Der weiße Tiger

Sie ist noch zu finden, die Solidarität in unserer rasenden Gesellschaft. Irgendwo zwischen Geld verdienen, wohnen, essen und schlafen.

Dunkle Regenwolken
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Man findet sie als Selbstverständlichkeit innerhalb einer Randgruppe oder mitunter auch unterhalb von Randgruppen. Hier weiß man, was Solidarität und Inklusion bedeutet, kämpft man doch täglich um Anerkennung der Grundbedürfnisse und Menschenrechte.

Einer unangenehmen Verabredung kann man nicht mehr entgehen. Man sucht einen neutralen Ort, einen ruhigen Gastgarten. Das Lokal „Weißer Tiger“ bietet sich an. Gleich ums Eck, vis á vis vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Dieses soziale Krankenhaus im Rücken beweist sich sicher als gutes Omen, denkt man. Außerdem ist ein „Kaiserwetter“ angesagt und die hohen Stufen ins Lokal werden kein Thema sein.

Die Sonne scheint, man ringt um Worte und bestellt vorerst Essen und Trinken, um die Peinlichkeit der Stille zu ertragen. Nach ein paar Augenblicken kommt es wie erwartet zu hitzigen Debatten und nebenbei verändert sich der strahlend blaue Himmel. Es beginnt zu regnen. Man fährt zum Hintereingang in der Seitengasse, denn dort sind weniger Stufen ins Lokal und starke Männer in der Küche, die helfen können – erfährt man vom Wirt.

Er heißt William und ist Schwarzafrikaner

Ein Küchengehilfe, ein Zwiebelschneider und Tellerwäscher. Er legt meine Arme über seine Schultern, packt meinen Rumpf samt den Beinen und hebt mich aus dem Rollstuhl. Er trägt mich wie über die Wohnungsschwelle nach der Hochzeit. „Don`t worry, please, don´t worry„, flüstert er. Er trägt mich die Stiegen rauf, durch die Küche in den großen Gastraum und lässt mich sanft auf einen Sessel gleiten.

Seine Augen sind voll Traurigkeit, aber sein Mund lächelt immerzu. Was mag es wohl für eine Geschichte sein, die William bis in eine Wiener Küche gebracht hat? Wie im Zeitraffer ziehen die Bilder von Schlauchbooten vor Lampedusa vorbei. Von den Toten im Meer.

Die Solidariät hat er gelernt, der Küchengehilfe. Die Solidarität, die man braucht, wenn man in einem Boot sitzt. Thank you, William, and be blessed!

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