If I could get in I would come out

Der Diagnose „Cerebrale Tetraparese“ folgten im Lauf meines Lebens zahllose defizitorientierte Zuschreibungen einer sogenannten nichtbehinderten Mehrheit, der viel daran lag, meinen Körper zum Funktionieren zu bringen, wie es sich gehört. Ein Kommentar in an.schläge 2016.

Elisabeth Löffler
Ernst Spiessberger

Weniger wichtig war, wie es mir in meinem Körper vielleicht gut gehen hätte können. Oder wie ich mich als Frau oder Mann oder sonstwo in der Kategorie „Geschlecht“ hätte verorten wollen. Auf die Diagnose „Behinderung“ folgt das Geschlecht „behindert“, alles andere rückt in den Hintergrund.

Lange wurde es als Errungenschaft angesehen, dass Menschen mit Behinderung versorgt, gepflegt, pädagogisch gefördert und geschützt vor der restlichen Gesellschaft beschäftigt und verwahrt wurden – besonders gern in abgelegenen Grüngebieten mit viel frischer Luft. „Früher hätte man solche wie Euch vergast“ (Zitat eines Besuchers nach einer integrativen Tanzveranstaltung, Ende der 1980er). Fürsorge im Grünen einerseits, unzählige Barrieren andererseits – Körperliche Zuschreibungen und Ausschlüsse sind überall, Räume zur Entwicklung einer eigenen Identität als Frau waren lange nicht vorhanden oder nicht zugänglich.

Bevor frau übersehen wird, muss sie erst als Frau gesehen werden. Wir Frauen mit Behinderung wurden von der „Frauenbewegung“ lange nicht als potenzielle Mitstreiter_innen für die Gleichstellung von Frauen in allen gesellschaftspolitischen Bereichen wahrgenommen. Wir waren ja auch nicht sichtbar. Cafés, Bars, Frauenzentren, Verkehrs- und Verhütungsmittel, Toiletten – nicht erreichbar.

Und: Viele Frauen mit Behinderung, die es geschafft haben, der frischen Luft der Fürsorge und den unzähligen Projektionen zu entkommen, wollten so schnell nicht wieder einer stigmatisierten Gruppe zugeordnet werden. Also lieber nicht zu den „Feministinnen“ oder den „FrauenLesben“ oder sonstwie „anderen“ gehören. Lieber endlich unauffällig und so „normal“ wie möglich sein.

Die Bürgerrechtsbewegung, die Frauenbewegung und die Independent Living Bewegung in den USA haben eine gemeinsame Wurzel: den Wunsch nach Selbstbestimmung. Wahlmöglichkeiten innerhalb einer Gesellschaft, gleichberechtige Teilhabe am politischen öffentlichen Leben, Zugang zu öffentlichem Verkehr, Gebäuden, Ämtern, Bildung – Ziele, die wie Selbstverständlichkeiten klingen und doch jahrzehntelange Kämpfe erforderlich gemacht haben.

Es hat bis in die 1980/90er-Jahre gedauert, bis diese Haltung auch Österreich erreicht hat – in dieser Zeit entstanden die ersten Selbstbestimmt Leben Zentren, und Persönliche Assistenz als eine der nötigen Rahmenbedingungen, um tatsächlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, wurde erkämpft. Ich hatte das Glück, genau in dieser Zeit am richtigen Ort gemeinsam mit gesellschaftspolitisch engagierten Frauen und Männern mit und ohne Behinderung und unterschiedlichen sexuellen Orientierungen zusammenzutreffen und so Vielfalt, Diversität und Inklusion erleben zu können – schon Ende der 1990er-Jahre, als die Begriffe dafür noch andere waren.

In den letzten Jahren erlebe ich bei gemeinsamen Projekten in queerfeministischen Zusammenhängen, dass genau an diesen Rändern das Verbindende im Anderssein spürbar wird. Wir erleben Gemeinsamkeiten – auch in den Diskriminierungserfahrungen: etwa Fragen, „ob das angeboren ist“ oder „heilbar“, ob „solche“ Menschen überhaupt Kinder haben sollen, ob sie geboren werden sollen, weiter leben dürfen. Die Liste ist schon zu lang und trotzdem unvollständig, wie wir wissen – und immer wieder am eigenen Körper erfahren müssen.

Reden wir darüber, anstatt uns zu schämen. Trösten, ermutigen und stärken wir einander, und setzen wir der oberflächlichen politischen Correctness und Phrasendrescherei konkrete Forderungen, politische Haltung und gelebte Solidarität entgegen.

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