Mobilität für alle

Anfang September 92 fand in Dornbirn aus aktuellem Anlaß eine Veranstaltung zum Thema "Mobilität für alle" statt.

Zur Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs ist in mehreren Vorarlberger Städten und Regionen der Einsatz von neuen Buslinien nach dem Dornbirner Modell geplant.

Der „Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte“ als Organisator dieser Veranstaltung, zu der neben den für Verkehrs- und Behindertenfragen zuständigen politischen Vertreter auch einige Fachleute aus diesem Bereich und die Behindertenstammtische Vorarlbergs eingeladen wurden, fordert die behindertengerechte Ausstattung aller öffentlichen Verkehrsmittel und den Einbau von Hubliften.

Für den Treffpunkt bedeutet der Einbau von Hubliften die einzige behindertengerechte Einstiegshilfe, da sie von allen Menschen benutzt werden kann und niemanden von der Teilnahme am öffentlichen Leben ausschließt.

Der Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte wurde im Jänner 91 gegründet und ist eine Gruppe von Menschen mit ähnlichen Interessen. Die Mitglieder der Gruppe treffen sich zu einem gemütlichen Abend, diskutieren über Schwierigkeiten von Behinderten im täglichen Leben, suchen nach Lösungen dieser Probleme und setzen gemeinsame Initiativen. Vergleichbar ist unsere Gruppe mit einem sogenannten Behindertenstammtisch.
Zu einem enorm wichtigen Anliegen ist dem Treffpunkt die Schaffung gleicher Lebensbedingungen für alle Menschen geworden. Grundsätzlich wird dabei der Standpunkt vertreten, daß wir in einer Gesellschaft leben, in welcher allen Menschen die gleichen Rechte zustehen, worin wir den Ausgangspunkt der Bemühungen um unsere behinderten Mitmenschen sehen. Gleiches Recht für alle Menschen bedeutet aber auch gleiche Lebensbedingungen für alle Menschen, gleichgültig ob behindert oder nicht behindert und unabhängig von Art und Schwere der Behinderung.

Die gleichen Lebensbedingungen müssen auch für alle Lebensbereiche ihre Gültigkeit haben, was beispielsweise bedeutet, daß unter Zuhilfenahme von ambulanten Diensten ermöglicht wird, daß behinderte Erwachsene in Wohnungen leben können, die jenen der Normalbevölkerung entsprechen. Zusammengefaßt bedeutet dies, behinderten Menschen ein Leben so nahe wie möglich dem Normalen zu gewährleisten, was aber nicht heißt, den Behinderten zu einem normalen Menschen umformen zu wollen. Es bedeutet lediglich, normale Lebensbedingungen zu schaffen.

Ausgehend von dieser Zielsetzung der gleichen Lebensbedingungen für alle Menschen, ist es dem Treffpunkt seit Beginn seines Bestehens ein großes Anliegen, sich für die behindertengerechte Ausstattung öffentlicher Verkehrsmittel einzusetzen. Die Gruppe kann dabei auf mehrere Aktionen und eine Informationsveranstaltung im Zusammenhang mit der Einführung der Dornbirner Stadtbusse verweisen.

In der Veranstaltung „Mobilität für alle“ ging es dem Treffpunkt für Behinderte und Nichtbehinderte vor allem um zwei wichtige Dinge:
Einerseits wurden Erfahrungen der behinderten Menschen mit den diversen herkömmlichen Verkehrsmitteln und dem Dornbirner Stadtbus anhand von Videoaufzeichnungen dargestellt, wobei zuerst ein herkömmlicher Bus gezeigt wird, bei dem aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers keine Möglichkeit besteht, in den Bus zu gelangen. Vergleichsweise dazu wurden auch die Einfahrtmöglichkeiten in die mit Rampe und Hublift ausgestatteten Niederflurbusse gefilmt.

Andererseits wurde die Tatsache, daß andere Vorarlberger Städte und Regionen den Einsatz von Niederflurbussen zur Bewältigung des öffentlichen Nahverkehrs planen, zum Anlaß genommen, vehement die behindertengerechte Ausstattung dieser Verkehrsmittel durch den Einbau von Hubliften zu fordern.

Die in Dornbirn eingesetzten Niederflurbusse wurden zusätzlich mit einer ausfahrbaren Rampe ausgestattet, um Menschen, die zu ihrer Fortbewegung auf Rollstühle angewiesen sind, die Benutzung dieses Verkehrsmittel zu ermöglichen.

Nun weist diese Rampe aber Mängel auf, die Rollstuhlfahrern einige Probleme bereiten.

So ist das Einfahren in den Bus für einen Großteil der Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe nicht möglich, da die Rampe bei vielen Haltestellen eine zu große Steigung aufweist, was zudem relativ große Verletzungsgefahren mit sich bringt. Vor allem muß berücksichtigt werden, daß die Rampe im Winter auch vereist sein wird. Auch bei Haltestellen, bei denen die Bordsteine der Gehsteige auf 16 cm erhöht wurden, ist ein selbständiges Einfahren für viele behinderte Menschen nicht möglich, wie auch ein Rollstuhl-Selbsterfahrungsversuch mit den Busfahrern ergeben hat.

Weitere Mängel im Dornbirner Stadtbus, die bei zukünftigen Neuanschaffungen unbedingt behoben werden müssen, sind die zu hoch angebrachten Stopknöpfe und die Fahrscheinautomaten im Fahrzeuginnern.

Nach der Meinung der Gruppe kann die ausfahrbare Rampe nicht als behindertengerechte Lösung gelten, weil sie für einen Großteil der Rollstuhlfahrer, wie bereits geschildert, nicht geeignet ist.

Die Erfahrungen mit der Behindertenrampe in Dornbirn haben deutlich gemacht, daß der Einbau von Hubliften als einzige behindertengerechte und zugleich benutzerfreundlichste Variante gelten muß. Die Hebe- und Senkvorrichtung kann in der Regel beim vorderen Einstieg der Niederflurbusse eingebaut werden.

Durch den Hublift wird den Rollstuhlfahrern ein selbständiges und wagrechtes Ein- und Ausfahren ermöglicht, da sich diese Vorrichtung jeder Bordsteinhöhe anpassen kann.

Die Bordsteinerhöhung im Haltebereich würde sich durch diese Maßnahme erübrigen. Auch alten und gehbehinderten Personen wäre dadurch sehr geholfen, weil ein gänzlich stufenloser Ein- und Ausstieg ermöglicht wird.

Nach der Vorführung des Videos und der soeben dargestellten Gegenüberstellung von Rampe und Hublift kam eine Diskussion zustande, in deren Verlauf sich etliche Veranstaltungsteilnehmer zu Wort meldeten.

Dabei zeigten sich auch einige der anwesenden politischen Vertreter von der Möglichkeit von Hubliften beeindruckt und versprachen, das Ihre für die behindertengerechte Ausstattung der öffentlichen Verkehrsmittel beizutragen.

Allerdings gaben mehrere Diskussionsteilnehmer zu bedenken, daß es bereits zu spät sei, die Busse schon bestellt wären und technische Änderungen in diesem fortgeschrittenen Stadium nur noch schwer durchführbar wären.

Vom Koordinator des Dornbirner Stadtbusses wurde auch noch die Ansicht vertreten, daß der Einbau von Hubliften bei jenen Bussen der Firma Neoplan, die eine Länge von 9,60 m aufweisen, technisch nicht möglich sei, da der vordere Einstieg eine zu geringe Breite aufweist, um mit einem Rollstuhl in den Bus zu gelangen. Und größere Busse scheinen für einige der Teilnehmer für die kleinen Vorarlberger Städte nicht rentabel zu sein, und würden außerdem straßenbauliche Probleme nach sich ziehen.
Der Treffpunkt vertritt in diesem Zusammenhang jedoch die Ansicht, daß bei neuen Bussen eine entsprechend breitere vordere Eingangstüre technisch durchaus machbar sein müßte, wodurch dem Einbau von Hubliften nichts mehr im Wege stehen würde. Jedenfalls wurden die anwesenden Politiker und Verkehrsfachleute vor allem von den behinderten Diskussionsteilnehmern aufgefordert, auch die Herstellerfirma Neoplan, deren Busse bereits in München und in anderen Städten in beträchtlicher Anzahl mit Hubliften verkehren, von der Notwendigkeit, auch den kleineren Bus zukünftig so zu konstruieren, daß der Einbau von Hubliften technisch möglich wird, zu überzeugen.

Zusammenfassend wird festgestellt, daß nur mit dem Einbau der Hebe- und Senkvorrichtung die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel durch alle Menschen ermöglicht wird.

Und: „Verkehrsträger, die in Zukunft zwar Niederflurfahrzeuge, aber ohne Hublifte anschaffen oder auf die billigere Variante zurückgreifen, betreiben weiterhin Aussonderung und Diskriminierung.“

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