Ist wirklich jeder behindert?

An welchem Satz merkt man ganz schnell, dass jemand es sicher ganz nett meint, aber im Grunde null Ahnung hat, wovon er redet?

Christiane Link
ÖZIV

Auf meiner Hitliste weit oben steht der Satz: „Im Grunde ist ja jeder irgendwie behindert.“ Dieser Satz wird so gut wie immer nur von nicht behinderten Menschen benutzt und ich hasse ihn. Ich schreie innerlich, wenn zu mir jemand diesen Satz sagt und gerade ist der Satz irgendwie wieder voll in Mode.

Warum ich den Satz hasse?

Er ist einfach falsch und er negiert völlig die Diskriminierung, die behinderte Menschen erfahren.

Zum einen steckt dahinter der Wunsch nach Gleichmacherei. Alle sind ja irgendwie gleich, alle machen die gleichen Erfahrungen. Das ist sicher sehr nett gemeint, aber nein, mit Verlaub, das ist nicht so. Nicht behinderte Menschen machen nicht die Erfahrungen, die behinderte Menschen machen. Nicht einmal behinderte Menschen machen die gleichen Erfahrungen, die andere behinderte Menschen machen, weil sie andere Bedürfnisse haben.

Nicht behinderte Menschen müssen sich nicht bei der Bahn 24 Stunden vorher anmelden, wenn sie reisen wollen. Die können einfach in den Zug steigen. Die dürfen auch auf den Berliner Fernsehturm und ins Kino, wann und wo sie möchten, die können auch jede Sendung im Fernsehen sehen und nicht nur die wenigen, die man untertitelt, um mal nur ein paar Beispiele zu nennen.

Meine Behinderung definiert sich für mich darüber, wie barrierefrei mein Alltag ist. In einer barrierefreien Umwelt fühle ich mich nicht behindert. Leider ist die Umwelt aber so, dass behinderte Menschen an sehr viele Barrieren stoßen. Das schließt sie von vielen Lebensbereichen aus: öffentliche Verkehrsmittel, Bildung, Beruf, Kultur, Medien. Die Liste ist ewig lang. Behinderte Menschen machen also tagtäglich die Erfahrung, dass sie ausgegrenzt werden. Sie werden behindert. Das zu ändern ist eine Frage von Menschenrechten und dem Bekämpfen von Diskriminierung.

Wenn man das ändern möchte (was ich schwer hoffe), muss man als erstes einmal den Umstand anerkennen, dass es Diskriminierung und Ausgrenzung gibt und auch, dass Behinderung kein allein individuelles Problem eines einzelnen ist, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Diese oben beschriebene Gleichmacherei macht aber genau das Gegenteil. Es erkennt nicht die Bedürfnisse einer bestimmten Minderheit an, die die Gesellschaft vielfach nicht berücksichtigt, sondern tut so als seien die Erfahrungen im Alltag für alle gleich. Das ist aber nicht so.

Diese Definition von Behinderung übrigens ist auch der Grund, warum es im britischen Englisch „disabled people“ und nicht „people with disabilities“ (oder wie im Deutschen „Menschen mit Behinderungen“) heißt. „Disabled people“ geht davon aus, dass behinderte Menschen behindert werden nicht eine Behinderung haben, es ein gesellschaftliches Problem ist und fokussiert nicht auf eine rein medizinische Diagnose. Die Diagnose nennt man „impairment“ nicht „disability“.

Dahinter stehen zwei verschiedene Denkweisen über Behinderung. Das „medizinische Modell“ und das „soziale Modell“ von Behinderung. In Deutschland definiert man Behinderung danach, was jemand nicht kann und sieht das als alleinige Ursache für die Behinderung. Zum Beispiel: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil ich nicht laufen kann. Das „soziale Modell“ geht davon aus, dass die äußeren Umstände die Behinderung sind. Also: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil da fünf Stufen vor der Tür sind.

Zukunftsweisender ist sicher das „soziale Modell“, denn ein Gebäude kann man ändern, aber es wird immer Menschen geben, denen fünf Stufen Probleme bereiten. Darauf zu hoffen, dass sich das individuell oder medizinisch löst, ist ziemlich unwahrscheinlich und führt zu weiterer, andauernder Ausgrenzung – eben so lange, bis das Gebäude nicht geändert ist.

Also nein, im Grunde ist nicht jeder behindert, nur ein Teil der Bevölkerung. Aber jeder kann etwas dafür tun, dass die Barrieren weniger werden. Dazu gehört auch, solche Sprüche zu überdenken.

Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich
Hier beginnt der Werbebereich Hier endet der Werbebereich

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

0 Kommentare

  • Ein schöner Beitrag – in dem leider sehr viel Wahres steckt.
    Zumindest in dem Punkt soziales Modell kann ich sagen: Es ist angekommen. Zumindest in den deutschen Hochschulen; oder wenigstens in der, in der ich bin – bei uns an der Universität Hamburg hat sich das soziale Modell so sehr in den Köpfen verankert, dass wir alle manchmal ein wenig empfindlich reagieren, wenn andere Leute dieses Modell noch nicht als das ihre entdeckt haben.

  • Ja, ich möchte diese Zeilen ebenfalls voll unterschreiben, doch Behinderung definiert sich für mich nicht nur über Rollstuhlfahrer.Um einer inklusiven Gesellschaft näher zu rücken braucht es noch sehr viel Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit.Menschen mit Behinderung werden noch immer viel mehr behindert als unterstützt.Wir werden uns in Zukunft gut überlegen müssen, von welcher politischen Gruppe wir uns vertreten lassen. Im Moment sehe ich mehr Rückschritte, als Fortschritte. Der Sparschift hat leider schon wieder zugeschlagen. Es ist soo traurig, dass Menschen mit Behinderung, in einem der reichsten Länder der Welt, immer noch als Bittsteller, auf Almosen angewiesen sind.

  • Danke, Christiane Link, für den wichtigen und richtigen Beitrag!

  • toller beitrag zu diesem thema!

  • Danke für diesen Text, in dem sie Ihre Sichtweise und Ihr Empfinden klar und nachvollziehbar beschreiben. Wie schon die Kommentare zeigen, bestehen sogar innerhalb der als behinderte Menschen bezeichneten Gruppe sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Soweit ich mich erinnern kann, waren es behinderte Menschen die in Österreich darum gekämpft haben, dass es endlich Menschen mit Behinderungen heißen soll ….
    Ich selbst gehöre zu den sogenannten Nicht-Behinderten, die den von Ihnen gehassten Satz manchmal verwenden. Nicht um gleichzumachen, sondern um anderen „Nichtbehinderten“ eine Ahnung von diesem Gefühl zu vermitteln. Ausgeschlossen sein, sich unfähig fühlen, weil die Rahmenbedingungen so sind wie sie sind. Ich verstehe Gebrauchsanleitungen nicht, kann kleine Texte nicht lesen, bin mit Lautsprecherdurchsagen überfordert ….
    Ich glaube, dass der Weg der Veränderung am leichtesten über Verständnis, Respekt und Wertschätzung zu gehen ist. Gebt doch den Nichtbehinderten eine Chance zu verstehen! Damit sie auch die sich ändernden gesetzlichen Rahmenbedingungen verstehen und endlich anfangen, diese einzuhalten!

  • Ich hab seid Geburt keine Beine und fühle mich nicht Behindert! Nicht Behinderte können dies selten verstehen, aber ich kenne nichts anderes. Ich bewege mich meist auf einem Skateboard oder auf den Händen vorwärts! Es sind ja meist die nicht Behindeten die Mühe damit haben, ich nicht!

  • Dieser Satz ist eine Modeerscheinung von manchem Politiker, der es besonders gut meint und sich mit Behinderten solidarisieren möchte – ich finde auch, damit beschönigt man die großen Schwierigkeiten, mit denen viele Betroffene
    im Alltag kämpfen. Mit Floskeln alleine wird hier niemandem geholfen.
    Wenn man sich nur solidarisiert und versucht zu inkludieren, werden sich die baulichen Barrieren nicht von selbst abbauen!

  • Ich habe den Satz noch nie von einem Nicht-Behinderten gehört. Ich höre das meistens von Behinderten, z.B. sagt Julia Probst das recht oft.