupt leidet oder nicht. Besonders unpassend finde ich die Kombination, wenn Nichtbehinderte mich dafür bemitleiden, dass ich bin, wie ich bin, nämlich behindert, aber NICHTS dafür tun, dass tatsächlich vorhandene Benachteiligungen verringert werden.

In der falschen Welt?

Ich selbst finde mich wegen meines Rollstuhls nicht weniger gut oder bemitleidenswert. Das, wofür Mitleid angemessen wäre, sind Benachteiligungen, unter denen ich leide. Aber nicht, dass ich bin, wie ich bin. Dann fühle ich mich in der falschen Welt.

Ohnehin kommen die meisten der Einschränkungen, unter denen ich leide, nicht von meiner Behinderung selbst, sondern vom unguten Umgang von andern damit oder durch gesellschaftliche Benachteiligungen (fehlende Barrierefreiheit, obwohl es möglich wäre, ...). Also durch Bedingungen, die gar nicht so sein müssten.

Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus einem längeren Text, den ich für ein Coming-Out-Buch mit Interviews mit "behinderten" Lesben und Schwulen geschrieben habe. Link zum kompletten Text und weiteren Texten von mir.

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Sascha · 30. September 2011 03:05 Uhr

Ich muss diesem Beitrag zumindest in einem Punkt widersprechen: Ich, als behindert geborener, würde keinesfalls sagen, dass ein behindert geborener Mensch, die Diskriminierungen bzw. die Sonderbehandlung nicht wahrnimmt, nur weil er/sie diese schon immer erfahren musste. Nein, auch für mich, als behindert geborenen, war die Andersbehandlung immer, oder zumindest meistens, ersichtlich. Schon allein weil ich den Vergleich mit nichtbehinderten Gleichaltrigen habe. Es ist keinesfalls so, dass sich behindert geborene leichter in ihre Sonderrolle fügen würdem. Auch wir betrachten die Sonderbehandlung keinesfalls als normal nur weil wir es aus unserer Lebenserfahrung nicht anders kennen. Nach dieser Logik dürfte es auch keine Frauenbewegung oder Frauenemanzipation geben, weil Frauen es gewohnt sind unterdrückt zu werden und sich deshalb dem fügen. Auch das stimmt ja so nicht. Ich denke sie unterschätzen das Selbstbewusstsein behindert geborener Menschen gewaltig. Auch unter behindert geborenen gibt es sehr viele die, die Sonderbehandlungen nicht einfach so hinnehmen. Dieser von Ihnen behauptete Vorher-Nachher-Effwkt existiert nicht, oder jedenfalls in dem Ausmaß in dem sie es behaupten. Auch die Existenz von "akzeptablen oder legitimen Mitleid" bezweifle ich sehr stark.

Pixelschubse · 17. November 2010 15:27 Uhr

Mitleid ist ANGEMESSEN? Nö, seh ich nicht so. Mitleid ist immer von oben nach unten ("du armes Hascherl, ich bin so großherzig und beuge mich voller Mitleid auf dein Niveau herab").

Warum willst du MITLEID für die Barrieren? Was ändert das, wenn dein Gegenüber ein Großmanns/-frauGEFÜHL kriegt, wenn sie sieht, dass du vor ner Barriere stehst? Willst du dafür -tatsächlich oder übertragen- gestreichelt werden (mitleidig), oder willst du für den Abriss der Barriere kämpfen?

Mitleidiges Gefühle führt zu Weihnachtseinladungen, Übersköppi- oder die Wange Streicheln, zu nem Euro im Schoß oder unangemessenem Duzen. Bei Frauen auch noch zu verdrückten Tränchen wegen des armen Teufels ihr gegenüber. Mitleidiges Gefühle ändert NIX außer in der Psyche der Fühlenden.

DAFÜR bin ich mir als Krüppelfrau schlicht zu schade. Ich will ÄNDERUNG und kein Mitleid - auch nicht für Barrieren.

rollstuhl100 · 9. Feber 2009 10:30 Uhr

leider wird man in der sogenannten geselschaft als rollstuhlfahrer noch immer als trottel angenommen in der umwelt gilt die devise behindert sein als idiot zu gelten meistens ist es nur ein nicht funktionierender gehapperrat hat mit einer geistigen behinderung zu tun aber man wird automatisch eingestuft als depp salopp gesprochen mit diesen vorurteilen sollte schnell aufgeräumt werden

Werner Flasch · 9. Feber 2009 07:43 Uhr

Absolut super dieser Beitrag! Ich bedanke mich sehr dafür! Da ich in diesem Bereich arbeite, zeige ich ihn gern meinen Mitarbeitern, da ich annehme, dass auch deren Bewusstsein und somit auch Sehweise geändert wird.

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