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Text: Dipl.-Psych. Kassandra Ruhm · 27. Feber 2009 06:45 Uhr

Teil 7: Bloß nicht zur Last fallen?

Mosaiksteine über das Zusammenleben von nichtbehinderten und behinderten Menschen.

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Zwei Hände unterschiedlicher Personen übereinander

Was macht man, wenn man vermittelt bekommt, andern eine Last zu sein?

Ich schätze, viele Menschen mit Behinderung haben schon die Erfahrung gemacht, dass andere es manchmal als Belastung empfinden, auf sie Rücksicht zu nehmen oder sie zu unterstützen. Natürlich passiert einem das nicht immer und auch nicht mit allen Menschen, sondern nur ab und zu.

Vielleicht haben sich andere deshalb manchmal entschieden, nicht mit ihnen, sondern lieber mit Nichtbehinderten ins Kino zu gehen, einen Ausflug zu machen, eine Liebesbeziehung einzugehen, zusammen zu leben, gemeinsam zu verreisen oder etwas anderes zu unternehmen, was mit einer Behinderung vielleicht aufwendiger ist. Oder vielleicht sind sie gleich von vorneherein keinen näheren Kontakt eingegangen, um nicht später für Hilfeleistungen oder Pflege verantwortlich zu sein. Hierbei ist egal, ob der vermutete Aufwand überhaupt real ist oder ob er nur im Kopf der Nichtbehinderten existiert und auf das behinderte Gegenüber projiziert wird.

"So vermeidet man geschickt ..."

Meist wird einfach gar nichts dazu gesagt, sondern die betreffende Person wird stillschweigend nicht gefragt, ob sie auch mitkommen möchte etc. So vermeidet man geschickt, Benachteiligungen mittragen zu müssen. Und wenn man jemanden mit einer Behinderung von vornherein nicht fragt, ob sie dabei sein möchte, fällt diese Vermeidungsstrategie noch nicht einmal auf.

Eigentlich ist es für Nichtbehinderte ganz einfach: Wenn sie vermeiden, mit behinderten Menschen Kontakt zu haben und sich anzufreunden, müssen sie sich mit den gesellschaftlichen Barrieren nicht auseinandersetzen. Ein aussonderndes Schulsystem, ein teilweise getrennter Arbeitsmarkt und manchmal noch ein paar andere getrennte Lebensbereiche (Wohnen, Sport,…) tragen das Ihrige dazu bei.

Immer, wenn man von Anderen als Last angesehen wird, besteht die Gefahr, dass sie den Kontakt vermeiden, um der vermeintlichen Belastung aus dem Weg zu gehen. Deshalb kann es nahe liegen, alles zu tun, um bloß nicht zur Last zu fallen.

Bin kürzlich nicht erwünscht gewesen

Ich bin kürzlich bei einer kleinen Feier nicht erwünscht gewesen, weil es für die Gastgeberin eine zu belastende Vorstellung war, wie ich mit meinem Rollstuhl zu ihr in die dritte Etage komme. Zur Vermeidung dieser Belastung hat sie mich nicht eingeladen. Leider war ich so mutig, von mir aus zu fragen, ob ich kommen kann. So oft, wie die Gastgeberin sich in den Vormonaten mit mir hatte treffen wollen, war ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich nicht erwünscht wäre.

Die Antwort war allerdings, es würde nicht klappen, dass ich komme. Die Gastgeberin hatte noch so viel anderes zu erledigen.

Nur wer keine Last ist?

Sie hätte auch wenigstens sagen können: "Du bist willkommen, aber ich habe leider keine Zeit, mich darum zu kümmern, wie Du hier die Stufen hoch kommst." Nach dem Motto: Behinderte dürfen dabei sein, wenn sie andern keine Last sind.

Ich hätte gewusst, wie ich auch ohne ihre Hilfe die Treppen hoch kommen kann. Aber die Wahl, ob ich auch ohne ihre Hilfe kommen will, hat sie mir leider nicht gelassen. Der Schutz vor ihrem Gefühl von Überlastung ging vor.

Es ist ja schön, wenn Leute ihre Grenzen sagen können. Aber es ist schade, wenn unsereins in Folge dessen draußen steht, weil es mit der Behinderung für andere eben zu mühsam ist. Pikanterweise ist die Gastgeberin Dozentin in einem behindert-nichtbehinderten Kunstprojekt mit hehren Ansprüchen. Aber anscheinend sieht sie da keinen Widerspruch.

Ich habe mich nach dieser Ausladung ziemlich schlecht gefühlt und war traurig wegen des Gefühls, für andere eine zu große Last zu sein. Und wegen dieser Belastung manchmal unerwünscht zu sein.

Bei dem ganzen Grübeln habe ich weiter überlegt, wie andere Menschen mit Behinderungen mit diesem Problem umgehen.

Verschiedene Umgangsweisen

Ich habe eine ganze Reihe von typischen Erfahrungen und Umgangsweisen gefunden.

  • Viele behinderte Menschen bemühen sich sehr darum, möglichst viel ohne Hilfe zu können, um nicht als abhängig und eine Belastung für andere angesehen zu werden.
  • Manche verzichten auf Aktivitäten und vermeiden Situationen, in denen sie auf Unterstützung angewiesen wären. Sie wollen Kontakte nicht dadurch gefährden, dass sie mehr Hilfe von ihrem Gegenüber brauchen, als diesem leicht von der Hand geht und haben nicht genug bezahlte Assistenz.
  • Eine frühere Freundin von mir hat sich in ihrer Kindheit sehr bemüht, gleichbleibend fröhlich, angenehm und unauffällig zu sein. Sie wollte ihren Eltern bloß keine Sorgen machen. Sie hatte miterlebt, dass eine behinderte Schulfreundin ins Heim gegeben worden war, weil sie den Eltern eine zu große Last wurde. Sie hatte große Angst, dass ihr das auch passieren könnte. Das wollte sie um jeden Preis vermeiden. Das ist ein schlechter Grund, um ein Sonnenschein-Kind zu werden.
  • Ich habe den Eindruck, es gibt eine Menge behinderter Menschen, die ähnlich wie diese Freundin sehr freundlich und pflegeleicht im Umgang sind, um etwas auszugleichen und keine Ablehnung zu erfahren. Manchen fällt es durch diese Behinderten-Rolle schwer, ihre eigenen Grenzen und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und zu vertreten.
  • Ein blinder Freund nimmt seiner eigenen Einschätzung nach sehr viel Unterstützung in Anspruch. Aber er teilt es auf sehr viele Menschen auf, oft auch Fremde auf der Straße. Die Mobilität, die er damit erreicht, ist immens. Auch zu seiner Strategie gehört allerdings, sich bei unpassendem Verhalten nicht zu beschweren und immer äußerst freundlich zu bleiben.
  • Ich finde, es ist ein großes Glück, wenn man aus dem Umfeld die Unterstützung bekommen kann, die man möchte, ohne dass dafür Gegenleistungen erwartet werden, wie z.B. dass die helfenden Eltern oder PartnerInnen über das eigene Leben mitentscheiden möchten. Und ohne die Unterstützung später vorgehalten zu bekommen, wenn man sich anders verhält, als die unterstützende Person es möchte.
  • Manche blenden das Problem aus. Sie vertreten, andere würden sie nie als Belastung betrachten, vermeiden aber gleichzeitig verschiedene Aktivitäten, bei denen sie Rücksichtnahmen bräuchten.
  • Manche nutzen die klassische Rollenaufteilung, dass sich ein behinderter Mensch regelmäßig von einer andern Person helfen lässt, um relativ viel Unterstützung zu bekommen, ohne sich darum zu sorgen, ob sie andern eine "Last" sind oder wie sie sich für die Hilfe revanchieren könnten. Denn es ist ja "normal", dass Behinderte hilfebedürftig sind und andere ihnen deshalb helfen.

Ich kann und will nicht sagen, dass man diese und jene Umgangsweise wählen soll und andere anzulehnen sind. Ich glaube, fast alle haben Vor- und Nachteile. Ich habe mir die Mühe gemacht, diese unterschiedlichen Haltungen zu sammeln, weil ich gut finde, sich bewusst damit auseinander zu setzen, was man tut, um von andern nicht als Last betrachtet zu werden. Danach kann man überlegen, ob man für sich persönlich (noch) die richtigen Strategien hat oder ob man es lieber anders halten würde.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir, dass behinderte Menschen all das tun, was sie können. Aber wenn Rücksichtnahme und Unterstützung mal tatsächlich nötig sind - dass wir von andern dann nicht zur Last deklariert werden oder vorauseilend der Kontakt gemieden wird.

Ein gutes Fazit für diesen Artikel wäre, dass man das Recht hat, andere auch mal zu belasten. Weil es normal und unser Recht ist, behindert zu sein und die entsprechenden Rücksichtnahmen und Unterstützung zu erwarten.

Dieser Artikel ist eine Kurzfassung von einem Text, der auch in voller Länge sehr lesenswert ist! Link zur längeren Fassung.

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Bianca · 8. Mai 2009 18:13 Uhr

Hallo Kassandra, habe Deine Artikel mit grossem Interesse gelesen. Sie regen alle sehr zum Nachdenken an, über die eigene Situation, aber auch über die Situation, in der sich unsere Gesellschaft befindet. Ich habe jedenfalls alle Artikel regelrecht "verschlungen" und möchte Dir dafür ein grosses Lob aussprechen. Bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzungen.

hanbal · 4. März 2009 14:25 Uhr

Die Menschen wollen einen ja schon nicht, wenn die Behinderung nicht so ins Gewicht fällt wie im oben beschriebenen Fall. Sie grenzen einen oft ja schon auf den bloßen Verdacht hin aus (komisch und anders bei psychischen Beeinträchtigungen)

Ein netter Mensch · 2. März 2009 14:38 Uhr

Der beste Artikel (der Serie) bisher. Meine Lösung: Wo möglich, lebe die Eugenik, da die Mitmenschen in der Tat nicht unnötig zu belasten sind. Allerdings bin ich ein Misanthrop.

Andreas Trummer · 27. Feber 2009 14:58 Uhr

Ich finde diesen Artikel bewundernswert. Ich bin 45 männlich in Wien, stark sehbehindert habe 8 Prozent Sehkraft. Mir sind genau solche Sachen passiert. Für eine weitere Entscheidung unseres Lebens sollten wir immer denken, wer sind wirlich unsere Freunde. Ich war mit einer blinden Frau verheiratet. Das Blindenwesen interessierte mich mein ganzes Leben. Ich dachte einfach anders.

Hoppala, ich bin selbst behindert und meine liebe Frau hat es in ihren Leben noch härter getroffen. Ich hatte Mut gefasst und einfach gefragt oder Zugesehen wo ich Sie unterstützen kann. Ich habe in meinen Leben immer sehr viel Mut. 1988 war ich mit in Griechenland Camping. Da wir zwei unter der Woche arbeiten mussten, fuhren wir jeden Freitag mit der Bahn nach Kapfenberg zu ihren Eltern. Wir haben auch in Kapfenberg geheiratet. Meine guten Vorsetze sind das ich mich geistig in diese Menschen verwetzen kann.

Ich denke jeden Tag wenn ich betroffen Menschen sehe, kann ich froh sein dass es mir nicht so hart getroffen hat. Ich Wünsche mir das wir eine Gruppe von Behinderten Menschen zusammen setzen und Diskutieren. Wenn möglich nicht nur über E-Mail, sondern auch in Wien in einem Lokal. Liebe Grüße Euer Andreas Trummer

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