SCHwer behindert – wer behindert?

Unter diesem Titel startete die Österreichische Hochschülerschaft vom 24. bis 27. Mai 1993 eine Aktionswoche im Arkadenhof der Wiener Universität. Dabei sollte aufgezeigt werden, daß Behinderung zwei Seiten hat.

Schild Universität
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Einerseits werden behinderte Menschen durch ihre jeweilige Behinderung eingeschränkt, andererseits, meiner Meinung nach der wichtigere Aspekt, werden Behinderte durch ihre Umwelt behindert.

Diese beiden Gesichtspunkte nahmen wir zum Anlaß, um verschiedene Aktivitäten zum Thema Behinderung zu setzen.

Dank des schönen Wetters fanden der Rollstuhl-Marathon und der Blinden-Parcours bei den Besuchern ganz großen Anklang. Nichtbehinderte Besucher borgten sich einen Rollstuhl aus und versuchten damit einen Parcours zu fahren, in weiterer Folge versuchten sie über eine Rampe eine 15 cm hohe Stufe zu überwinden.

Der eine oder andere versuchte sich sogar im Gehsteig überwinden. Ganz sportliche Studenten übten sich auch im Rollstuhl-Basketball. Ähnlich gestaltete sich der von blinden Studenten geleitete Blinden-Parcours.

Den Sehenden wurden die Augen verbunden und Blinde führten sie durch den Arkadenhof der Universität. Nach erfolgreicher Absolvierung gab es zur Stärkung einen Milchshake. Das Echo war meist:

„So schwer hätte ich es mir nicht vorgestellt“

An den Informationsständen konnte einschlägige Literatur (Broschüre, Folder, Bücher) eingesehen und erworben werden, das Landesinvalidenamt informierte über finanzielle Unterstützungen, die Firma CareTec stellte Hilfsmittel für blinde Menschen aus und die Firma IBM einen Computer für blinde Menschen. Die Partnerhunde zeigten einige Hilfestellungen, wie sie Behinderte optimal unterstützen können.

Das Rahmenprogramm hatte äußerst interessante Vortragende zu bieten.
Prof. Colin Barnes, ein sehbehinderter englischer Universitätsprofessor, sprach über behinderte Menschen in den Medien und in weiterer Folge über Diskriminierung und wie man durch Aufklärung mittels Medien das Bild der behinderten Menschen verbessern kann.

Die Medien zeigen behinderte Menschen entweder als die SuperheldInnen oder als AlmosenempfängerInnen. Dazwischen gibt es keine Abstufungen.

Prof. Dr. Sidney Wolinsky hielt einen Vortrag über die Vorteile des Amerikanischen Antidiskriminierungsgesetzes, kurz ADA genannt. Er unterrichtet an der Universität Berkley/Kalifornien und ist ehrenamtlich als Rechtsanwalt für behinderte Menschen in den USA tätig.

Dr. Wolinsky begann mit einer kurzen Anekdote: Eine gut gekleidete Rollstuhlfahrerin saß auf einem Bahnhof in einem Café, es kam eine Frau auf sie zu und steckte ihr einen Geldschein zu. Die Rollstuhlfahrerin war zutiefst erstaunt, zumal sie selbst Rechtsanwältin war, ein gutes Einkommen hatte und durch ihre Kleidung nicht minderbemittelt aussah.

Behinderte Menschen sehen sich einer Umwelt ausgesetzt, die ihren Anforderungen in weiten Teilen nicht gerecht wird. Sie sehen sich Haltungen gegenüber, die von Ignoranz bis Ablehnung reichen.

Deshalb wurde 1990 das Antidiskriminierungsgesetz in den USA gesetzlich verankert. Es beruht auf drei Teilen:

Teil 1 behandelt die Schule, Ausbildung, Arbeit – Kein behinderter Mensch, darf aufgrund seiner Behinderung von einer Ausbildung oder einem Beruf ausgeschlossen werden.

Teil 2 behandelt die öffentlichen Verkehrsmittel – Diese müssen innerhalb der nächsten 5 Jahre den Bedürfnissen behinderter Menschen gerecht werden.

Teil 3 behandelt die öffentlichen Einrichtungen – diese müssen behindertengerecht adaptiert werden.

Die amerikanische Gesetzgebung sieht bei Nichteinhaltung der Gesetze hohe Strafen vor, so mußte ein Lokal schließen, da es bei seiner Renovierung vergessen hatte, einen ebenerdigen Eingang zu schaffen.

Auf den Behindertenparkplätzen findet man nur Autos von Betroffenen, denn die Strafen sind um ein Vielfaches höher als bei uns und die Durchsetzung durch die Polizei wird rigoroser gehandhabt.

Der kulturelle Aspekt kam auch nicht zu kurz, an einem Abend wurde der Film „Mein linker Fuß“ gespielt, zu dem überraschend viele Zuschauer kamen. Am Abend zuvor fand eine Lesung von Gedichten und Geschichten von Franz-Joseph Huainigg und Dr. Erwin Riess statt.

Frau Dipl.-Ing. Hohenester hielt einen Vortrag über „Behindertengerechtes Bauen“. Diese Veranstaltung lag uns besonders am Herzen, da an der Universität Wien und deren Nebeninstituten noch sehr viel im Argen liegt, was behindertengerechtes Bauen angeht.

Wie einige BesucherInnen vielleicht bemerkt haben, mußten sie zu einigen Veranstaltungsorten Treppen überwinden. Es war uns nicht möglich 1. einen zentralen Ort zu finden, der 2. ebenerdig zugänglich war. Dabei mußten wir einige Eingänge mit steilen, mobilen Rampen zugänglich machen.

So passierte es, daß hin und wieder aufgrund der verschiedenen Rollstuhlbreiten die Rampen mit den Rollstühlen nicht übereinstimmten oder Rampen zu steil waren, um sie alleine zu überwinden.

In der Aula der Universität fand eine Ausstellung zum Thema „Umwelt und Behinderung“ statt, weiters wurden verschiedene Dokumentarfilme gezeigt.

Die HelferInnen vom Malteser Hospitaldienst stellten sich freiwillig in den Dienst der Sache und halfen uns bei Tätigkeiten, die wir, aufgrund unserer Behinderung, nicht bewältigen konnten. Zum Beispiel beim Plakatieren für die Aktionswoche, beim Aufstellen und Wegräumen der Informationstische oder beim Ausgeben von Speisen und Getränken.

Im Nachhinein sind wir glücklich, daß 5 Monate Vorbereitung für diese Aktionswoche nicht umsonst waren, und wir auch einen Umdenkprozeß bei unseren Besuchern einleiten konnten.

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