25. Accessibility-Stammtisch: Relaunch von wien.gv.at – der Rückblick

Was bei den ersten Stammtischen als Impulsreferat (zwischen 5 und 15 Minuten) geplant war, entpuppte sich beim 25. Stammtisch als eine Fortbildungsveranstaltung von mehr als eineinhalb Stunden.

Rederer, öchler und Huber stellen Relaunch wien.at 2010 vor
BIZEPS

Der 25. Accessibility-Stammtisch, ein Mini-Jubiläum, beschäftigte sich mit dem Relaunch des Webauftritts der Stadt Wien, wien.gv.at, der ebenfalls aufgrund des 15-jährigen Bestehens ein kleines Jubiläum feiert; und Jubiläen bieten immer einen Anlass zu Rückblicken.

Was bei den ersten Stammtischen als Impulsreferat (zwischen 5 und 15 Minuten) geplant war, entpuppte sich beim 25. Stammtisch als eine Fortbildungsveranstaltung von mehr als eineinhalb Stunden. Bei brütender Hitze, erschöpften Gebärdensprach-Dolmetschern und schwitzenden Vortragenden plus Publikum ist die gezeigte Ausdauer einerseits bewundernswert, andererseits aber ein Zeichen dafür, mit welchem Interesse alle bei der Sache waren.

Und es ist auch nicht verwunderlich, darf doch wien.at zu Recht als Accessibility-Vorreiter in Österreich bezeichnet werden. Da es ohnehin unmöglich ist, die geballte Ladung an Informationen durch die drei Referenten (Michael Rederer, Thomas Jöchler und Wolfram Huber) in konsumierbarer Länge auch nur annähernd sachgerecht zu präsentieren, möchte ich stattdessen, dem Jubiläum entsprechend, einen kleinen Abriss der Entwicklungsgeschichte des Webauftritts geben:

Ein solider Start

1995 startete die Stadt Wien mit ihrem Webauftritt. Von Beginn an legte man großen Wert auf saubere Codierung, also valides HTML – und dies trotz Tabellen-Layout, wie es damals üblich war. Ein weiterer Schwerpunkt war von Anfang an die Bürgernähe: Jedes Webdokument bot einen e-Mail-Link zu einer Kontaktperson. Auch Qualitätskontrolle wurde groß geschrieben. Die Dokumente wurden in den einzelnen Redaktionen erstellt, jedoch vor Veröffentlichung zentral geprüft.

wien.at für alle

Als 1999 die WAI-Richtlinien 1.0 erschienen, landeten diese auch bei wien.at, blieben allerdings vorerst noch ein wenig liegen, und zwar bis zu jenem Zeitpunkt, als die ersten Kontakte mit den diversen Zielgruppen geknüpft waren. Von diesem Zeitpunkt an war das Streben nach Barrierefreiheit Programm und eine enge Zusammenarbeit zwischen Seitenbetreiber und diversen Zielgruppen fand ihren Anfang und dauert bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt an.

Inzwischen schrieben wir das Jahr 2001, also 2 Jahre nach Veröffentlichung der WCAG 1.0. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Österreich keinerlei gesetzliche Verpflichtung zur Barrierefreiheit, wohl aber bei wien.at eine selbst auferlegte Verpflichtung, ihre Seiten im wörtlichen Sinn für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich zu machen.

Kein rascher, aber ein effizienter Relaunch

Bis zum nächsten Relaunch, in dem Accessibility deutlich sicht-, hör- und fühlbar einfloss, bedurfte es aber noch einige Jahre sorgfältiger Planung, Umstrukturierung und Ansammlung von Fachwissen.

2005 war es dann so weit: wien.at präsentierte sich nicht nur tabellenfrei und mit einem deutlich moderneren CSS, sondern auch mit sauber strukturiertem HTML. Dass sich die Verantwortlichen für die Umsetzung des Designs in HTML und CSS Tomas Caspers ins Land geholt hatten, zeigt deutlich, welchen Stellenwert Accessibility bei diesem Relaunch hatte.

Dennoch fehlten auch nach dem Relaunch die damals überall so beliebten Icons zur Demonstration, wie barrierefrei sich eine Seite einschätzt. Michael Rederer wusste damals wie heute auch genau, warum wien.at auf die beliebten „Pickerl“ freiwillig verzichtet: „Solche Icons machen eine Seite nicht besser, sondern treiben nur die Erwartungshaltung der Besucherinnen und Besucher in die Höhe“, erklärte er damals und fügte noch hinzu: „Es ist uns durchaus bewusst, dass wir noch an manchen Stellen Probleme haben, die wir erst in den Griff bekommen müssen. Accessibility ist eben ein Prozess. Wir bemühen uns, aber wir schaffen eben kein AAA.“

Start ins Zeitalter Web 2.0

Wir sind in der Gegenwart angekommen und damit beim Thema des gestrigen Accessibility-Stammtischs. Am 5. 5. diesen Jahres, dem europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, war es wieder so weit: wien.at zeigt sich seitdem wieder in neuem Outfit. Auch diesmal konnte wieder Tomas Caspers für die Umsetzung von XHTML und CSS gewonnen werden.

Lag der Schwerpunkt des Relaunch’ 2005 vor allem darin, die alte Tabellenstruktur aufzulösen, Strukturen zu vereinheitlichen und in ein möglichst barrierefreies Gesamtschema zu bringen, präsentiert sich wien.at heute deutlich in Richtung Web 2.0, gleichzeitig aber auch in Richtung WCAG 2.0: von den ca. 800 Videoclips sind etwa 600 untertitelt, der Player ist sowohl mit Tastatur bedienbar als auch vernünftig beschriftet und Gebärdensprache, Vorlesestimme sowie Dokumente in leichter Sprache gehören ebenso zum zeitgemäßen Erscheinungsbild wie ein Stadtplan mit vielen detailreichen Abfragemöglichkeiten.

Damals wie heute gibt sich Michael Rederer gleichermaßen selbstbewusst und zuversichtlich hinsichtlich des Gesamtprozesses, verschweigt aber auch nicht die Lücken und Probleme im Gesamtkonzept. „Wir wollten die 200 nicht untertitelten Videos unseren Besuchern nicht vorenthalten“, erläutert er auf eine entsprechende Frage, „auch wenn wir wissen, dass hier die Barrierefreiheit nicht optimal ist. Fremdfirmen kümmern sich in aller Regel nicht um Untertitelung oder Transkriptionen, und das Nachzuarbeiten kostet einfach zu viel Zeit und Geld“, fügt er bedauernd hinzu.

Voneinander lernen

Die Präsentation des neuen Webauftritts der Stadt Wien war alles andere als eine Werbeveranstaltung, sondern weit eher eine Fortbildung. Das machten vor allem auch die zahlreichen Rückfragen deutlich. wien.at darf mit Fug und Recht als Wegbereiter der Accessibility in Österreich angesehen werden und hat darum auf diesem Gebiet eine hohe Akzeptanz in Expertenkreisen. Es ist äußerst erfreulich, dass die Mitarbeiter ihr Wissen gerne weitergeben und das Publikum diese Chance auch entsprechend wahrnimmt, um aus diesem langjährigen Erfahrungsschatz zu schöpfen.

Aus eigener Sicht

Zukunftweisend ist auch die Implementierung von WAI ARIA Landmarks, von denen blinde Nutzer stark profitieren. Das Konzept des Webauftritts wurde im Zuge des Relaunch’ völlig neu gestaltet. Gerade für Screen Reader Benutzer, die nicht auf optische Hilfen zurückgreifen können, stellt dies einen erheblichen Lernaufwand dar. Durch die Landmarks sind jedoch alle Bereiche des Portals mit einer verständlichen Bezeichnung versehen, was die Orientierung und Navigation deutlich erleichtert.

Soviel mir bekannt ist, ist wien.at damit der erste österreichische Webauftritt, der dieses Feature implementiert hat – und ist damit schon wieder einen Schritt voraus.

Monatliche Stammtische

Der Accessibility-Stammtisch ist ein informelles Treffen für alle, die sich für das Thema „barrierefreies Internet“ interessieren. Der Stammtisch findet monatlich statt und wird von der Plattform accessible media organisiert.

Hier können Sie sich Bilder von den letzten Stammtischen von accessible media ansehen.

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